mord & totschlag

Bettina von Arnims vergessene Beschreibung des sozialen Elends in Preußen.

Donnerstag, 04. April 2013 von Ulli

Die Älteren kennen die deutsche Dichterin Bettina von Arnim noch vom Fünf-Mark-Schein, der ihr Porträt zeigte. Geboren als Bettina von Brentano, Schwester von Clemens Brentano, heiratete sie 1811 Achim von Arnim und gehörte sie zum innersten Kreis der deutschen Romantik. Vor allem nach dem Tod ihres Mannes trat sie mit eigenständigen Publikationen hervor und entwickelte sie zudem ein umfangreiches soziales Engagement. Beeinflusst von den Ideen der Frühsozialisten traf sie sogar mit Karl Marx zusammen. Sie war jedoch keine Revolutionärin, sondern vertrat die romantische Idee eines Volkskönigs. So war ihr Dieses Buch gehört dem König denn auch als offener Brief an den preußischen König Friedrich Wilhelm IV gedacht, den sie zu sozialen Reformen bewegen wollte. Von Arnim entfaltete allerlei Überlegungen und Dialoge, die sie vor allem der Mutter des Dichterfürsten Goethe, mit der sie lange Jahre befreundet war, in den Mund legt. Großen Erfolg hatte ihr recht naives Unterfangen nicht – immerhin war Friedrich Wilhelm IV die gleiche reaktionäre Dumpfbacke, die die 1849 von Frankfurter Nationalversammlung angebotene deutsche Kaiserkrone mit der Begründung ablehnte, er nehme keine „Krone aus der Gosse“.

Ausgesprochen interessant an Bettinas Text sind die als „Beilage“ konzipierten „Erfahrungen eines jungen Schweizers im Vogtlande“ am Ende des Buches: „Vor dem Hamburger Tore, im sogenannten ‘Vogtland’, hat sich eine förmliche Armenkolonie gebildet.“(Bettina von Arnim, Dieses Buch gehört dem König, Kindle-Edition. Pos. 4624) Sie charakterisiert diesen Slum folgendermaßen:

 „Das aber scheint gleichgültig zu sein, dass die Ärmsten in eine große Gesellschaft zusammengedrängt werden, sich immer mehr abgrenzen gegen die übrige Bevölkerung und zu einem furchtbaren Gegengewichte anwachsen.“(a.a.O. Pos.4624)

Und beschreibt das Leben des damals entstehenden Proletariats:

Der Vater webet zu Bett und Hemden und Hosen und Jacke das Zeug und wirkt Strümpfe, doch hat er selber kein Hemd. Barfuß geht er und in Lumpen gehüllt.

Die Kinder gehen nackt, sie wärmen sich einer am anderen auf dem Lager aus Stroh und zitten vor Frost.

Die Mutter weift Spulen vom frühsten Tag zur sinkenden Nacht. Öl und Docht verzehrt ihr Fleiß und erwirbt nicht so viel, dass sie die Kinder kann sättigen.

Abgaben fordert der Staat vom Mann, und die Miete muss er bezahlen, sonst wirft ihn der Mietherr hinaus und die Polizei steckt ihn ein. Die Kinder verhungern und die Mutter verzweifelt.

Die Armenverwesung hat taube Ohren, sie läßt lange vergeblich sich anschreien vom Armen, was er ihr abringt, das Leben zu fristen, läßt ihn nur langsamer sterben.“ (a.a.0. Pos.4599)

In diesem „Vogtland“ gibt es „sogenannte ‘Familienhäuser’… In vierhundert Gemächern wohnen zweitausendfünfhundert Menschen. Ich besuchte daselbst viele Familien und verschaffte mir Einsicht in ihre Lebensumstände.“ (a.a.O. Pos. 4629)

Es folgt ein Panoptikum des Elends der industriellen Revolution. Gerade wurde das Preußenjahr gefeiert: Doch im verlogenen Agenda-Deutschland von Schröder und Merkel ist kein Platz für die Erinnerung an diese Nachtseite von Preußens Gloria. Bettina von Arnim jedoch geht von Tür zu Tür und beschreibt die elende Lage der Menschen. Es handelt sich um keine soziologische Studie, wie beispielsweise Friedrich Engels „Die Lage der arbeitenden Klassen in England“, sondern um eine grandiose literarische Verdichtung der Wirklichkeit. Um ein Stück vergessener deutscher Literaturgeschichte des 19.Jahrhunderts, die sich eben nicht in Naturlyrik und Biedermeier erschöpft. Noch ein Beispiel:

“Fünf seiner Kinder starben an den Pocken, und während sie krank waren, fehlte es ihm an Arbeit. Von niemandem unterstützt, geriet er dadurch so in Schulden, daß er mehrmals aus dem Hause geworfen werden sollte. Er verkaufte Hausgeräte und Kleider und ist jetzt so entblößt von allem, daß er nicht einmal ein Hemd besitzt. Durch Arbeit kann er sich nicht wieder aufschwingen, weil es ihm an Leder fehlt und die Flickarbeit, die er den Leuten im Familienhause macht, schlecht bezahlt wird. Zudem hat er mit zwölf anderen Schustern, die am gleichen Orte wohnen, zu konkurrieren. Ich sah es selbst, wie seine Frau um Arbeit ausging und er unterdessen die Kinder hütete. Es war drei Uhr abends, und er hatte an demselben Tag erst zwei Silbergroschen verdient; den einen gab er wieder aus für Zwirn, für den andern kaufte er Brot. Das Kleine fing an, vor Hunger zu weinen.” (a.a.O. Pos.4676)

Siehe auch: Sara Paretsky: Globalisierung in Chicago.


