mord & totschlag

Verschwörung an der Spree (14)

Freitag, 14. Oktober 2011 von Ulli

Hauptkommissarin Birgit Allenare von der Kripo Berlin nimmt an der Aktion teil. Sie hat sich in die Cafeterria begeben, in der von Blaustückens Treffen mit seinem Kontaktmann stattfinden soll:

…Sie erkannte Adrian sofort. Im geheimen Dossier gab es ein altes Foto von Blaustückens. Sie bestellte ebenfalls einen Espresso und tat uninteressiert. Zwei Muskelmänner, die der Kommissarin verdammt nach dem Sonderkommando Bundespolizei aussahen, saßen an einem Tisch an der Seite. Ohne jeden Zweifel wimmelte es in der Caféterria von Polizisten, Allenare konnte ihre Kollegen förmlich riechen…

Verschwörung an der Spree (13)

Dienstag, 04. Oktober 2011 von Ulli

Was bisher geschah: Adrian von Blaustücken ist auf der Flucht. Als hoher Mitarbeiter des Bundesministeriums des Innern hatte er wichtige geheime Daten gestohlen, die er nun verkaufen will. Sein Bruder Johannes von Blaustücken wurde bei einer Schießerei mit der Berliner Polizei verletzt und festgenommen, er schweigt jedoch hartnäckig über Adrians Verbleib. Da gelingt es einer Sonderabteilung des BKAs, mit Hilfe eines Programms zur Stimmenerkennung ein Telefongespräch abzuhören, in dem Adrian von Blaustücken sich mit einem Kontaktmann im Shopping-Planeten am Alexanderplatz verabredet.

…von Blaustücken spürte die schwere Pistole in der Tasche seines Mantels. Er musste auf jeden erdenklichen Trick und auf jede nur vorstellbare Schweinerei gefasst sein. Das Adrenalin pulsierte heiß durch seine Adern. Rasch trank er einen Espresso, während sein Blick durch die Caféterria degli Napoli hastete. Eine Dame in einer alten Lederjacke und einer Pracht von schwarzen und grünen Korkenzieherlocken betrat den Raum. Sie hatte Kurven wie eine Luxusyacht. Ihr Blick glitt über Adrian. Er fragte sich sofort: Von welchem Dienst stammt sie?…

Heinrich von Kleist und das preußische Desaster

Montag, 12. September 2011 von Ulli

Bekanntlich nahm der Staat Preußen ein böses Ende: Nach dem zweiten Weltkrieg wurde er von den allierten Siegermächten wegen seines Militarismus verboten. Und die preußische Adelskaste landete bis auf wenige Ausnahmen buchstäblich auf dem Kehrrichthaufen der Geschichte: Als Hitlers getreue Offiziere führte der preußische Adel die deutsche Wehrmacht bis nach Stalingrad und Kreta, bis zum Nordkap und in den Kaukasus und schließlich in den Untergang.

Heinrich von Kleist wurde 1777 in Frankfurt/Oder geboren und starb 1811 durch Selbstmord in Berlin. Er lebte in einer Zeit grundlegender Umbrüche, in der von Frankreich aus ein Sturm über Europa ging. Auch das alte, durch den aufgeklärten Absolutismus Friedrichs des Großen geprägte Preußen, wandelte sich damals zu einem Staat der bürgerlichen Moderne. Man muss sich vor Augen halten, dass Kleist am Puls seiner Zeit lebte: In die preußische Adelsklasse hineingeboren, nahm er als Kindersoldat an den Kriegen gegen das revolutionäre Frankreich teil und lebte er dann als junger Offizier in Potsdam, damals eine der modernsten Städte des Kontinents. Er ging längere Zeit nach Paris und in die Schweiz, wo er eine Art dichtender Aussteiger war. Zugleich verfolgte er mit heißem Herzen den Aufstieg Napoleons und den Niedergang Preußens. Nach der Niederlage von Jena und Auerstedt hatte er als preußischer Beamter in Königsberg Kontakt zum Kreis der Reformer um den Freiherrn vom Stein und Karl August von Hardenberg. Wieder in Berlin lebte er im Zentrum der historischen Entwicklungen, er gab sogar eine eigene Zeitung heraus. Und Kleist war sich der rasanten Zeitläufe bewusst: Die Zeit scheint eine neue Ordnung der Dinge herbeiführen zu wollen, und wir werden davon nichts, als bloß den Umsturz der alten erleben. (Brief an Pfuel, August 1806, zitiert nach: Peter Michalzig, Kleist – Dichter, Krieger, Seelensucher, Berlin, 2011, S.269)

