berliner mord & totschlag

Leseprobe „Berliner Blut“

Einer der Ermittler ist im Charlottenburger Kiez am Klausenerplatz unterwegs. Er lernt einige Leute kennen und macht eine Entdeckung:

Finkelburg war tatsächlich nur Meyer-Rogges Statthalter: Er gab seinen Namen und seine Unterschrift für des­sen Geschäfte her. Falls die Brandstiftung in der Gardes-du-Corps-Straße aufgeklärt wurde, so würde von Finkelburg dafür gerichtlich gerade stehen müssen. Zweifel­los bezahlte Meyer-Rogge ihm gutes Geld für sein Risiko.

Charlottenburger Kiez am Klausenerplatz, große Freifläche im Block 128.

Stefan ging die Dankelmannstraße entlang, vorbei an einer Gruppe von sechs türkischen oder libanesischen Jugend­lichen. Die Kids, fünf Jungs und ein Mädchen im Alter von zehn bis fünfzehn Jahren, standen vor einem Laden, in dem offenbar das Vereinslokal eines türkischen Fußball­vereins un­ter­gebracht war. Dieser Laden war noch ge­schlos­sen.

Einer der Jungs, der größte, hielt einen Stapel kar­to­niertes Papier in den Händen. Die anderen umringten ihn interessiert.

Stefan hörte irgend etwas über scharfe Titten. Er blieb stehen.

Die Kids begutachteten einen Stapel Aktfotos.

Der Jugendliche, der die Bilder in seinen Händen hielt, war vielleicht fünfzehn Jahre alt. Er war breit­schul­trig gebaut und trug eine blaue Turnhose, ein weißes T-Shirt und eine rote Wind­jacke aus Kunstfaser. Die kurz­geschnittenen, schwarzen Haare hatte er sich mit Gel nach hinten gelegt.

Er hob den Blick, sah Stefan an und sagte: „Iss was?“

„Was habt ihr denn da?“ fragte Stefan zurück. Er beugte sich vor, um besser sehen zu können.

Die oberste Aufnahme zeigte Carmen Schwarzenau, die, nur mit Strümpfen und langen, schwarzen Handschuhen be­kleidet, vor der Kulisse eines Bieder­meier­zimmers kniete.

„Wo habt ihr das denn her?“ fragte Stefan.

„Geht dich ‚n Scheißdreck an“, sagte der Fünfzehn­jährige drohend, baute sich breitbeinig auf und schob das Kinn nach vorn. Zwei andere Kids grin­sten provozierend.

„Kennt ihr die Frau?“ fragte Stefan.

„Eh, Alter. Was soll’n das?“

„Wollen Sie kaufen?“ fragte ein anderer der Jugend­lichen, ein kleinerer, dicklicher Junge von vielleicht zehn Jahren.

„Nein, ich will nicht kaufen. Ich will wissen, wo ihr die Fotos her habt?“

„Das geht dich ‚n Scheißdreck an!“

„Mann, nimm dich mal zusammen!“ schnauzte Stefan.

„Was? Iss irgend was?“ Der Junge mit der Windjacke und dem Gel im Haar hielt den Stapel nun mit der linken Hand fest. Er setzte einen Fuß vor, betrachtete sein Gegenüber provokativ und klopfte mit den Bildern leicht gegen seinen von der Trainingshose verhüllten Oberschenkel.

„Zeig mal her“, sagte Stefan.

„Verpiss dich, du Wichser!“

Zwei andere der Kids sprachen auf türkisch mitein­ander. Und auch das Mädchen sagte irgend etwas.

„Bist scharf auf die Alte, was?“ fragte der klei­ne Dicke, der ebenfalls mit einer Trainingshose aus Kunst­faser und einer Windjacke bekleidet war, und setzte ein windschiefes Grinsen auf.

„Eh Leute“, sagte Stefan, „habt ihr schon mal was von den Bullen gehört?“

Dieses Wort tat seine Wirkung. Die Gruppe rückte dichter zusammen.

„Wollen Sie uns drohen?“ fragte der Anführer.

Stefan zog seinen Dienstausweis. „Ich selbst bin die Drohung! Habt ihr schon mal gesehen?“ Er wedelte mit der Iden­ti­täts­karte hin und her.

Die Kids redeten aufgeregt in türkischer Sprache durcheinander.

„Ich hab ja nur mal ne Frage“, sagte Stefan begü­ti­gend. „Also: Wo habt ihr die Bilder her?“

„Sie sind von der Mordkommission?“ fragte der Anführer und wechselte die Fotos in die andere Hand.

