Die Autorin Sara Paretsky entwickelte in den 80er Jahren die Figur der Chicagoer Privatdetektiven V.I. Warshawski. Sie schloss damit an die von Hammet und Chandler herkommende große amerikanische Tradition des literarischen private-eyes an, also an all jene einsamen Wölfe, die, bewaffnet mit Pistole, Whisky und einem heruntergekommenen Büro, ihren Kampf für Recht, Moral und persönliche Integrität in und gegen eine von Gewalt und Korruption geprägte großstädtische Lebenswelt führen. Paretsky lud diese Tradition mit dem damaligen sozialkritischen und frauenbewegten Zeitgeist auf. Ihre Heldin, eine in der Chicagoer South Side aufgewachsene Tochter eines irischen Cops und einer italienischen Immigrantin, war eine gekonnte Symbiose eines amerikanischen Cowgirls mit einer feministischen Amazone. Dabei reicht Paretskys Einfluss bis ins deutsche Fernsehen: Die von Ulrike Folkerts seit den 80er Jahren verkörperte Mannheimer Kommissarin Lena Odenthal ist ganz wesentlich eine Adaption ihrer Detektivin für das deutsche Tatort-Format.
Aber was treiben Sara Paretsky und V.I. Warshawski heute? Der Krimi Fire Sale erschien im Jahre 2005, und es zeugt von Paratskys literarischer Qualität, dass sie die veränderten Zeitverhältnisse reflektiert, ja sie zu einer wichtigen Voraussetzung ihres Plots macht. Warshawski, die längst im schicken Lake View auf der Chicagoer North Side lebt, wird von der Basketballtrainerin ihrer ehemaligen High School gebeten, als Aushilfscouch in ihre frühere Heimat auf der South Side zurückzukehren. Auch an der Trainerin nagt der Zahn der Zeit, sie hat Krebs im Endstadium. Und auf der proletarischen South Side hat sich alles verändert: Die Schwerindustrie, die dort früher dominierte und den Menschen Arbeit und Brot gab, hat im Zuge der Globalisierung ihre Fabriken längst in den Süden des amerikanischen Kontinents verlagert, wo die Arbeiter quasi für nichts schuften. Paretsky lässt ihre Heldin folgende Reflektion anstellen:
„Ich starrte auf die Schutthaufen. In meiner Kindheit, als wir wegen der Rauchschlieren täglich die Fenster putzen mussten, sehnte ich mich nach einem Tag ohne das Stahlwerk, doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie nun verschwunden sein sollten, diese gewaltigen Hallen, diese kilometerlangen Förderbänder, auf denen Kohle und Eisenerz transportiert wurden, die orangen Funken in der Nacht, an denen man merkte, dass Stahl gegossen wurde. Wie konnte so etwas Monumentales sich in Schutt und Gestrüpp verwandeln? (Sara Paretsky, Feuereifer, München, 2005, S.294)
Es handelt sich um den gleichen Strukturwandel, den auch der aus Flint, Michigan, stammende Dokumentarfilmer Michael Moore wiederholt dargestellt hat. In Paretskys Krimi sind die Menschen aber nicht einfach arbeitslos geworden, der neue Arbeitgeber ist vielmehr der Discounter „By-Smart“, das „fünftgrößte Unternehmen von Amerika“ (a.a.O. S.313), eine gigantische Gelddruckmaschine, die nur eine einzige Devise kennt: Billig! Billig! Billig! Dementsprechend sind denn auch die Löhne. Die Beschäftigten haben zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben, ihr Dasein ist nur noch ein verzweifeltes Rennen um die nackte Existenz:
„Heutzutage haben die Menschen das Gefühl, keine Zukunft mehr zu haben. Männer, die früher 30 Dollar im Stahlwerk verdienten, sind froh, wenn sie heute für ein Viertel des Geldes bei By-Smart arbeiten können.“ (a.a.O. S.76)
In dieser Gemengelage nimmt Warhawski ihr Training auf. Die Mädchen der Mannschaft haben mit Drogen, unfreiwilligen Schwangerschaften und Bandenkriegen zu schaffen. Schon bald bittet die Latina Josie Dorrado Warshawsky zu sich nach Hause: Ihre Mutter Rose arbeitet als Näherin in dem kleinen Unternehmen „Fly the flag“, das amerikanische Fahnen herstellt. Dort ist es zu einigen Sabotagevorfällen gekommen. Rose, die Angst um ihren Elendsjob hat, bittet Warshawski, sich die Sache einmal anzusehen. Die willigt widerwillig ein. Doch schon kurze Zeit später brennt die Fabrik nieder.