Trotz, oder gerade auch wegen dieses pessimistischen Tons entwarf Kleist in seinen Theaterstücken und Novellen nahezu prophetische Ausblicke auf die Aporien der heraufziehenden bürgerlichen Moderne. Man kann an die Hybris des Michael Kohlhaas erinnern, an den Geschlechterkampf der Phentesilea, an die bis dahin ungelesene Ästhetisierung der Gewalt an vielen Stellen seines Werkes oder an die totalitäre Vernichtungswut der Hermannsschlacht. Wie also konzipiert Kleist die Moderne? Was macht seine grandiose Besonderheit aus?

Schloss Neuhardenberg, Märkisch-Oderland, Brandenburg

Kleists Biograph Michalzig weist darauf hin, dass er mit seinem Denken seiner Zeit so weit voraus war, dass ihm häufig die richtigen Begriffe fehlten. So spricht Kleist von „Bildung“, meint jedoch nichts anderes als eine radikale Selbstentfaltung des Individuums (a.a.O. S.11). Im Michael Kohlhaas, der wegen einer vergleichsweise kleinen Kränkung (es geht um ein paar Pferde, die ihm beim Grenzübertritt nach Sachsen willkürlich weggenommen werden) völlig außer Rand und Band gerät (es fängt einen blutigen Bürgerkrieg an und brennt ohne jede Hemmung die Stadt Wittenberg nieder), demonstriert er die Hybris eines scheinbar ganz auf sich selbst gestellten und nur sich selbst gegenüber verantwortlichen Individuums. So ist die Novelle eine der hellsichtigsten Analysen des modernen Terrorismus – ein intellektuell und emotional ausgesprochen mittelmäßiger Zeitgenosse glaubt sich aus der Gemeinschaft des Staates…verstoßen (Kleist, Michael Kohlhaas) und nimmt Recht und Gewalt in seine eigene Hand. Gänzlich in seine Raserei verstrickt unterzeichnet er mit: gegeben auf dem Sitz unserer provisorischen Weltregierung.

Für die andere Seite der bürgerlichen Modernisierung, für die Herausbildung demokratischer und rechtsstaatlicher Institutionen, ist Kleist nämlich weitgehend blind. Das ist kein Wunder, denn in Preußen gab es diese Institutionen ja auch nicht. Nachdem Kohlhaas seine Pferde weggenommen wurden, versucht er es zuerst mit Eingaben beim preußischen Kurfürsten, doch gegen die feudale Günstlingswirtschaft kommt er nicht an. Seine geliebte Frau wird von einem Soldaten in einem Unglück getötet und auch hier greift kein bürgerliches Recht. Kleist kannte zwar Frankreich, nahm dort aber nur das Chaos der Revolution war. Mit dem rechtsstaatlichen Großbritannien oder den neu gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika hat er sich nicht beschäftigt. In der Herrmannschlacht, einer Art Propagandastück gedacht für den preußischen Befreiungskampf gegen Napoleon, entwirft Kleist seine Definition von Freiheit: Es soll eine Art totaler Guerillakrieg geführt werden und Hermann fragt: wollt ihr…verheeren eure Fluren, eure Herden erschlagen, eure Plätze niederbrennen (Kleist, Herrmannschlacht, I.Akt, 3.Auftritt). Die Germanen sind entsetzt: Das eben, Rasender, ist es ja, was wir verteidigen wollen. (a.a.0.). Hermann antwortet cool: Nun denn, ich glaubte, eure Freiheit wärs. (a.a.0.) Man wird Kleist nicht zu nahe treten, wenn man sich hier an die Taliban erinnert fühlt. Mit unserem heutigen, rechtsstaatlichen Freiheitsbegriff hatten Kleist Fantasien nichts zu tun.