Charlottenburger Kiez. Wandtafel in der Danckelmannstraße.

Stefan nickte.

„Die Kleenen haben die Bilder gefunden“, erklärte das Mädchen. Sie trug Jeans und eine billige Lederjacke und hatte wun­derschönes, lockiges, dunkles Haar.

„Was für Kleene?“ fragte Stefan das Mädchen.

„Die spielen immer im Hof von der 14. Da gibt’s einen großen Haufen Bauschutt. Da ist auch Müll. Da haben sie die gefunden.“

„Die 14 ist da vorn“, erklärte der kleine Dicke und deutete die Straße auf­wärts.

Der mit den Fotos bestätigte die Aussage.

„Gibst du die mir mal, bitte!“

Der Jugendliche reichte Stefan den Stapel Foto­gra­fien. Sie sahen ein bisschen mitgenommen auf, an den Rän­dern waren sie von Feuchtigkeit gewellt. Stefan blätterte sie rasch durch. Sämt­liche Aufnahmen zeigten Carmen Schwar­zenau, die in den historischen, erotischen Kostümen posierte.

„Haben Sie ‚ne Waffe?“ fragte der Dickliche. Seine Gesichtszüge waren ebenso pfiffig wie debil.

„Klar hab ich eine“, sagte Stefan.

„Zeigen Sie mal!“

„Du spinnst wohl!“

„Bitte! Zeigen Sie!“

„Dann führen wir Sie auch in den Hof!“

„Ja“, sagte auch das Mädchen.

„Wenn’s sein muss!“ Stefan fasste unter seine linke Ach­selhöhle und zog die Pistole hervor. Er hielt sie den Jugendlichen hin, die sie mit faszinierten Augen betrach­teten. Dann steckte er sie mit einer eleganten Geste wie­der weg.

„Wahnsinn!“

„Eh, geil!“

Stefan drehte sich eine Zigarette und zün­dete sie an. „So, Leute, lasst uns jetzt mal gehen!“

„Wir haben da nix mit zu tun“, erklärte ein vielleicht vierzehnjähriger Junge, der billige Jeans und ein karier­tes Hemd trug, unvermittelt.

„Logo! Ihr kennt die Frau?“ Stefan und die Kids gingen langsam die Straße entlang.

„Das ist die Frau von der Werkstatt, die Carmen“, sagte das Mädchen.

„Du hast mal was mit ihr zu tun gehabt?“

„Ich kenn‘ sie nur vom Sehen. Sie ist nett.“

„Sie ist tot. Jemand hat sie umgebracht“, stellte Stefan fest.

Zu dieser Bemerkung wollte sich niemand äußern.

„Ich untersuche den Mord.“

Wiederum antwortete keiner.

„Seit wann habt ihr die Bilder denn?“ fragte Stefan.

„Halbe Stunde vielleicht“, sagte das Mädchen.

„Es tut uns leid, dass sie tot ist“, sagte der, der die Bilder in den Händen gehalten hatte. „Sie war wirklich nett. Kein Rassist und so.“

„Wie war sie denn so?“ fragte Stefan.

„Sie hatte die Werkstatt“, sagte das Mädchen. „Sie hat die Möbel gebaut. Die waren sehr schön.“

„Hat viel rumgevögelt“, sagte der kleine Dicke, und seinem Tonfall folgend hätte man glauben können, er selbst sei einer der Glücklichen gewesen.

„Du kennst dich aus, was?“ spottete Stefan.

Inzwischen waren sie bei der Haus­nummer 14 angekommen und standen vor einer breiten Durchfahrt. „Da geht’s rein?“ fragte Stefan.

„Ja, ja“, wurde allgemein bestätigt.

Sie passierten die Durchfahrt und kamen in einen Hof, der von einem Hinterhaus, einem wackeligen Bretterzaun und einem langgezogenen, barackenartigen Gebäude, in dem offenbar Garagen untergebracht waren, begrenzt wurde. Das Hinterhaus schien in den letzten Monaten renoviert worden sein – die Fassade war frisch gestrichen, und auch das Dach sah neu gedeckt aus. Vor dem Bretterzaun erhob sich ein gewaltiger Haufen an Bauschutt, dem sich noch Sperr­müll aller Art zugesellt hatte: Kaputte Kühlschranke, vom Regen bereits halb vermoderte, uralte Sessel und Sofas, zwei wackelige Küchentische, ein kleiner Nierentisch, der noch aus den fünfziger Jahren zu stammen schien, und außerdem jede Menge blauer Müllsäcke.