V.I. Warshawsky findet heraus, dass „Fly the Flag“ als Lieferant für „By-Smart“ arbeitete. Und die Lieferanten lässt der Discounter genauso ausbluten wie seine Mitarbeiter. Obwohl Sonderschichten mit superbilligen, illegal in den USA lebenden Latinos gefahren wurden, konnte man die Kosten nicht genügend senken und drohte die Verlagerung der Produktion nach Mittelamerika. Übrigens lernt die Detektivin auch die Besitzer von „By-Smart“ persönlich kennen, als sie dort wegen einer Spende für ihr Basketballteam nachfragt. In der Firma beginnt man den Arbeitstag mit einem Gottesdienst. Die Familie Bysen sind emotional und intellektuell erbärmliche Menschen, hartherzig, selbstgerecht und geldgierig, Milliardäre, die ihren Gästen Kaffee in der Qualität von Spülwasser vorsetzen, damit es nicht zu teuer wird, selbst in ungeheurem Luxus leben und ständig den Spruch im Munde führen, dass die Armen ja nicht arbeiten wollten. Da brennt der jüngste Spross der Familie, genannt Billy the Kid Bysen, mit der Latina Josie durch. Paretsky greift das Motiv von Romeo und Julia auf und verlagert es nach Chicago, keine wirklich neue Idee, aber sie funktioniert. Widerwillig lässt Warshawsky sich von den Bysens verpflichten, nach dem Paar zu suchen. Sie entdeckt Billys Fahrzeug und auf einer Müllhalde in der Nähe die Leiche eines Mannes und eine schwer verletzte junge Frau. Aber es sind nicht Josie und Billy…
Fazit: Offenbar sind ältere, kultivierte Damen wirklich die besten Krimischreiberinnen.
Siehe auch Sara Paretskys interessante Website mitsamt blog.
Unter Gentrifizierung versteht man die marktradikale Form der Stadterneuerung. Stadterneuerung oder -umbau gibt es immer, er kann sich aber auf ganz unterschiedliche Weise vollziehen. Bei der sogenannten „behutsamen Stadterneuerung“ etwa gab es zahlreiche Instrumente der Mietermitbestimmung und klare Sozialstandards. Anders bei einer staatskapitalistisch organisierten Stadterneuerung: Hier beschließen Staat und Partei, dass irgendwo neue Hochhäuser gebaut werden sollen und müssen die Bewohner des betroffenen Stadtteils sich dann diskussionslos fügen – wenn sie nicht weichen, kommt mit den Baggern eben die Polizei. In unseren marktradikalen Zeiten, in denen der Staat sich aus den öffentlichen Belangen zurückzieht, soll Stadtentwicklung sich über den Eigenmechanismus des Marktes regeln: Grundstücke und Häuser werden zu Elementen der Kapitalverwertung. Alles hängt nun von Besitz und Einkommen des Marktteilnehmers ab, treibende Elemente der Stadtentwicklung sind das Geld und der Egoismus der Wohlhabenden. Viele Infos zur Gentrifizierung finden sich im Gentrificationblog.
Richard Price, der Drehbücher unter anderem für Al Pacino und Martin Scorsese schrieb, führt in seinem Roman „Cash“ in die Lower East Side New Yorks, in ein Viertel, in dem viele Jahrzehnte nur die ärmsten Immigranten lebten, so osteuropäische Juden und Chinesen. In den achtziger Jahren soff das Viertel endgültig ab, wurde geprägt von Drogen, Straßengewalt und Armut. Doch auch diese Zustände änderten sich und die Lower East Side wurde interessant für junge Leute aus den wohlhabenden Mittelschichten, für Künstler, Möchtegern-Künstler und andere Bohemiens. Schließlich zogen sogar die Yuppies aus der nahen Wall Street in die schick sanierten Lofts. Die Preise stiegen und die traditionellen Bewohner des Viertels wurden an der Rand gedrängt. Alles strukturierte sich wieder um.
Diese Gemengelage beschreibt Richard Price und er findet hierfür drastische Bilder: Eine Synagoge, die gerade eingestürzt ist, eine andere Synagoge, die zum Luxusloft umgebaut wurde, eine winzige Sozialwohnung voller chinesischer Dumpingarbeiter, die sich einen Fisch in einem so kleinen Aquarium halten, dass das Tier sich nicht mehr umdrehen kann.
