…Aber was sollte das werden? Ein staatlicher Amoklauf? Wo war der Käufer von Adrians Material? Gerade ließen sich zwei blonde Frauen an einem kleinen Tisch am Eingang der Cafeterria nieder: Allenare tippte Mitarbeiterinnen des BND. Die Damen trugen unter Garantie Pistolen in ihren Strumpfbändern. Die Vorstellung, dass zusätzlich noch zwei schwerbewaffnete SEKs in Bereitschaft standen, ließ sie frösteln. Im Shopping-Universum waren tausende Kunden unterwegs, erledigten ihre Weihnachtseinkäufe. Früher hatten die Menschen Gott angebetet, dann das Volk und den Führer, dann den Sozialismus, heute gingen sie einkaufen.
In dieser Sekunde krachte der erste Schuss…
siehe auch: Herbstgeschichte
Hauptkommissarin Birgit Allenare von der Kripo Berlin nimmt an der Aktion teil. Sie hat sich in die Cafeterria begeben, in der von Blaustückens Treffen mit seinem Kontaktmann stattfinden soll:
…Sie erkannte Adrian sofort. Im geheimen Dossier gab es ein altes Foto von Blaustückens. Sie bestellte ebenfalls einen Espresso und tat uninteressiert. Zwei Muskelmänner, die der Kommissarin verdammt nach dem Sonderkommando Bundespolizei aussahen, saßen an einem Tisch an der Seite. Ohne jeden Zweifel wimmelte es in der Caféterria von Polizisten, Allenare konnte ihre Kollegen förmlich riechen…
Was bisher geschah: Adrian von Blaustücken ist auf der Flucht. Als hoher Mitarbeiter des Bundesministeriums des Innern hatte er wichtige geheime Daten gestohlen, die er nun verkaufen will. Sein Bruder Johannes von Blaustücken wurde bei einer Schießerei mit der Berliner Polizei verletzt und festgenommen, er schweigt jedoch hartnäckig über Adrians Verbleib. Da gelingt es einer Sonderabteilung des BKAs, mit Hilfe eines Programms zur Stimmenerkennung ein Telefongespräch abzuhören, in dem Adrian von Blaustücken sich mit einem Kontaktmann im Shopping-Planeten am Alexanderplatz verabredet.
…von Blaustücken spürte die schwere Pistole in der Tasche seines Mantels. Er musste auf jeden erdenklichen Trick und auf jede nur vorstellbare Schweinerei gefasst sein. Das Adrenalin pulsierte heiß durch seine Adern. Rasch trank er einen Espresso, während sein Blick durch die Caféterria degli Napoli hastete. Eine Dame in einer alten Lederjacke und einer Pracht von schwarzen und grünen Korkenzieherlocken betrat den Raum. Sie hatte Kurven wie eine Luxusyacht. Ihr Blick glitt über Adrian. Er fragte sich sofort: Von welchem Dienst stammt sie?…
…Kommissarin Birgit Allenare stieg aus der S-Bahn und verließ den Bahnhof. Im hereinbrechenden Abend ging sie durch die dichten, vorweihnachtlichen Menschenmassen über den Alexanderplatz hinüber zum Eins-A-Shopping-Universum. Dort hatte Blaustücken sich mit seinem Kontaktmann verabredet (Entscheidung an der Spree,5). Vage erinnerte sie sich an die Tage ihrer Kindheit, als das Shoppen noch nicht im Mittelpunkt des gesamten Lebens gestanden hatte. Damals hatte es andere Fetische gegeben. Doch diese Zeit war vergangen und vergessen. Sie betrat das Shopping-Universum und fuhr mit der Rolltreppe nach oben. Es war kein Problem, die Caféterria degli Napoli zu finden, die Adrian in dem abgehörten Telefongespräch erwähnt hatte…
…Für wen jedoch arbeitete Pegasus? Einmal war er auch Cerberus genannt worden. Im Infomaterial der Berliner Innenbehörde gab es keinen Hinweis. Wenn der Vorgang auf Landesebene nicht identifiziert war, so musste er auf der der Bundesbehörde angesiedelt sein. Kommissarin Allenare wollte sich die möglichen Konsequenzen dieser Annahme nicht vor Augen führen. Noch einmal überlas sie ein Abhörprotokoll aus dem vergangenen Sommer: Die Oberschicht hat den großen Leviathan aufkündigt. Ein krankhaftes Übermaß an Kritik sei eine zu große Belastung für eine gut funktionierende Wirtschaft. Die Drehbücher seien bereits geschrieben…
…Hauptkommissarin Birgit Allenare arbeitete am Computer. Bei POLIX, der Datenverarbeitung der Berliner Polizei, war nichts über die Brüder Blaustücken zu finden. Doch sie verfügte über ein Passwort, das weit über die bei POLIX eingestellten Daten hinausging und ihr Zugang zu geheimstem Material eröffnete. Nun endlich sah sie klarer: Adrian und Johannes von Blaustücken waren auf einer Burg in der Eifel geboren, aufgewachsen waren sie jedoch in New York City, dort hatte Adrian dann als Jurist für die Vereinten Nationen gearbeitet, bis er nach Berlin gegangen und Berater des deutschen Innenministerium geworden war. Hier musste er die Infos erbeutet haben, die er nun verkaufen wollte…
… Das wird ihm nicht viel nutzen, sagte Birgit Allenare zu Johannes von Blaustücken. Der Verletzte lag in seinem Krankenhausbett und starrte ins Leere. – In ein paar Tagen nehmen wir Ihren Bruder fest.