Krimi und Globalisierung – Zu Donna Leon und Martin Walker.

Montag, 14. Januar 2013 von Ulli

“Der Autor arbeitete lange Jahre als hochrangiger Beamter im chinesischen Ministerium für Information und ist Mitglied beim Schriftstellerverband der KP Chinas. Er lebt in Peking und im Rheingau.”

oder auch:

Die Amerikanerin Donna Leon kam nach einem Wanderleben als Lehrerin und Literaturdozentin, das sie bis nach China, in den Iran und nach Saudi-Arabien führte, nach Venedig, wo sie noch heute lebt. Sie ist eine sehr erfolgreiche Autorin, deren Krimireihe um den netten Commissario Brunetti auch in Deutschland millionenfach verkauft wurde. Es sei nicht verschwiegen, dass ihre ersten Romane – etwa „Venezianisches Finale“ oder „Aqua Alta“ – ziemlich gute Krimis waren. Ihre späteren Arbeiten fand ich dagegen mitunter so langweilig, dass ich sie kaum zu Ende lesen konnte. Der Erfolg der Serie lebt denn auch vor allem von der Figur des Guido Brunettis, eines extrem sympathischen Mannes, der denn auch eine supernette Familie hat: Eine Ehefrau, selbst Literaturdozentin, die – die Kitsch lass nach – aus altem venezianischem Adel stammt, und zwei total tolle Kinder. Zum Personal der Serie gehören beispielsweise noch ein leicht depperter Vorgesetzter und eine erotisch-melodramatische Polizeisekretärin. Natürlich wird dauernd gut gegessen und Kaffee oder Wein getrunken.

Venedig wird im schönsten Licht aller Touristenpostkarten gezeichnet. Zugleich suggeriert Donna Leon dem Leser jedoch, dass er in ihren Krimis etwas über das wirkliche Leben in Venedig erfahren würde. Das darf bezweifelt werden. Venedig, eine Stadt von ungefähr 50 000 Einwohnern, wird pro Tag von 50 000 Touristen heimgesucht. Darüber kein Wort. Donna Leon hat die Publikation ihrer Bücher in Italien untersagt, angeblich, um zu großen Rummel um ihre Person zu vermeiden. Mein Verdacht lautet aber: Sie unterbindet die Publikation, damit bloß keiner mitbekommt, welch grauenhaft kitschiges Bild sie von dieser Stadt zeichnet. Ihre Romane sind Teil einer globalisierten Venedigindustrie, die die Stadt romantisch-touristisch verklärt. Vom deutschen Fernsehen wurden zahlreiche Romane verfilmt, bezeichnenderweise mit deutschen Schauspielern. Diese Filme zeichnen das Italienbild des deutschen Wohlstandspießers, mit dem wirklichen Italien haben sie ungefähr so viel zu tun, wie die Edgar-Wallace-Verfilmungen mit Joachim Fuchsberger mit dem London der sechziger Jahre.

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Richtig gute Krimis: Georges Simenon „Maigret und die junge Tote“.

Donnerstag, 02. August 2012 von Ulli

Alle Romane um Kommissar Maigret beginnen mit einer Situation des Alltags und des bürgerlichen Friedens. Sei es, dass es gerade Frühling geworden ist und der Kommissar mit der Straßenbahn zur Arbeit fährt, sei es, dass es regnet und er aus dem Fenster auf die Seine blickt, sei es, dass das Ehepaar Maigret irgendwo zu Abend ißt. In diesen Frieden bricht nun das Chaos eines neuen Falles ein und es wird Maigrets Aufgabe sein, die bürgerliche Ordnung wieder herzustellen. Der Krimi zählt in seinem Kern zur konservativen Literatur. So beginnt auch der Roman „Maigret und die junge Tote“: Es ist tief in der Nacht, nach langen Verhören wurde eine hartgesottene Verbrecherbande überführt und alle wollen nach Hause. Da klingelt das Telefon: In Montmatre wurde eine weibliche Leiche gefunden. Maigret und einer seiner Inspektoren nehmen einen Wagen. Simenon beschreibt die Fahrt durch das nächtliche Paris mit wenigen Strichen in einer großen atmosphärischen Dichte; tatsächlich zählte er zu den wenigen Krimiautoren, die richtig gut schreiben konnten:

„Die nassen Strassen lagen ausgestorben da, feine Tropfen zeichneten einen Lichterkranz um die Gaslaternen, dann und wann huschten schemenhafte Gestalten an den Häuserwänden entlang. Ein Café an der Ecke Rue de Montmarte mit den Grand Boulevards hatte noch offen, und ein Stück weiter gewahrten sie die Leuchtschilder von zwei oder drei Nachtlokalen, Taxis warteten am Straßenrand. Lediglich einen Katzensprung von der Place Blanche entfernt lag die Place Vintimille da wie eine friedliche Insel. Ein Polizeiwagen parkte. Unweit der Umzäunung des winzigen Platzes standen vier der fünf Männer um ein helles Etwas herum, das auf dem Boden lag.“(Georges Simenon, Maigret und die junge Tote, S.11f, in: Drei große Romane mit Kommissar Maigret (Der große Gelbe), Diogenes Verlag, Zürich, 1978)