Dabei ist die Geschichte rasch erzählt und macht der Autor kein großes Geheimnis, wer der Mörder ist: Eines Morgens schwanken drei angetrunkene Middle-Class-Bohemiens aus einem schicken In-Lokal nach Hause. Dabei treffen sie auf zwei dunkelhäutige Kids aus den nahen Sozialbauten. Die Jugendlichen ziehen eine Waffe und verlangen Geld. Doch einer der Überfallenen macht eine blöde Bemerkung, der Junge mit der Kanone bekommt einen nervösen Zeigefinger und es gibt einen Toten. Die Handlung resultiert dann aus der bekannten Tatsache, dass bei einer polizeilichen Ermittlung die Zeugen unterschiedliche, wenn nicht gar vollkommen gegensätzliche Beobachtungen machen. Die Polizisten sind in den diversen sozialen Milieus unterwegs, bis sie den Mörder schließlich haben. Mit Hilfe dieser Geschichte entwirft Price ein grandioses Sittenbild der sozialen Umbrüche in der Lower East Side. In den heutigen Großstädten reißen die sozialen Gräben immer tiefer auf. Zugleich leben die verschiedenen Schichten in parallelen Welten nahezu autistisch nebeneinander her. Man interessiert sich nicht weiter füreinander und eine irgendwie funktionierende Kommunikation gibt es nicht. Wenn man aufeinander trifft, wie in jener Nacht, endet alles in sinnloser Gewalt.
So geht es Price um das Desaster einer entsolidarisierten, nur auf Egoismus und Narzissmus aufbauenden Kultur. Er beschreibt das scheinbare Paradox, dass mit dem Triumph der absoluten Selbstbezogenheit das Selbst, das das Leben der Menschen doch einigermaßen sinnvoll steuern sollte, mir einem Mal verschwindet. Übrig bleibt der Horror Vacui. Price lässt eine seiner Figuren sagen:
„…kam mir der Gedanke, dass es eins gibt, was das Publikum (aus der Middle-Class, eingefügt von mir, U.W.) und die Jungs, die geschossen haben, verbindet, trotz aller Unterschiede…Und das ist Narzissmus. Der Unterschied ist… dass die Schützen narzisstisch sind? Aber ihre Ichbezogenheit hat kein richtiges Ich. Sie nehmen sich selbst und andere wahrscheinlich gar nicht so wahr, das heißt, außer ihren elementaren Bedürfnissen und instinktive Reaktionen auf bestimmte Situationen. Aber die anderen? Wir? Auch Narzissten, nur ist in der Mitte der Ichbezogenheit ein Ich, ein bisschen zu viel Ich und in den meisten Fällen kein besonders attraktives…“ (Richard Price, Cash, Frankfurt, 2010, S. 381f.)
Fazit: Absolut lesenswert.
bescheinigt der Berliner weblog Wedding krass meinem Roman Berliner Macht:
„Das pralle Leben steckt in dem Buch, als da sind: arbeitsliebende Mütter, verkannte Genies, Emporkömmlinge, Praktikantinnen, heimtückische Politiker und einige Tote… Man genießt als Weddinger den Gruselkitzel, dass das alles tatsächlich vor der eigenen Haustür passieren könnte.“
Die gesamte Rezension findet sich hier.
Siehe auch die Besprechung beim planet wedding.
Ein Porträt des Künstlers als junger Mann.
Leonard Cohens erster, autobiographisch geprägter Roman „Das Lieblingsspiel“ führt zurück in die fünfziger und frühen sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Er erzählt von dem aus begüterter jüdischer Montrealer Familie stammenden jungen Poeten Lawrence Breavman, von der Geschichte seines Erwachsenwerdens, die sich an einer Reihe von erotischen Begegnungen festmacht. Er führt aber auch zurück in die Zeit, als der Künstler Leonard Cohen und die Grundideen seiner Arbeit sich erst herausbildeten. Authentische Selbstdarstellung und Selbstmythologisierungen gehen im Roman Hand in Hand.