- Das ich nicht lache, antwortete er. Sie haben ja noch nicht einmal eine Ahnung, worum es in diesem dreckigen Spiel überhaupt geht.
- Worum geht es denn? Ihrer Meinung nach.
Johannes Blaustücken ließ ein blechernes Lachen hören. – Wenden Sie sich doch an das Innenministerium! Oder gleich ans Kanzleramt!
- Sie sind größenwahnsinnig…
…Adrian von Blaustücken wusste, dass sein Leben an einem seidenen Faden hing, seit sein Bruder gefasst worden war. Wenn man ihn aufspürte, so war sein Tod unabwendbar. Er bedeutete eine Gefahr, die ausgemerzt werden musste. Der hagere Mann mit dem grauen Haar wechselte mehrmals das Taxi, benutzte U-Bahnen und Busse. Immer wieder blickte er verstohlen über seine Schulter. Sein Weg führte ihn kreuz und quer durch Berlin, die Stadt, die er besser kannte als jede andere, besser sogar als New York: Von Köpenick fuhr er nach Mitte, stieg am Alexanderplatz um in Richtung Prenzlauer Berg, nahm an der Schönhauser Allee die Ringbahn und umrundete zwei Mal die City, machte einen kurzen Abstecher nach Spandau. Er war unruhig und vorsichtig, blickte immer wieder über seine Schulter, musterte misstrauisch die Fahrgäste, die den gleichen Waggon benutzten. Dann wurde er der Aufmerksamkeit müde. Er schob sich den kleinen Lautsprecher ins Ohr und hörte Musik: Grand Funk Railroad…
…der verletzte Johannes von Blaustücken wurde in der Charité vernommen. Er sah sehr blass aus und hing an allen möglichen Kanülen und Drähten. Am Morgen war er von der Intensivstation in ein von einer Beamtin der Bundespolizei bewachtes Einzelzimmer verlegt worden. Kommissarin Birgit Allenare musste sich ausweisen, bevor sie den Raum betreten durfte. Sie zog sich einen Stuhl heran und setzte sich an sein Bett.
- Mein Bruder ist entkommen, stellte er röchelnd fest.
Die Kommissarin nickte. Sie wandte sich ab und blickte über das Dächermeer von Berlin-Mitte. Schwere, dunkle Wolken zogen von einem heftigen Wínd getrieben unheilverkündend über die Stadt….
…Misstrauen Sie Pegasus, sagte von Herbert von Premnitz, der Polizeipräsident von Berlin. Er war ein schmaler Mann mit der Aura eines höheren Finanzbeamten. Auch der Innensenator weiß nicht wirklich, was hier vor sich geht, fügte er hinzu.
Handelt es sich um politische Intrigen? fragte Hauptkommissarin Birgit Allenare.
Wir wissen ja noch nicht mal, welche Daten sich auf Blaustückens berühmten Sticks befinden, sagte von Premnitz.
Ich denke, es geht um den Bau einer schmutzigen Bombe?
Ach Quatsch! Das sind die Geschichten, die fürs Volk erfunden werden. Falls was durchsickern sollte. Schüren Sie die gängigen Krisenängste und die Menschen werden blind wie die Maulwürfe für die wirklichen Gefahren, die ihnen drohen. Die liegen doch ganz woanders! Das ist das 1 mal 1 der public relations… Er lachte sarkastisch.
Kommissarin Allenare musterte misstrauisch den Polizeichef. Über welche Informationen verfügt er tatsächlich?…