Eine junge Frau, die ein ziemlich ärmliches Abendkleid trägt, wurde erschlagen. Maigret und seine Kollegen (zu denen dieses Mal auch Inspektor Lognon, der „Inspektor Griesgram“, zählt, eine tragikkomische Figur, die zur Unterhaltung der Leser durch mehrere Maigret-Romane geistert) beginnen mit ihren Ermittlungen und lernen etliche junge Frauen kennen, die, aus der Provinz nach Paris gekommen, sich dort irgendwie über Wasser halten: Beispielsweise eine junge Frau, die in einer sklavinnenähnlichen Abhängigkeit zu einer älteren Schneiderin (die der Toten das Abendkleid auslieh) lebt, oder ein schüchternes Dienstmädchen, das der Polizei einen wertvollen Tipp gibt. Simenon erörtert an verschiedenen Beispielen, wie diese jungen und attraktiven Frauen in Paris zurecht kommen. Auch Louise, so der Name der Toten, war aus Nizza, wo sie in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen war, in die Großstadt geflüchtet. Im Zug hatte sie eine andere junge Frau kennengelernt, an die sie sich in den folgenden Jahren hielt. Aber während es dieser Freundin gelang, sich in Paris ein eigenes Leben aufzubauen und schließlich sogar eine gute Partie zu machen (der Roman wurde im Januar 1954 abgeschlossen), konnte Louise sich nicht aus den Fallstricken ihrer Herkunft lösen. Das führte dann zu ihrem gewaltsamen Tod…

Paris, Place des Vosges. Vor langer Zeit wohnte hier der Autor Georges Simenon. Der Boulevard Richard Lenoir, wo er die Wohnung seines Kommissars Maigret verortete, liegt nur wenige Straßen entfernt. In jenen Tagen war das Marait noch ein typischer Kleine-Leute-Kiez.

So konventionell vieles gedacht ist: Simenon stellt seine weiblichen Figuren vollkommen anders dar als beispielsweise Dashiell Hammett oder Chandler. Gerade bei Hammett wimmelt es von eiskalten und berechnenden Super-Blondinen, von wahren Göttinen und Monstern des Sexus, von Figuren, die eher aus Hollywoods Mythenfabrik als aus dem wirklichen Leben zu stammen scheinen. Demgegenüber sind Simenons Frauengestalten völlig down to earth: In der Regel handelt es sich um nette junge Französinnen aus dem Kleinbürgertum, die realistisch dabei beobachtet werden, wie sie sich abmühen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Eines Tages (wenn sie nicht gerade die Mordopfer sind) werden sie allesamt Kinder haben und nette französische Muttchen sein. Simenon wurde nicht müde, das Pariser Rotlichtmilieu zu beschreiben – und dennoch hat er seine Protagonistinnen von zahllosen Mythen, Klischees und Vorurteilen befreit.

„Ich habe bereits eine ganze Reihe von Mädchen in diesem Alter kommen und wieder gehen sehen. Zur Zeit haben wir zwei davon, die im Lido tanzen…Sehen Sie, wenn diese jungen Dinger da nach Paris kommen und sich inmitten von Millionen Menschen verloren vorkommen…“ (a.a.O. S.158f)

siehe auch: “Maigret, die Tänzerin und die Gräfin.”


Das Monster der Finanzindustrie – Zu Robert Harris Reformulierung der Frankenstein-Metapher in seinem Thriller „Angst“.

Mittwoch, 02. Mai 2012 von Ulli

„Am 9.Oktober 2007 schloss der Dow Jones Industrial Average mit 14164 Punkten. Gestern Abend – ich habe das noch einmal überprüft, bevor ich das Büro verlassen habe – schloss der Dow mit 10866. Das entspricht einem Verlust über die letzten zweieinhalb Jahre von fast einem Viertel. Stellen Sie sich das vor! All die armen Trottel mit ihren Pensionsplänen und Indexfonds haben etwa 25 Prozent ihres Investments verloren. Sie jedoch haben auf uns vertraut, und der der Wert Ihres Vermögens hat sich im gleichen Zeitraum um 83 Prozent erhöht.“ (Robert Harris, Angst, München (Heyne Verlag), 2011, Seite 109)

In seinem Thriller „Angst“ führt Robert Harris seine Leser in die Welt der Hochfinanz. Alex Hoffmann ist ein genialer Physiker, der jedoch starke Symptome von Autismus aufweist: Wie Dr. Frankenstein ist er ein halb wahnsinniges Genie. Als Physiker arbeitete er zum Thema der künstlichen Intelligenz, über „autonomes maschinelles Lernen“(a.a.O. S287), dann wechselte er ins Finanzfach und entwickelte aus seinen Erkenntnissen den Algorithmus VIXAL, mit dem sein computergestützter Hedgefonds automatisiert auf fallende Kurse spekuliert. Die Gewinne sind gigantisch. Hoffmann schwimmt regelrecht in den Millionen.