„The Favorite Game“ ist ein früher Beleg für Cohens ästhetische Gestaltungskraft. Wie ist der Text also konstruiert? Er besteht aus der Chronologie von vier, etwa gleich großen „Büchern“. Zugleich wählt Cohen aber auch die Form der Rückblende. Der Roman beginnt mit dem Satz: „Breavman kennt ein Mädchen namens Shell, deren Ohren durchbohrt wurden, damit sie Filigranohrringe tragen kann.“(Leonard Cohen, Das Lieblingsspiel, in: Leonard Cohen, Das Lieblingsspiel, Gedichte/Lieder, Schöne Verlierer, Verlag 2001, 1974, S.9) Shell, mit der Breavman einige Sommertage und –nächte an einem See unweit von New York verbringt, erscheint erst im Gang der Chronologie des Romans. Breavman erzählt ihr dann die Geschichte seines Erwachsenwerdens. Er lernt sie kennen, als er als Student in New York lebt, sie ist eine verheiratete Frau. Die intensive Liebesgeschichte Breavman – Shell, die in „Buch III“ erzählt wird, stellt den Höhepunkt des Romans dar. „Buch I“ und „Buch II“ berichten dagegen von Breavmans Montrealer Vorgeschichte, von seinem Elternhaus, seiner Kinderfreundin Lisa, seiner ersten Geliebten Tamara, von seinem Kumpel Krantz und seinen Anfängen als lokalem Songpoet. Viele Abschnitte sind sehr berührend, etwa die Geschichte mit Lisa oder wenn es um Breavmans Familiengeschichte und seine vom Leben frustrierte Mutter geht. Cohen schreibt in einer schönen und poetischen Sprache, die den Lyriker erkennen läßt.
„Buch IV“ fällt dagegen ab. Breavman trennt sich von Shell, um seine persönliche Freiheit zu wahren. Er verbringt den Sommer als Betreuer in einem von Kumpel Krantz geleiteten Jugendcamp und erlebt in dem Autisten Martin seine eigene Andersartigkeit. Hier spielt Cohen mit dem bekannten Gegensatz: Bürger – Künstler. Besonders überzeugend scheint mir das alles aber nicht zu sein: Vielmehr verstrickt der Autor sich in allerlei Selbststilisierungen.
Die Ursache für die Entwicklung des Romans scheint mir außerhalb des Textes zu liegen: Hätte Cohen in New York City Shell (vielmehr das reale Vorbild der Romanfigur) geheiratet, so wäre er niemals nach Griechenland gegangen, hätte er nicht mit Marianne Ihlen gelebt und wäre er nicht zu dem (gemeinsam mit Bob Dylan) bedeutendsten Poeten der internationalen Popmusik geworden. Cohen beschreibt seine Jugendjahre, als noch alles im Fluss ist, aber er will einen in sich geschlossenen Roman konstruieren. Damit muss er notwendig scheitern. Auch die in den letzten Sätzen gegebene Auflösung des Romantitels (Lisas „Lieblingsspiel“ bestand darin, dass sie sich in den frisch gefallenen Schnee warfen und dann die entstandenen Formen verglichen ), scheint mir nicht wirklich überzeugend.
Breavmans „Lieblingsspiel“ ist natürlich die erotische Kommunikation. Im ersten Kapitel von „Buch I“ geht es nicht nur um die Narbe in Shells Ohrläppchen. Cohen schreibt: „Eine Narbe ist, was sich ereignet, wenn das Wort Fleisch wird.“(a.a.O.S.10) Das ist pathetisch ausgedrückt, der junge Cohen will eben wichtige Dinge erklären, führt aber ins Zentrum seines gesamten Werkes: Er versteht Erotik als die Nahtstelle zwischen Geist und Körper, zwischen Bewusstsein und Sein, Seele und Materie. Man könnte zeigen, wie er später in dem berühmten „Suzanne“ die erotische Liebe zu einer Erfahrung weltumspannender Mystik hoch stilisiert. Auch in der Liebe zwischen Shell und Breavman geht es um diese Kommunion von Geist und Fleisch: Shells Ehe verlief weitestgehend unerotisch und erst in der Beziehung zu Breavman erfährt sie (die aus der amerikanischen Upper-Class stammende Protestantin) sich selbst als erotisches Subjekt. In dieser Kommunikation von Wort und Fleisch entstehen denn auch Cohens Gedichte: ”Wenn du mich heranrufst / um mir zu sagen / dein Körper sei nicht schön / dann wünsche ich, mein Körper, meine Hände / sollten Becken sein / für deine Blicke und dein Lachen.“ (a.a.O.S.226).