Meine These: Kleist Hellsichtigkeit gegenüber den Nachtseiten der Moderne, sein tiefes Verständnis von Terrorismus und Totalitarismus (Michalzik, S.375), gründen darin, dass er Modernisierung ausschließlich von der Emanzipation des Individuums her konzipiert. Die Entwicklung von Demokratie und Rechtsstaat kommt gar nicht vor. In seinen Werken läuft das durch gar nichts mehr regulierte Individuum in seiner eigenen Hybris Amok. Es sind die preußischen Prämissen seines Denkens – dass sich hier die bürgerliche Moderne im Zusammenspiel mit einem autoritären Staat entfaltete und Demokratie bedeutungslos war – , die seinen grandiosen Blick auf die Nachtseite der bürgerlichen Welt erst ermöglichten.

siehe auch: Heinrich von Kleist: Polizeibericht aus dem Charlottenburg des Jahres 1810.

Empfehlenswerte Thriller: John Le Carre: “Verräter wie wir”

Mittwoch, 24. August 2011 von Ulli

John le Carre ist der Drei-Sterne-Koch unter den Thrillerautoren: er beherrscht vollkommen sein Handwerk, er versteht etwas von seinen Themen und er besitzt sogar eine moralische Haltung. Er ist also ein echter Ausnahmeschriftsteller. In Verräter wie wir geht es um das junge englische Middle-Class-Paar Gail und Perry; er ist Dozent in Oxford, sie Karriereanwältin in London; und beide haben sich etwas gespart und machen nun Urlaub in der Karibik. Dort lernen sie Dina kennen, einen russischen Oligarchen, der mit einem Tross von Kindern, Frauen, Bodyguards und anderen Leuten ebenfalls auf der Insel urlaubt. Doch Dina steht das Wasser bis zum Hals: Er ist einer der großen Finanzjongleure der russischen Mafia, und weil sich dort die Machtgewichte verschoben haben, ist er ins Abseits geraten und steht mit einem Bein im Grab. Er wendet sich an Perry und Gail, die einen Kontakt zum britischen Geheimdienst herstellen sollen: In seiner Angst will er überlaufen. Immerhin verfügt er über Unmengen an Informationen. Wieder in London nehmen die beiden Kontakt zum Secret Service auf. Sie erfahren, wie die russische Mafia, die sogenannten Diebe im Gesetz, nach dem Zusammenbruch der UdSSR das ganz große Rad zu drehen begann. Und sie erfahren, wie im globalisierten Kapitalismus eine Bande von Superreichen, Spitzenpolitikern und Mafiosi gemeinsame Geschäfte machen, die ihnen selbst Milliarden einbringen, für den Rest der Menschheit aber im günstigen Fall Armut und Elend, in schlechtesten Fall Vergewaltigung, Folter und Tod bedeuten. Dina soll in Paris überlaufen, wo er sich mit Perry und Gail bei einem internationalen Tennismatch treffen will. Le Carres Darstellung erinnert an Hitchcocks Antwort auf die Frage, wie lange ein Filmkuss wohl dauern könne: Stunden, wenn ich nur vorher eine Bombe unter dem Bett platziert habe. John LeCarre hat seine Bomben jedenfalls gekonnt platziert…

siehe auch: Richard Price – “Cash”

Neue Schauergeschichte

Samstag, 20. August 2011 von Ulli

Es waren nur Zeichen. Sie waren schlimm, aber sie verschwanden wieder. Viele Menschen hatten in den Nächten die blutigen Köpfe gesehen, grausam abgetrennt vom Rumpf, auch ich habe sie gesehen, doch am folgenden Tag waren sie verschwunden. Anzeigen bei der Polizei fruchteten nichts: Die Räume wurden durchsucht und Nichts Verdächtiges wurde gefunden. Was ging vor? War es die Mafia? Ein versprengter Überrest der Stasi? Gerüchte sagten,  ein millionenschwerer Lobbyistenverband betreibe im Hinterzimmer ein Studio, in dem Anhänger des bedingungslosen Grundeinkommens gefoltert und einer Gehirnwäsche unterzogen würden. Doch NICHTS wurde bewiesen. Aber alle wussten: Das BÖSE war mitten unter uns, es lebte und atmete in jenen einfachen und scheinbar so unscheinbaren Räumen…

siehe auch: Lektüreprobe “Berliner Macht.