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Willkommen in der Postmoderne II: Zu Richard Powers Satire “Das größere Glück”

Mittwoch, 18. April 2012 von Ulli

In der amerikanischen Verfassung ist das Streben nach Glück, die berühmte Pursuit of Happiness, als ein unveräußerliches Grundrecht aller Menschen formuliert. Aber wie sieht es mit diesem Glück in der Realität aus? Und was passiert, wenn in den USA wirklich mal einer glücklich ist? Diese Frage stellt sich Richard Powers in seiner Satire “Das größere Glück” .

Der Literat Russel Stone ist ein melancholischer Zeitgenosse. Er unterrichtet in Chicago creative writing (irgendwie riecht der ganze Roman ein wenig nach creative writing) und hält sich ansonsten als Redakteur einer Zeitgeistzeitschrift, in der allerlei Schwachköpfe ihre Psychoergüsse zum Besten geben, über Wasser.  In seinem Kurs erscheint nun die junge Algerierin Thassadit Amzwar. Thassa hat den Bürgerkrieg in ihrer Heimat mit knapper Not überlebt, sie hat ihre Eltern und viele Freunde verloren. Doch die traumatisierte Exilantin ist glücklich. Sie ist gut drauf, sie wirkt heiter und froh und ihre gute Stimmung überträgt sich auf jeden, der mit ihr zu tun hat. Sie ist eine Freude.

Stone ist das Glück seiner Schülerin allerdings nicht ganz geheuer. Er wendet sich deshalb an die Psychologin Candace Weld, die für die Studentenberatung  arbeitet. Weld spricht mit Thassa und stellt fest: Die Algerierin ist völlig normal im Kopf. Es besteht kein Grund zur Besorgnis. Die Diagnose lautet: Hyperthymie, also übermäßiges Glück. Während Stone und Candace langsam und glücklich miteinander anbandeln, versucht ein Kommilitone, Thassa zu vergewaltigen. Die junge Frau bringt ihn jedoch von seinem Vorhaben ab. Die Katastrophe bricht aber los, als die Medien Wind von der Geschichte bekommen. Die ebenso simple wie reißerische Botschaft lautet: „Sie hat diesen Perversen einfach durch ihre Freude verscheucht“. (Richard Powers, Das größere Glück, Frankfurt Main, 2009, S.158). Endlich ein glücklicher Mensch! Durch diverse Blogs wandert die Geschichte in die Mainstream-Medien. Die Branche hat eine neue Sau, die sie durchs Dorf treiben kann. Dutzende Kommentatoren, Experten, Selbstdarsteller, Dummschwätzer, Sensationshechler und was nicht alles lassen sich über Thassa aus. Der „öffentliche Datenbrei“ (a.a.O. S158) macht sich über sie her. Schließlich tritt sie in dem ebenso aussichtslosen wie absurden Versuch, die Dinge zu erklären, sogar in landesweiten Talk-Shows auf…

Das Streben nach Glück, vom Chicagoer Big Business in Beton gegossen.

Doch es kommt noch schlimmer: Der Wissenschaftler Thomas Kurton, Inhaber der börsennotierten Firma Truecyte, die mittels Genforschung ihr Geld macht, wird auf Thassa aufmerksam. Lange schon sucht er nach dem genetischen Code des Glücks und bei Thassa hofft er ihn nun zu finden. Die junge Frau, Glück macht anscheinend naiv, lässt sich untersuchen. Doch das Resultat der Übung ist natürlich verheerend:

Wissenschaftler haben endlich entdeckt, dass das Glück in erster Linie erblich ist…Truecytes Nachricht durchläuft den Mem-Pool wie eine Welle ein Footballstadion. Zahllose Websites werten die Meinungen von Internetnutzern aus; die Story bekommt vier Sterne für ihren Neuigkeitswert, vier Sterne für ihre Wichtigkeit und fünf Sterne für ihren Unterhaltungswert… Die Entdeckung kommt goldrichtig.” (a.a.O. S.258)

Denn die Weltlage ist nicht gerade beglückend: Es gibt Kriege, die Klimakatastrophe, Killerviren, die Finanzkrise, den internationalen Terror und was noch mehr. Kein einziges dieser Probleme ist auch nur ansatzweise gelöst. Aber zum Glück: “Wissenschaftler entdecken die genetische Ursache der Freude.“(a.a.O.S.259)

Thassa lebt jetzt inmitten eines durchgeknallten Hurrikans. Sie kann sich nicht mehr in ihr Studentenwohnheim trauen, das von Menschen belagert wird und taucht unter. Die einen bewundern sie, die anderen empören sich über sie. Als sie genetisches Material an eine weitere Gentech-Firma in Houston verkauft, beginnt ein Rechtsstreit über die anscheinend sehr profitable Lizenz für den Code des Glücks. Schließlich bittet sie Stone, ihr bei der Flucht zu helfen…

Gut geschriebene, wenn auch ziemlich konventionell aufgezogene Satire über ein Land, das zwar hinter dem Glück her rennt, es aber sofort pathologisiert und in seine Einzelteile pulverisiert, falls es sich zur allgemeinen Überraschung doch mal blicken lässt.

siehe auch: Lektüreprobe “Berliner Macht”.


Sätze wie von einer bekifften Elektrogitarre gespielt

Sonntag, 11. März 2012 von Ulli

Willkommen in der Postmoderne! Zu Jonathan Lethems grandioser Satire „Chronic City“.