Leonrad Cohen wird so zum wahren Nachfolger Henry Millers, des großen Hippies der Weltliteratur. Man sollte sich vor Augen halten: Wir leben in einer profanen, auf das Geld fixierten Zeit, in der Sexualität als Mittel zum Zweck verstanden wird: Vor allem als Begleitmusik für den ewigen Kommerz. Oder sie gilt als Teil von psychischer Hygiene, vielleicht auch als eine Art Sport, und manche sehen in der Emanzipation sexueller Minderheiten gleich einen Aspekt der Befreiung der Menschheit. Cohen dagegen konzipiert Erotik als einen nahezu religiösen Selbstzweck, als den innersten Kern des menschlichen Lebens und der Kommunikation. In den Mittelpunkt des Lebens stellt er die mystische Erfahrung der Aufhebung der Vereinzelung. Seine Lieder sind ein Einspruch gegen den blinden Selbstlauf der Moderne.
siehe auch: Cohen und Hydra
Ulf Miehes Roman ist eine echte Ausnahmeerscheinung im allzu häufig stockbiederen deutschen Krimischaffen. Anfang der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts geschrieben und im damaligen Inselreich West-Berlin spielend, ist dieser coole Krimi um Klassen besser als vieles, was seitdem veröffentlich wurde.
Es geht um den Drehbuch- und Krimiautor Benjamin und um den fürs deutsche Fernsehen tätigen Regisseur Gorski. Beide fahren nach Berlin, um dort nach Stoff für einen neuen Film zu suchen. Sie wollen nahe an der Wirklichkeit recherchieren. Benjamin kennt Sparta, eine aus Westdeutschland zugereiste und in Berlin heimisch gewordene Rotlicht- und Gangstergröße. Und Sparta, der einer jungen Frau zu einer Filmrolle verhelfen will, gibt tatsächlich einen Tipp: Einmal im Monat landet auf dem Flughafen Tegel eine US-amerikanische Militärmaschine, die den Sold für die in Berlin stationierten Soldaten bringt. Es soll sich um eine Million Dollars handeln, damals verdammt viel Geld. Mit einem Geldtransporter, eskortiert von zwei Jeeps, werden die Geldsäcke dann ins Headquarter gebracht. Diesen Transporter könnte man überfallen…
Gorski und Benjamin beginnen mit ihren Recherchen. Sie fahren die Strecke ab, denken darüber nach, wie man einen der Jeeps ausschalten und den Transporter stoppen könnte, besorgen sich auf dem schwarzen Markt mal probehalber Schusswaffen. Autor Benjamin macht sich pausenlos Notizen. Als heutiger Leser könnte man nun allerlei Reflektionen über das Drehbuch im Roman und ähnlichen Schnickschnack erwarten. Aber unsere postmodernen Zeiten lagen damals noch in weiterer Ferne. Und so nimmt die Geschichte eine ganz andere Wendung.
Gorski und Benjamin, als typische Kinder ihrer Zeit, schließen Theorie und Praxis einfach kurz. In der Realität führt dieser Kurzschluss aller Erfahrung nach ins Desaster (im Extremfall bis nach Stammheim und in den deutschen Herbst). Aber in der Literatur, und gerade in der aus den 70er Jahren, sehen die Dinge manchmal völlig anders aus. Gorski hat keine Lust, sich weiter von einem ebenso reichen wie knauserigen Produzenten nerven zu lassen. Und Autor und Bob-Dylan-Fan Benjamin scheint es finanziell ähnlich schlecht zu gehen wie heutigen Krimischreibern:
-„Schriftsteller überfiel Bank“, sagte er, „hast du’s schon gelesen? -„Nein.“ -„Und starb vor Aufregung an Herzschlag. So geschehen in der S-Bahn nach Hamburg. Mit dem Geld in der Tasche.“ -„So viel Geld war er nicht gewöhnt“, sagte ich.“ (Ulf Miehe, Ich hab noch einen Toten in Berlin, SZ Krimibibliothek Band 17, S. 92.)
Und so brechen sie die Brücken hinter sich ab. Ein besseres Leben werden sie schon finden, irgendwo unter südlicher Sonne. Benjamin und Gorski haben…
„…Träume, uneingestanden bis dahin, und ein Zufall bringt sie auf die Tat…Sie haben dieselbe Sehnsucht und den denselben Überdruss. Und plötzlich sind sie ganz überrascht, als sie feststellen, dass sie längst entschlossen sind, das Ding zu drehen, dass sie einfach keine Hemmungen haben…“ (a.a.O., S.152)
So nehmen die Dinge ihren Lauf und der Roman wird von Seite zu Seite spannender. Veröffentlicht werden Benjamins Notizen übrigens von einem gewissen Günter Quitt, einem befreundeten Autor, dem sie mit Hilfe einer Stewardess zugespielt wurden. Denn von Anfang an ist klar: Berlin ist zwar arm, aber sexy, aber Benjamin und Gorski sind dennoch mit unbekanntem Ziel auf und davon…
Fazit: Einer der wenigen internationalen Erfolge des deutschen Krimis. Und es ist kein Wunder, dass dieser Roman in 11 Sprachen übersetzt und allein in den USA mit über 200 000 Exemplaren verkauft wurde. Spitzenklasse!