„Ihr wohnt alle hier irgendwo im Kiez?“ fragte Stefan.

Allgemeines, bestätigendes Gemurmel.

„Der ganze Scheiß soll diese Woche noch abtransportiert werden“, erklärte der Dicke fach­män­nisch und deutete auf den Müllberg.

„Wo sind denn diese Kleinen, die die Bilder gefunden haben?“ fragte Stefan.

„Keine Ahnung! Sind im Hort!“

Außer Stefan und den Jugendlichen hielt sich im Augen­blick niemand auf diesem Hof auf.

„Aber sie haben die Bilder dort gefunden?“ Er deutete auf den Müllberg.

„Ja, in einem Kühlschrank“, sagte das Mädchen.

Stefan kletterte auf die Schutthalde und öffnete einen der Kühlschränke, der auf dem Rücken lag. In dem Schrank lag ein einzelner Joghurtbecher. Er bückte sich, nahm ihn heraus und stellte fest, dass das Ver­falls­datum seit fast zwei Jahren überschritten war.

„Schmeckt bestimmt noch“, rief er. „Will den viel­leicht jemand essen?“

Allgemeines Kopfschütteln, niemand wollte den Joghurt haben. Stefan ließ ihn wieder in den Kühlschrank zurück­fallen.

„Sie sind vielleicht ‚n komischer Polizist“, sagte der mit dem Gel im Haar.

„War’s der da?“ Stefan deutete auf den Kühlschrank.

„Nein, der da drüben.“ Das Mädchen wies auf eine Art Gefriertruhe, die einige Schritte entfernt stand. Vor­sichtig balancierte Stefan über den Bauschutt; er bot den Kids eine amüsante Vorstel­lung. Die Kühltruhe war min­de­stens fünfzehn Jahre alt; vielleicht hatte irgendein Mieter, der aus seiner Wohnung ausgezogen war, sie dort einfach zurück­gelassen, und die Bauarbeiter hatten sie auf dem Schutt­berg geworfen.

Stefan öffnete die Truhe und entdeckte einen halb­zerris­senen, großen Umschlag aus brauner Pappe.

„Waren da die Bilder drin?“ Er schwenkte den Umschlag durch die Luft.

Natürlich wusste das niemand. Aber diese Frage würde sich mit Hilfe der Fingerabdrücke, die sich eventuell auf dem Kuvert und auf den Fotos fanden, feststellen lassen.

Diese Kühltruhe war gar kein schlechtes Versteck gewesen.

Klausenerplatz Kiez in Berlin Charlottenburg: Die Danckelmannstraße im Schnee.

„Der ganze Scheiß wird also in ein paar Tagen abtrans­por­tiert?“ rief Stefan.

„Die sind ja fast fertig!“ bestätigte der mit dem Gel und wies auf das sanierte Haus. „Dann kommt auch der Schutt weg.“

Stefan kletterte von dem Müllberg herunter.

„Ich brauche mal deinen Namen und deine Adresse“, sagte er zu dem ältesten Jugendlichen mit dem Gel im Haar. „Falls wir noch Fragen haben.“

Der Junge war von der Aussicht, seinen Namen nennen zu müssen, nicht gerade begeistert. „Geht das nicht auch so?“ fragte er. „Wir sind Ausländer, wissen Sie.“

„Nein, anders geht das nicht.“ Stefan zog sein Notiz­heft her­vor und schlug eine leere Seite auf. „Also!“

„Burak Denim“, sagte der Junge. „Christstraße 12.“

„Hast du einen Ausweis dabei?“

„Nee. Ich bin ja schließlich nur mal kurz von zu Hause weg.“

Stefan notierte sich die Angaben trotzdem. Dann ließ er sich auch von dem Mädchen Namen und Adresse geben; aus romantischen Gründen ging er davon aus, dass Frauen weniger lügen als Männer. Sie hieß Leila Kilic und wohnte in der Knobelsdorffstraße 4O.

„Gut Leute“, sagte er. „Besten Dank für eure Hilfe!“

„Was ist mit den Fotos?“ fragte der kleine Dicke.

„Die nehme ich mit. Sind beschlagnahmt!“

„Aber wir haben sie gefunden!“

„So ist das Leben! Hart und ungerecht!“

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