Die Sprache mäandert ähnlich abgedreht durch die Seiten des Buches wie die Personen durch die Handlung. Wenn Lou Reed schreiben würde, würde es womöglich so ähnlich klingen. Was soll man von diesem Personal halten? Chase Insteadman hat sein Geld als Kinderstar in diversen TV-Serien gemacht und lebt als eine Art schwerreicher Jungrentner in New York. Seine Verlobte heißt Janice Trumball, ist Astronautin, doch mit ihrem Schiff irgendwie in ein chinesisches Minenfeld geraten (ein Weltkrieg scheint zu toben) und schwebt nun sinnlos im All. Ähnlich ziellos gondelt Insteadman durch ein futuristisches Manhattan der Superreichen. Dabei trifft er auf Perkus Tooth, einen ehemaligen Rock- und Kulturkritiker, ein kontinuierlich bekifftes Fossil aus den damals irgendwie noch aufklärerischen Achtziger Jahren, der – ebenfalls ganz losgelöst von Raum und Zeit – in seiner mietpreisgebundenen Wohnung sitzt und in einer Art Sprechdurchfall die kulturelle Semantik einer durchgeknallten Zivilisation zu dechiffrieren sucht. Mit von der Partie sind beispielsweise noch der Karrierist Richard Abneg, der als Hausbesitzer anfing und als rechte Hand des schwerreichen Bürgermeisters endete (sozusagen der Joschka Fischer des Romans) und seine reiche Freundin Georgina Hawkmanaji, genannt Frau Habichtmann, aber auch – ihrer Körperform wegen – Straußenfrau. Allerlei Tiere spielen eine Rolle, Adler, ebenso ein entlaufener Tiger, der ganze Häuser zum Einsturz bringt, und eine dreibeinige Kampfhunddame. Unter anderem beschäftigt man sich mit Caldronen, das sind Fantasy-Grale, die bei E-Bay angeboten werden, hinter denen die Protagonisten aber zunächst ähnlich erfolglos her jagen wie die Tafelritter früherer Jahrhunderte hinter ihren Gralen. Dieses New York schwebt in einer zur Ewigkeit aufgeblasenen Gegenwart. Die Hölle. Vergangenheit und Zukunft existieren nicht mehr. Mit Bob Dylan könnte zusammenfassen: There is no way out of here, said the joker to the thief…(Bob Dylan, All along the watchtower).

Die Dinge und Gedanken kommen aber in Bewegung, als Biller, ein Obdachloser, der in Perkus Tooth Hinterhof haust, plötzlich Geld macht. Schon seit einiger Zeit hat er immer auf seinem Notebook geschrieben. Nun offenbart er: Er hat in Yet Another World, einer computersimulierten Realität, gute Geschäfte gemacht:

Es sei diese Unendlichkeit möglicher Identitäten und Umgebungen, die totale und endlose Erweiterbarbeit von Yet Another World, die ihre Großartigkeit ausmache. Sonderlinge und Avantgardisten konnten Viertel errichten, die auf ihre Weise genauso solide waren wie die der Vorstädter – Königreiche des Naturtausches, des Dada oder der Vergewaltigung, Trutzburgen des Chaos. Erwachsene gaben sich als Kinder aus, Männer als Frauen und so weiter. Andere entwarfen nichtmenschliche Identitäten, Gorgonen, flanierende Penise, pornofizierte Gnuppets. (Jonathan Lethem, Chronic City, Stuttgart, 2011, Tropen Verlag, S.238f)

Willkommen in der Postmoderne. Anything goes. Perkus Tooth ist von der Idee der simulierten Realitäten fasziniert. Doch dann ersteigt ein naheliegender Gedanke aus dem Wirrwarr: Wenn Yet Another World am Rechner simuliert wurde, wie steht es dann mit der Realität, in der die Protagonisten leben? Zwischen Subjekt und Objekt klafft schon immer eine letztlich unüberbrückbare Kluft. Gauckelt dir dein Gehirn nur Bilder und Phantasmen vor? Oder gibt es tatsächlich eine Wirklichkeit jenseits deiner Gedankenwelt? Ist man selbst ein Mensch oder ein Avatar? Perkus bringt es auf den Punkt: Es ist allgemein bekannt, dass wir in einer gigantischen Computersimulation leben könnten, ohne es zu wissen. Das hat die Wissenschaft schon vor Jahrzehnten festgestellt, Herrgott..“ (a.a.0. S.242)

real oder digital?

Früher einmal dachten Philosophen, ihre Gegenwart sei ein Durchgangsstadium zu einer bessereren und vernünftigeren Welt. Tooth dagegen steigert sich in die Idee, in der falschen Simulation von Wirklichkeit gelandet zu sein. Diese Vorstellung hat Charme. Denn Wirklichkeit ist ein emphatischer Begriff: Der Philosoph Hegel etwa beschrieb das Wirkliche als das Vernünftige. Doch davon kann in diesem Roman (und nicht nur da) wahrhaft keine Rede mehr sein. Der ganze Irrsinn kann eigentlich nur von einem durchgeknallten Softwarespezialisten erdacht sein.