Siehe auch: Lektüreprobe “Berliner Macht”
Caren Löwner von Deutsche-Krimi-Autoren.de hat sich zu meinem Krimi Berliner Macht geäußert.
Ihr Fazit lautet: “Machtpoker in der Hauptstadt. Lesenswert!”
Die gesamte Rezension findet sich hier.
Die Kriminalromane von Janwillem van de Wetering scheinen aus einer fernen Vergangenheit herüberzuwehen. Der Autor schrieb in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, zu einer Zeit als – im Windschatten des zu Ende gehenden kalten Krieges – die Menschen in den westeuropäischen Sozialstaaten ein entspanntes Leben führten und von den Problemen unserer Tage noch nichts ahnten, seien es Globalisierung, ein Amok laufender Finanzkapitalismus oder die Grenzen multikultureller Toleranz. Van de Wetering schickte ein Ermittlertrio auf die Straßen Amsterdams, das ganz vom Zeitgeist jener Jahre geprägt war: Den Commissaris, den Chef der Amsterdamer Mordkommission, der niemals bei seinem Namen genannt wird und der sich öfters mit seiner Schildkröte über das Leben an sich unterhält, den Adjutanten Grijpstra, einen schwergewichtigen, schlagzeugspielenden Mann, scheinbar der normalste des Trios, der mit dem Scheitern seiner Ehe zu tun hat, und den Bigadier Rinus de Gier, der die Rolle des jugendlichen Katzenfreundes, Helden und Liebhabers übernimmt. Dieses Personal sieht sich denn auch nicht nur mit Mordfällen konfrontriert, sondern vor allem mit den metaphysischen Fragen nach dem Sinn des Lebens. Der Autor selbst verbrachte neben dem Krimischreiben viel Zeit in einem japanischen Zenkloster, auch darüber schrieb er mehrere interessante Bücher.
Dabei geht van de Weterings Amsterdam-Saga für die Ermittler bestens aus: In einem leerstehenden Haus finden sie einen Riesenberg Drogengeld, den sie einfach verschwinden lassen. Dann setzen sie sich zur Ruhe und sind damit dem profanen Leben schon mal ein ganzes Stück entrückt: „Der Commissaris, ein altes, zerknittertes, dünnes Männchen, dachte über das Leben nach…“ (“De Gier im Zwielicht”, rororo, Reinbek bei Hamburg, 1993, Kap. 3). Henk Grijpstra dagegen lebt mit dem geklauten Geld und der Exhure Nelli („Nellis ausladender Busen, über den sich ein rosafarbener Pullover spannte, schwappte gegen Grijpstras mächtigen Brustkorb.“(a.a.O.,Kap.1) in deren Patrizierhaus und gibt das Vollbild einen wohlhabenden Amsterdamer Bourgeois ab. Und de Gier ist nach einigen Reisen als Hippie an den wilden Küsten Maines aufgeschlagen, wo er in einem pagodenähnlichen Haus auf einem Inselchen lebt, meditiert, die Natur beobachtet und sich mit seiner Freundin, der Naturschützerin Lorraine, beschäftigt.
Doch selbst so nahe am Nirwana gibt es gelegentlich Probleme und so schickte van de Wetering seine Leute Anfang der Neunziger noch einmal auf die Krimipiste. De Gier gerät ins Zwielicht, in Schwierigkeiten, denn Lorraine ist verschwunden. Eines Abends hatte er sich den Verstand mit Marihuana, Whisky und Miles Davis zugedröhnt, um neue Bewußtseinsebenen zu erfahren. Als Lorraine von ihrer Insel herüber gepaddelt kam, ging sie ihm wohl auf die Nerven. Hat der bedröhnte Ex-Polizist seine Öko-Freundin etwa von der Klippe gestoßen? Er kann sich nicht mehr dran erinnern, wird aber genau deswegen erpresst.