Thriller aus naher Zukunft

Mittwoch, 03. August 2011 von Ulli

Die Nacht war hereingebrochen. Nur wenige Menschen waren noch in den Straßen unterwegs. Dann sah ich die beiden kommen. Geduldig. Verschlagen. Böse. Ich nahm meine Pistole aus ihrem Versteck und überprüfte das Magazin. Ich war auf der Flucht. Überall hallten die Lügenparolen wider: “Niemals ist es den Menschen besser gegangen”, oder auch “Wenn einem so viel Gutes widerfährt…”. Doch die Realität sah anders aus. Millionen lebten gerade noch am Rande des Existenzminimums, ohne Aussicht auf Besserung ihrer Lage stand ihnen das Wasser bis zum Hals. Ich hatte auf die

Situation von vielen Journalisten, Autoren und Übersetzern hingewiesen, die seit langem schon von ihren Jobs kaum leben konnten, während ihre Chefs im Geld schwammen. Zunächst hatten sie mich totschweigen wollen. Aber dann hatten sie doch ihre gefürchteten Häscher geschickt. Seit drei Tagen war ich nun auf der Flucht, ich hatte noch mein letztes Honorar, doch das reichte kaum für die nächsten vierundzwanzig Stunden. Meine Häscher dagegen verdienten an einem Tag so viel wie ich in zehn Wochen. Bezahlt wurden sie durch weitere Kürzungen bei Journalisten, Autoren und Übersetzern…

Siehe auch: “Berliner Macht”.

Gute Krimis: “Maigret, die Tänzerin und die Gräfin”

Montag, 18. Juli 2011 von Ulli

Georges Simenon beendete seinen Roman „Maigret au Picratt’s“ (dieser Titel ist wesentlich besser als der der deutschen Übersetzung) im Dezember 1950. In Paris hatte es geschneit: „Der Schnee gefiel ihm, weil er ihn an seine Kindheit erinnerte, aber er fragte sich, wie seine Frau ihn hier in Paris hübsch finden konnte, zumal an diesem Morgen. Der Himmel war noch verhangener als am Vortag, und das Weiß der Schneeflocken ließ das Schwarz der glänzenden Dächer noch schwärzer erscheinen, hob die traurigen und schmutzigen Farben der Häuser, die zweifelhafte Sauberkeit der Vorhänge in den meisten Fenstern noch deutlicher hervor.“ (Georges Simenon, „Maigret, die Tänzerin und die Gräfin“, Zürich, 1986, S. 101). Wie alle anderen Maigret-Romane beginnt auch diese Geschichte damit, dass die Dinge der Welt und des Lebens sich auf ihrem alltäglichen und krisenlosen Gleis bewegen, in der „normalen Routine“(a.a.O. S.5). Die Welt ist in ihrer Ordnung:

„Es war ein flauer Tag auf dem Montmarte. Justine (ein Streifenpolizist) hätte angeben können, in welcher Reihenfolge die meisten Nachtclubs geschlossen wurden…Die rote Schrift des „Picratt’s“ gehörte zu den wenigen des Viertels, die noch erleuchtet waren, und warf ihren Widerschein wie Blutlachen auf das nasse Pflaster.“ (a.a.O.S.5)

Doch in dieser Nacht verlaufen die Dinge anders: Die Stripteasetänzerin Arlette geht, nachdem das „Picratt“, der Club, in dem sie arbeitet, am frühen Morgen geschlossen hat, nicht einfach nach Hause, sondern läuft scheinbar ziellos durch das Viertel. Schließlich betritt sie die Polizeiwache und erzählt folgende Geschichte: Sie habe mit einem Gast in einem der Separees gesessen und zufällig gehört, wie zwei Männer am Nebentisch sich darüber unterhielten, dass eine Gräfin sterben müsse. Einer der beiden Männer habe auf den Namen Oscar gehört. Arlette wird zum Polizeipräsidium am Quai des Orfevres gebracht, wo Maigret sie kurz kennenlernt. Schließlich wird sie entlassen und einige Stunden später in ihrer Wohnung erwürgt aufgefunden:

„Das Ergreifendste ist immer irgendein lächerliches Detail, und in diesem Fall war für Maigret besonders beklemmend, dass das neben einem Fuß, der noch in einem hochhackigen Schuh steckte, ein unbeschuhter Fuß war, die Zehen unter einem Seidenstrumpf erkennbar, der mit Schlammspritzern übersät war, und eine Laufmasche, die an der Ferse begann und bis über das Knie hinaufreichte.“ (a.a.O. S.29)

Dann wird auch die Leiche einer Gräfin gefunden, einer rauschgiftsüchtigen, älteren Frau, die in ihren guten Zeiten gemeinsam mit ihrem Mann in einem großen Haus in Nizza gelebt hatte. Maigret ermittelt und verbringt zwei Abende im „Picratt“:

„Die Wände waren rot gestrichen, die Beleuchtung war in kräftigem Rosa gehalten, und in diesem Licht verloren die Dinge und Menschen etwas von ihrer Wirklichkeit. Man hatte den Eindruck – zumindest Maigret hatte ihn -, sich in der Dunkelkammer eines Fotografen zu befinden. Man brauchte einen Moment, um sich daran zu gewöhnen. Die Augen wirkten dunkler, glänzender, während die Umrisse der Lippen verschwanden, vom Licht verschluckt.“(a.a.O. S.89f)

Der Kommissar lernt sämtliche an diesem Fall beteiligten Personen kennen, ihre wechselseitigen Beziehungen, ihre Lebensumstände und -verhältnisse. Die Spuren führen zurück in die Vergangenheit der beiden erwürgten Frauen. Schließlich stellt Maigret eine Falle. Beim Show-Down kommt es zum Einsatz von Schusswaffen… „In dieser Nacht hatte Lapointe (ein Mitarbeiter Maigrets) seine erste Liebe begraben. Und seinen ersten Menschen getötet.“ (a.a.O. S.215)

Quai des Orfevres, Paris, Kommissar Maigrets Präsidium, 60 Jahre später

Ein Wort zu den Getränken: Auch in diesem Roman erweist Maigret sich als geübter Kampftrinker. Am ersten Tag der Ermittlungen trinkt er etliche Biere und am Abend abwechselnd Cognac und Champagner. Nichtsdestoweniger leert er am folgenden Morgen im Büro ein Bier „auf einen langen Zug“ (a.a.O. S.145), trinkt „unterwegs…noch zwei Bier“ (a.a.O. S.151), und später in der „Brasserie Dauphine“ hinter dem Quai des Orfevres „ein Glas Cognac“(a.a.O. S.171) und immer so weiter: „Der Kater war verschwunden, aber ihm schwante, dass er am nächsten Morgen einen neuen haben würde.“ (a.a..O. S.171).

Wie stellt Simenon seine Romanpersonen und die Stadt Paris dar?

Arlette ist eine echte Sexbombe: Sie arbeitet als Burlesketänzerin und steht am Ende ihrer Show splitternackt auf der Bühne, zudem hat sie sich – Anfang der 50er Jahre – die Schamhaare rasiert. Der Chef des „Picrat“ charakterisiert sie: „Ich habe Frauen von fünfunddreißig und vierzig Jahren erlebt, meist so verrückte Luder, denen es Vergnügen machte, die Männer scharf zu machen. Oder blutjunge Mädchen, die mit dem Feuer spielten. Aber nie eine wie Arlette, nie eine, die es mit solcher Leidenschaft machte.“ (a.a.O. S.177). Dennoch unterscheidet diese Figur sich vollkommen von den kalten und klischeehaften Sexbomben, die viele Krimis jener Jahre bevölkern. Es war Simenons großes Können, mit Warmherzigkeit sehr menschlich wirkende Figuren in seine Romane zu zaubern und dort handeln zu lassen: Arlettes Erotik erscheint so als Teil ihres Charakters und nicht umgekehrt. Der Leser erfährt, dass sie anscheinend aus gutbürgerlichen Kreisen stammte, in Paris unter falschem Namen lebte und dass ihre erotische Kraft eine dunkle Kehrseite in einer destruktiven Beziehung von sexueller Abhängigkeit hatte. In diesem Zusammenhang ist es interessant, wie Simenon Paris darstellt: Zeitgeschichtliche Ereignisse spielen keinerlei Rolle, noch nicht einmal der Zweite Weltkrieg und die Besetzung und Befreiung der Stadt werden in den Maigretromanen erwähnt. Stattdessen stilisiert er das Paris und die ganz normalen Leute seiner Zeit zu einer ahistorischen Bühne des Allgemein Menschlichen. Seine Personen werden angetrieben von ihren überzeitlich menschlichen Bedürfnissen und Wünschen, von ihren dunklen und hellen Emotionen, von Gefühlen, Verstrickungen und Wirrungen, wie sie die Menschen zu allen Zeiten und in allen Weltteilen kennzeichnen: Simenon entfaltet nicht weniger als eine comedie humaine in kriminalistischer Form.