Aber so einfach ist es dann doch nicht. Bei Perkus Tooth, der nach einem Anschlag des Tigers auf sein Wohnhaus im Hundeasyl untergekommen ist, eskaliert der Sprechdurchfall zu einem in der Tendenz tödlichen Dauerschluckauf. Er erfaselt das Paradox postmoderner Gesellschaften: Die Realität und ihre medialen Verdopplungen können nicht mehr geschieden werden und alles geht in alles über: Alles ist Trug, und der Trug ist nicht mehr zu durchschauen, weil er mit der Realität verschmilzt. Ein Traum, was sonst? (Heinrich von Kleist, Prinz Friedrich von Homburg, letzter Akt, letzter Auftritt).

Das war der Punkt, auf den Perkus hinauswollte: die schlummernden Millionen, die den Schleier des Traums nicht durchbrachen oder auch nur lupften…Die einzige Verschwörung sei die Verschwörung als Ablenkungsmanöver. Die Verschwörer: Wir selbst. Wenn ich dieses Gesetz der Komplizenschaft nicht verstehen würde, solle ich zurück auf Los gehen und von vorn anfangen.“ (a.a.0. S.411)

Man lese dieses herausragende Buch. Erstens ist es wahrhaft unterhaltend und witzig. Zweitens schreibt Jonathan Lethem die Realität nicht zurück in die heile Welt des konservativen Erzählens. Deswegen ist er nicht sehr bekannt beim spießigen deutschen Bildungsbürgertum. Deswegen ist ihm aber eine tolle Satire auf eine aus den Fugen geratene Wirklichkeit gelungen.

siehe auch: Gentrifizierung in New York City, zu Richard Price herausragendem Roman Cash


Heinrich von Kleist und das preußische Desaster

Montag, 12. September 2011 von Ulli

Bekanntlich nahm der Staat Preußen ein böses Ende: Nach dem zweiten Weltkrieg wurde er von den allierten Siegermächten wegen seines Militarismus verboten. Und die preußische Adelskaste landete bis auf wenige Ausnahmen buchstäblich auf dem Kehrrichthaufen der Geschichte: Als Hitlers getreue Offiziere führte der preußische Adel die deutsche Wehrmacht bis nach Stalingrad und Kreta, bis zum Nordkap und in den Kaukasus und schließlich in den Untergang.

Heinrich von Kleist wurde 1777 in Frankfurt/Oder geboren und starb 1811 durch Selbstmord in Berlin. Er lebte in einer Zeit grundlegender Umbrüche, in der von Frankreich aus ein Sturm über Europa ging. Auch das alte, durch den aufgeklärten Absolutismus Friedrichs des Großen geprägte Preußen, wandelte sich damals zu einem Staat der bürgerlichen Moderne. Man muss sich vor Augen halten, dass Kleist am Puls seiner Zeit lebte: In die preußische Adelsklasse hineingeboren, nahm er als Kindersoldat an den Kriegen gegen das revolutionäre Frankreich teil und lebte er dann als junger Offizier in Potsdam, damals eine der modernsten Städte des Kontinents. Er ging längere Zeit nach Paris und in die Schweiz, wo er eine Art dichtender Aussteiger war. Zugleich verfolgte er mit heißem Herzen den Aufstieg Napoleons und den Niedergang Preußens. Nach der Niederlage von Jena und Auerstedt hatte er als preußischer Beamter in Königsberg Kontakt zum Kreis der Reformer um den Freiherrn vom Stein und Karl August von Hardenberg. Wieder in Berlin lebte er im Zentrum der historischen Entwicklungen, er gab sogar eine eigene Zeitung heraus. Und Kleist war sich der rasanten Zeitläufe bewusst: Die Zeit scheint eine neue Ordnung der Dinge herbeiführen zu wollen, und wir werden davon nichts, als bloß den Umsturz der alten erleben. (Brief an Pfuel, August 1806, zitiert nach: Peter Michalzig, Kleist – Dichter, Krieger, Seelensucher, Berlin, 2011, S.269)

Trotz, oder gerade auch wegen dieses pessimistischen Tons entwarf Kleist in seinen Theaterstücken und Novellen nahezu prophetische Ausblicke auf die Aporien der heraufziehenden bürgerlichen Moderne. Man kann an die Hybris des Michael Kohlhaas erinnern, an den Geschlechterkampf der Phentesilea, an die bis dahin ungelesene Ästhetisierung der Gewalt an vielen Stellen seines Werkes oder an die totalitäre Vernichtungswut der Hermannsschlacht. Wie also konzipiert Kleist die Moderne? Was macht seine grandiose Besonderheit aus?

Schloss Neuhardenberg, Märkisch-Oderland, Brandenburg

Kleists Biograph Michalzig weist darauf hin, dass er mit seinem Denken seiner Zeit so weit voraus war, dass ihm häufig die richtigen Begriffe fehlten. So spricht Kleist von „Bildung“, meint jedoch nichts anderes als eine radikale Selbstentfaltung des Individuums (a.a.O. S.11). Im Michael Kohlhaas, der wegen einer vergleichsweise kleinen Kränkung (es geht um ein paar Pferde, die ihm beim Grenzübertritt nach Sachsen willkürlich weggenommen werden) völlig außer Rand und Band gerät (es fängt einen blutigen Bürgerkrieg an und brennt ohne jede Hemmung die Stadt Wittenberg nieder), demonstriert er die Hybris eines scheinbar ganz auf sich selbst gestellten und nur sich selbst gegenüber verantwortlichen Individuums. So ist die Novelle eine der hellsichtigsten Analysen des modernen Terrorismus – ein intellektuell und emotional ausgesprochen mittelmäßiger Zeitgenosse glaubt sich aus der Gemeinschaft des Staates…verstoßen (Kleist, Michael Kohlhaas) und nimmt Recht und Gewalt in seine eigene Hand. Gänzlich in seine Raserei verstrickt unterzeichnet er mit: gegeben auf dem Sitz unserer provisorischen Weltregierung.