In großer Not helfen alte Kumpels. Also fliegt Henk Grijpstra nach USA, um die Sache aufzuklären. Der Commissaris, der an schwerem Rheuma leidet und in dem grandiosen „Massaker in Maine“ auch schon mal in Amerika war, hält telefonischen Kontakt und berät seine Jungs. Grijpstra lernt die verschiedenen Bewohner des Hafennests Jameson kennen und für einige Momente vermeint man tatsächlich einen ganz normalen Krimi zu lesen: Natürlich gibt es Drogenschmuggel an den einsamen Küsten und der üble Sheriff Hairy Harry, ein glatzköpfiger Rechter, und sein Deputy hängen dick drin. Eine bildhübsche Lesbierin aus Hawai arbeitet hingegen verdeckt für die Drogenbehörden. Vor allem ist Jameson aber ein Arkadien für Sonderlinge, Lebenskünstler und Hippies aller Art. Und so kommt alles ganz anders: Nicht nur die wilden Tiere Maines, auch die indianischen Vorfahren und selbst ein Knochenzauber aus Papua-Neuginea spielen ihre Rolle. Wer von einem Krimi immer nur die Bestätigung des Angstschemas: Bedrohung der gesicherten Ordnung durch einen wahnsinnigen Massenmörder – Herstellung der gesicherten Ordnung durch den Kommissar (rotes Holzhaus auf dem Cover) erwartet, wird mit „De Gier im Zwielicht“ vielleicht nicht viel anfangen können. Wer sich allerdings der Erkenntnis öffnet, dass im Leben (und sogar noch kurz vorm Nirwana) allerlei interessante, spannende und lustige Dinge geschehen – und dass das neoliberale Rattenrennen gar kein Leben ist -, der wird sich bei der Lektüre dieses Romans ohne Zweifel amüsieren. Oder wie John Lennon bereits meinte: Don’t you know, it’s gonna be allright…
siehe auch: Sara Paretsky “Mit Feuereifer”
Überlegungen zu Fred Vargas „Der vierzehnte Stein“.
Hinter dem Pseudonym Fred Vargas verbirgt sich die französische Historikerin und Archäologin Frédérique Audoin-Rouzeau, die Tochter von Philippe Audoin, der seinerzeit ein Mitglied der Pariser Surreallisten war. Es mag mit dieser Autobiographie zusammenhängen, dass sie eine wesentliche Erneuerung in das Krimigenre einführte.
Vargas hat den ziemlich sonderbaren Kommissar Adamsberg erfunden, einen beinahe autistisch wirkenden, vor sich hin träumenden Mann, der seine Fälle nicht mit Entschlussfreudigkeit, Rationalität und Logik, sondern mittels seiner passiven und intuitiven Kräfte löst. Auch im “Vierzehnten Stein” geht es zunächst um die Befindlichkeiten des Kommissars: Er spürt ein körperliches Unwohlsein, eine tiefe Irritation seines Daseins. Nach und nach findet er heraus, was ihn so aus dem Gleis gebracht hat: Es ist beispielsweise ein Bild eines aus den Meeresfluten auftauchenden und mit einem Dreizack bewaffneten Neptuns. Allerlei merkwürdige Zeichen verweisen auf einen Kriminalfall, der ebenso monströs wie konstruiert ist.
In dem Dorf in den Pyrenäen, in dem Adamsberg aufwuchs, lebte der Richter Fulgence, ein düsterer, böser Mann, den immer seine zwei großen, an Höllenhunde erinnernde Doggen begleiteten. Eines Tages nun war Adamsbergs Bruder Raphael mit seiner Freundin Lise im Wald unterwegs. Raphael fiel in Ohnmacht, und als er erwachte, lag Lise tot neben ihm: Erstochen mit einem Dreizack, mit einer gewaltigen Mistgabel, wie sie in Fulgences Schuppen stand. Raphael aber hatte keinerlei Erinnerung an die vergangenen Stunden. Doch alle Indizien deuteten darauf hin, dass er selbst seine Freundin in einem Anfall von Gewalttätigkeit umgebracht hatte, er glaubt es beinahe selbst. Nur Adamsberg hatte den Richter mit seinem Dreizack fliehen sehen. Er verhilft seinem Bruder zur Flucht nach Amerika, denn er erkennt: Fulgence ist ein Monster, dem man so bald nichts wird nachweisen können.