siehe auch: Sara Paretsky – Globalisierung in Chicago

Ein schöner Sommerthriller: “Berliner Blut”

Mittwoch, 29. Juni 2011 von Ulli

…Sie stieg wieder mit aller Kraft auf die Bremse, sie zog sogar noch die Handbremse an, und der Wagen schlit­terte über die Fahrbahn. Ein Schuss löste sich, und Birgit Allenare schrie gellend auf. Der Mercedes drehte sich mehrmals um die eigene Achse, bevor er gegen ein entgegen­kommenden VW-Bus knallte und endgültig zum Stehen kam.

Mannheim und der Blonde rangen noch immer miteinander, aber dem Kommissar war es gelungen, seinen Gegner mehr oder weniger unter sich zu begraben. Er hatte die Waffe am Lauf ge­packt und hielt die Mündung in Richtung des Wagendachs gerich­tet.

Ein zweiter Schuss krachte, und Mannheim hatte für den Bruchteil einer Sekunde das Gefühl, die Hände würden ihm abgerissen. Dann spürte er einen sehr heißen Schmerz in seiner linken Schulter und stellte mit einer gewissen Verblüffung fest, dass eine warme, klebrige Flüssigkeit seine Brust und seinen linken Arm hinunter lief…

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Verfluchter Ischias

Samstag, 25. Juni 2011 von Ulli

Der neue Gerontothriller (für jung und alt)

…als Hans Hallert an diesem Morgen erwachte, kam er nicht hoch. Jede Bewegung verursachte ihm unendliche Schmerzen. Der Ischiasnerv war wieder einmal eingeklemmt. Hallert biss die Zähne zusammen. Kalte Wut kochte in ihm. Seine Hand tastete zum Nachttisch, öffnete die Schublade und ergriff den aus Furcht vor Einbrechern immer geladenen Trommelrevolver. Doch niemals war ein Einbrecher gekommen. Der silberhaarige Mann spannte den Hahn, drehte sich mühsam auf den Bauch, drückte den Lauf der Waffe gegen seinen unteren Rücken: Genau da, wo es schmerzte.

Verfluchter Ischias, zischte er durch die Zähne. Dir zeige ich es…

James-Joyce-Tag

Mittwoch, 15. Juni 2011 von Ulli

Vor genau 107 Jahren, am 16.Juni.1904, spielt der Ulysses von James Joyce, ohne Zweifel eine der bedeutendsten epischen Dichtungen überhaupt, zudem ein herausragendes Werk der klassischen Moderne. In seinem Text lehnt Joyce sich an Konstruktion und Geschichte von Homers Epos an: Dem homerischen Odysseus entspricht der Dubliner Werbekaufmann Leopold Bloom, der Penelope seine Frau Molly und dem Telemachos der junge Stephan Dedalus, der bereits im „Porträt des Künstlers als junger Mann“ in Erscheinung tritt. Ulysses beginnt wie das Homer’sche Vorbild mit den Geschicken des Sohnes Stephen und beschreibt dann die Odyssee Leopold Blooms durch die Stadt Dublin. Er startet am frühen Morgen und endet spät in der Nacht.