Für die andere Seite der bürgerlichen Modernisierung, für die Herausbildung demokratischer und rechtsstaatlicher Institutionen, ist Kleist nämlich weitgehend blind. Das ist kein Wunder, denn in Preußen gab es diese Institutionen ja auch nicht. Nachdem Kohlhaas seine Pferde weggenommen wurden, versucht er es zuerst mit Eingaben beim preußischen Kurfürsten, doch gegen die feudale Günstlingswirtschaft kommt er nicht an. Seine geliebte Frau wird von einem Soldaten in einem Unglück getötet und auch hier greift kein bürgerliches Recht. Kleist kannte zwar Frankreich, nahm dort aber nur das Chaos der Revolution war. Mit dem rechtsstaatlichen Großbritannien oder den neu gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika hat er sich nicht beschäftigt. In der Herrmannschlacht, einer Art Propagandastück gedacht für den preußischen Befreiungskampf gegen Napoleon, entwirft Kleist seine Definition von Freiheit: Es soll eine Art totaler Guerillakrieg geführt werden und Hermann fragt: wollt ihr…verheeren eure Fluren, eure Herden erschlagen, eure Plätze niederbrennen (Kleist, Herrmannschlacht, I.Akt, 3.Auftritt). Die Germanen sind entsetzt: Das eben, Rasender, ist es ja, was wir verteidigen wollen. (a.a.0.). Hermann antwortet cool: Nun denn, ich glaubte, eure Freiheit wärs. (a.a.0.) Man wird Kleist nicht zu nahe treten, wenn man sich hier an die Taliban erinnert fühlt. Mit unserem heutigen, rechtsstaatlichen Freiheitsbegriff hatten Kleist Fantasien nichts zu tun.

Meine These: Kleist Hellsichtigkeit gegenüber den Nachtseiten der Moderne, sein tiefes Verständnis von Terrorismus und Totalitarismus (Michalzik, S.375), gründen darin, dass er Modernisierung ausschließlich von der Emanzipation des Individuums her konzipiert. Die Entwicklung von Demokratie und Rechtsstaat kommt gar nicht vor. In seinen Werken läuft das durch gar nichts mehr regulierte Individuum in seiner eigenen Hybris Amok. Es sind die preußischen Prämissen seines Denkens – dass sich hier die bürgerliche Moderne im Zusammenspiel mit einem autoritären Staat entfaltete und Demokratie bedeutungslos war – , die seinen grandiosen Blick auf die Nachtseite der bürgerlichen Welt erst ermöglichten.

siehe auch: Heinrich von Kleist: Polizeibericht aus dem Charlottenburg des Jahres 1810.


Empfehlenswerte Thriller: John Le Carre: “Verräter wie wir”

Mittwoch, 24. August 2011 von Ulli

John le Carre ist der Drei-Sterne-Koch unter den Thrillerautoren: er beherrscht vollkommen sein Handwerk, er versteht etwas von seinen Themen und er besitzt sogar eine moralische Haltung. Er ist also ein echter Ausnahmeschriftsteller. In Verräter wie wir geht es um das junge englische Middle-Class-Paar Gail und Perry; er ist Dozent in Oxford, sie Karriereanwältin in London; und beide haben sich etwas gespart und machen nun Urlaub in der Karibik. Dort lernen sie Dina kennen, einen russischen Oligarchen, der mit einem Tross von Kindern, Frauen, Bodyguards und anderen Leuten ebenfalls auf der Insel urlaubt. Doch Dina steht das Wasser bis zum Hals: Er ist einer der großen Finanzjongleure der russischen Mafia, und weil sich dort die Machtgewichte verschoben haben, ist er ins Abseits geraten und steht mit einem Bein im Grab. Er wendet sich an Perry und Gail, die einen Kontakt zum britischen Geheimdienst herstellen sollen: In seiner Angst will er überlaufen. Immerhin verfügt er über Unmengen an Informationen. Wieder in London nehmen die beiden Kontakt zum Secret Service auf. Sie erfahren, wie die russische Mafia, die sogenannten Diebe im Gesetz, nach dem Zusammenbruch der UdSSR das ganz große Rad zu drehen begann. Und sie erfahren, wie im globalisierten Kapitalismus eine Bande von Superreichen, Spitzenpolitikern und Mafiosi gemeinsame Geschäfte machen, die ihnen selbst Milliarden einbringen, für den Rest der Menschheit aber im günstigen Fall Armut und Elend, in schlechtesten Fall Vergewaltigung, Folter und Tod bedeuten. Dina soll in Paris überlaufen, wo er sich mit Perry und Gail bei einem internationalen Tennismatch treffen will. Le Carres Darstellung erinnert an Hitchcocks Antwort auf die Frage, wie lange ein Filmkuss wohl dauern könne: Stunden, wenn ich nur vorher eine Bombe unter dem Bett platziert habe. John LeCarre hat seine Bomben jedenfalls gekonnt platziert…

siehe auch: Richard Price – “Cash”