Im weiteren entdeckt der Kommissar, dass im Lauf der Jahre in vielen Regionen Frankreichs Dutzende Morde nach dem identischen Strickmuster geschehen sind: Immer wird das Opfer mit einem Dreizack getötet, immer wird der scheinbare Täter bewusstlos neben der Leiche gefunden und kann sich an nichts erinnern, immer war der Richter Fulgence nicht weit. Doch Adamsberg konnte dem Richter niemals etwas beweisen. Und dann stirbt Fulgence an Altersschwäche und lange Jahre geschieht nichts Böses. Doch nun, anscheinend aus dem Grab heraus, hat er wieder zugeschlagen: Im Elsass wird ein junges Mädchen mit einem Dreizack getötet und ein Landstreicher mit alkoholbedingtem Filmriss liegt daneben.
Doch es kommt noch sonderbarer und noch konstruierter: Adamsberg reist mit seinen Kollegen nach Kanada, wo sie von der dortigen Polizei in den allerrationalsten Ermittlungstechniken geschult werden. Aber auch hier hat er sonderbare Erlebnisse: Bei einem Ausflug besucht er einen See, in dessen Tiefen ein Fisch aus der Urzeit lebt – ein Hinweis auf ein lange verdrängtes Trauma. Bei einem Vivaldikonzert gibt es Hinweise auf den Dreizack. Und er lernte die junge Noella kennen, die immer am Flussufer sitzt. Eines Abends nun betrinkt Adamsberg sich aus Liebeskummer sinnlos. Auf dem Heimweg läuft er am Fluss mit dem Kopf gegen einen Ast und verliert das Bewusstsein. Erst Stunden später kommt er blutbeschmiert wieder zu sich und erfährt später: Noella wurde in der gleichen Nacht mit einem Dreizack ermordet. Alle Indizien deuten darauf hin, dass der Kommissar selbst der Mörder ist…
Diese Geschichte ist nicht nur extrem spannend, so dass man kaum mit dem Lesen aufhören kann, sondern ebenso absolut bizarr und völlig konstruiert. Aber das macht nichts. Man denke einfach an John Lennons berühmten Satz: Nothing is real, der eine Wegmarke der Popkultur bezeichnet. Tatsächlich waren Freuds Psychoanalyse und seine damit einhergehende Entdeckung des Unbewussten eine der bedeutendsten Erkenntnisse des 20.Jahrhunderts. Hatte man bislang den Menschen primär als rational denkendes Wesen (im Sinne von Descartes berühmtem »Ich denke, also bin ich«) aufgefasst, so begriff Freud, dass das bewusste Ich umgeben ist von einem Ozean von Irrationalität, heiße es nun Über-Ich, Es, oder wie auch immer. Auf die moderne Kunst hatten Freuds Entdeckungen gewaltige Auswirkungen. Gerade der Surrealismus ist ohne sie überhaupt nicht vorstellbar. Man denke nur an Dalis berühmte Gemälde.
Fred Vargas beherrscht die »Mechanik« des Krimis, von dem sie in einem an das Buch angefügten Interview spricht, ganz ausgezeichnet. Aber bei Vargas führt diese Mechanik nicht zu einem Uhrwerk des Rationalen (wie in seiner extremsten Form etwa bei Sherlock Holmes), sondern in eine an Dalis Uhren erinnernde Mechanik des Surrealen. Damit eröffnet sie dem Krimigenre einen Horizont zur klassischen Moderne. »Der vierzehnte Stein« ist ein traumhaft gut geschriebener Roman, in dem Adamsberg, ein »Träumer, der ins Schwarze trifft« (S.308), mit der Hellsichtigkeit und der Blindheit eines Schlafwandlers durch einen Albtraum von Gewalt und Hilflosigkeit schreitet. Vargas Krimi erinnert an Bilder von René Magritte: Eine Frau, die sich in einen Marmortorso verwandelt, ein Schloss, das sich in einem nächtlichen See spiegelt, ein Reiterin im Wald, die nicht zwischen, sondern in den Baumstämmen zu sehen ist. Viel zu viele Krimis sind mit den (längst überholten) literarischen Mitteln des 19. Jahrhunderts geschrieben und das wird irgendwann langweilig und führt zu einer Litanei des Immergleichen. Vargas Wendung zum Surrealismus dagegen hat dem Krimi neue Perspektiven geöffnet.
Brett Easton Ellis zählt zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart. In der Kälte seiner Intelligenz und seines Spotts spiegelt sich die Kälte unserer heutigen deregulierten kapitalistischen Gesellschaften. “Lunar Park”, sein jüngster Roman, ist eine grandiose Satire auf das Glitzerleben auf der Gewinnerseite des amerikanischen Traums. Erst durch Verzerrung tritt die Nachtseite ins Licht. Meine Rezension von “Lunar Park” findet sich hier.