Tatsächlich begann der Ire Joyce, der im selbstgewählten Exil in Rom, Triest und Zürich lebte, seinen Roman, um sich an einigen Menschen in Dublin zu rächen. Er fühlte sich übel behandelt und wollte seine Gegner gnadenlos bloßstellen, in seinen Briefen wimmelt es von entsprechenden Drohungen. Doch im Lauf der Jahre und unter der hellen Sonne des Mittelmeers wandelte sich alles: Ulysses, abgeschlossen während des Ersten Weltkriegs, wurde zu einer Utopie der Moderne und des 20.Jahrhunderts.

Am 16.Juni.1904 lernte Joyce übrigens seine spätere Frau Nora kennen. Für Zahlenspielerei und Zahlenmystik hatte der geniale Savant Joyce einen großen Sinn. Der Roman kann in drei große Teile gegliedert werden. Das erste Kapitel eines solchen Teils ist stets in realistischer Manier geschrieben:

Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen. Ein gelber Schlafrock mit offenem Gürtel bauschte sich leicht hinter ihm in der milden Morgenluft. (James Joyce, Ulysses, Frankfurt, 1975, S.7)

Nur dann und wann sind Gedankensplitter der Hauptperson eingebettet. Dieser innere Monolog nimmt dann immer mehr Raum ein. Das letzte Kapitel eines solchen Hauptteils präsentiert nur noch einen großen, an die phänomenologische Philosophie Edmund Husserls, gemahnenden Bewusstseinstrom:

Unausweichliche Modalität des Sichtbaren: zum mindesten dies, wenn nicht mehr, gedacht durch meine Augen. Die Handschrift aller Dinge bin ich hier zu lesen, Seelaich und Seetang, die nahende Flut, den rostigen Stiefel dort. Rotzgrün, Blausilber und Rost: gefärbte Zeichen… (a.a.O. S.53)

Zudem teilt der Ulysses sich auch in zwei Hälften. Genau zur Mitte des Textes nämlich geht Blooms Frau Molly, anders als Odysseus Penelope, fremd. Nicht nur Bloom dreht bei dieser Vorstellung ein bisschen durch, die Sprache des Romans selbst scheint zu explodieren. Sie benimmt sich so ähnlich wie die Farbe in den Bildern Vincent van Goghs: Die Emanzipation der Form gegenüber dem Inhalt zu einem autonomen Ausdrucksmittel ist eine Essenz der modernen Kunst.

Von all dem sollte man sich aber nicht beirren lassen. Am besten beginnt man die Lektüre nicht am Anfang des Buches, sondern mit Kapitel IV, mit dem ersten Auftreten von Leopold Bloom. Bloom, der nahezu ununterbrochen an Sex und an Essen denkt, ist ein mit großem Humor begabter Mensch (Nora Joyce berichtete, dass ihr Mann bei der Niederschrift des Ulysses laufend über seine eigenen Witze lachte) und die Lektüre seines Tages ein einziges Vergnügen. Das Kapitel fängt damit an, dass Mr. Bloom für sich und seine Gattin Frühstück zubereitet. Das erste Lebewesen, mit dem er es zu tun hat, ist seine Katze:

Eiskalt waren Licht und Luft in der Küche, doch draußen überall linder Sommermorgen…

- Mkgnau!

- Ah, da bist du ja, sagte Mr. Bloom, sich vom Feuer wendend.

Die Katze maunzte eine Antwort und stakte wieder steif um ein Tischbein, maunzend. Just wie sie über meinen Schreibtisch stakt. Prr. Kraul mir den Kopf. Prr.

Mr. Bloom beobachtete neugierig, freundlich, die geschmeidige Gestalt. Sauberer Anblick: der Glanz ihres glatten Fells, der weiße Knubbel unter dem Knauf ihres Schwanzes, die grünen blitzenden Augen. Er bückte sich zu ihr hinab, die Hände auf den Knien.

- Milch für das Pussilein, sagte er.

- Mrkgnau! schrie die Katze. (a.a.O. S.77)

Also: Man schmeiße die üblichen Bestseller weit von sich und lese lieber James Joyce!

 

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