Gute Krimis: “Maigret, die Tänzerin und die Gräfin”

Montag, 18. Juli 2011 von Ulli

Georges Simenon beendete seinen Roman „Maigret au Picratt’s“ (dieser Titel ist wesentlich besser als der der deutschen Übersetzung) im Dezember 1950. In Paris hatte es geschneit: „Der Schnee gefiel ihm, weil er ihn an seine Kindheit erinnerte, aber er fragte sich, wie seine Frau ihn hier in Paris hübsch finden konnte, zumal an diesem Morgen. Der Himmel war noch verhangener als am Vortag, und das Weiß der Schneeflocken ließ das Schwarz der glänzenden Dächer noch schwärzer erscheinen, hob die traurigen und schmutzigen Farben der Häuser, die zweifelhafte Sauberkeit der Vorhänge in den meisten Fenstern noch deutlicher hervor.“ (Georges Simenon, „Maigret, die Tänzerin und die Gräfin“, Zürich, 1986, S. 101). Wie alle anderen Maigret-Romane beginnt auch diese Geschichte damit, dass die Dinge der Welt und des Lebens sich auf ihrem alltäglichen und krisenlosen Gleis bewegen, in der „normalen Routine“(a.a.O. S.5). Die Welt ist in ihrer Ordnung:

„Es war ein flauer Tag auf dem Montmarte. Justine (ein Streifenpolizist) hätte angeben können, in welcher Reihenfolge die meisten Nachtclubs geschlossen wurden…Die rote Schrift des „Picratt’s“ gehörte zu den wenigen des Viertels, die noch erleuchtet waren, und warf ihren Widerschein wie Blutlachen auf das nasse Pflaster.“ (a.a.O.S.5)

Doch in dieser Nacht verlaufen die Dinge anders: Die Stripteasetänzerin Arlette geht, nachdem das „Picratt“, der Club, in dem sie arbeitet, am frühen Morgen geschlossen hat, nicht einfach nach Hause, sondern läuft scheinbar ziellos durch das Viertel. Schließlich betritt sie die Polizeiwache und erzählt folgende Geschichte: Sie habe mit einem Gast in einem der Separees gesessen und zufällig gehört, wie zwei Männer am Nebentisch sich darüber unterhielten, dass eine Gräfin sterben müsse. Einer der beiden Männer habe auf den Namen Oscar gehört. Arlette wird zum Polizeipräsidium am Quai des Orfevres gebracht, wo Maigret sie kurz kennenlernt. Schließlich wird sie entlassen und einige Stunden später in ihrer Wohnung erwürgt aufgefunden:

„Das Ergreifendste ist immer irgendein lächerliches Detail, und in diesem Fall war für Maigret besonders beklemmend, dass das neben einem Fuß, der noch in einem hochhackigen Schuh steckte, ein unbeschuhter Fuß war, die Zehen unter einem Seidenstrumpf erkennbar, der mit Schlammspritzern übersät war, und eine Laufmasche, die an der Ferse begann und bis über das Knie hinaufreichte.“ (a.a.O. S.29)

Dann wird auch die Leiche einer Gräfin gefunden, einer rauschgiftsüchtigen, älteren Frau, die in ihren guten Zeiten gemeinsam mit ihrem Mann in einem großen Haus in Nizza gelebt hatte. Maigret ermittelt und verbringt zwei Abende im „Picratt“:

„Die Wände waren rot gestrichen, die Beleuchtung war in kräftigem Rosa gehalten, und in diesem Licht verloren die Dinge und Menschen etwas von ihrer Wirklichkeit. Man hatte den Eindruck – zumindest Maigret hatte ihn -, sich in der Dunkelkammer eines Fotografen zu befinden. Man brauchte einen Moment, um sich daran zu gewöhnen. Die Augen wirkten dunkler, glänzender, während die Umrisse der Lippen verschwanden, vom Licht verschluckt.“(a.a.O. S.89f)

Der Kommissar lernt sämtliche an diesem Fall beteiligten Personen kennen, ihre wechselseitigen Beziehungen, ihre Lebensumstände und -verhältnisse. Die Spuren führen zurück in die Vergangenheit der beiden erwürgten Frauen. Schließlich stellt Maigret eine Falle. Beim Show-Down kommt es zum Einsatz von Schusswaffen… „In dieser Nacht hatte Lapointe (ein Mitarbeiter Maigrets) seine erste Liebe begraben. Und seinen ersten Menschen getötet.“ (a.a.O. S.215)

Quai des Orfevres, Paris, Kommissar Maigrets Präsidium, 60 Jahre später

Ein Wort zu den Getränken: Auch in diesem Roman erweist Maigret sich als geübter Kampftrinker. Am ersten Tag der Ermittlungen trinkt er etliche Biere und am Abend abwechselnd Cognac und Champagner. Nichtsdestoweniger leert er am folgenden Morgen im Büro ein Bier „auf einen langen Zug“ (a.a.O. S.145), trinkt „unterwegs…noch zwei Bier“ (a.a.O. S.151), und später in der „Brasserie Dauphine“ hinter dem Quai des Orfevres „ein Glas Cognac“(a.a.O. S.171) und immer so weiter: „Der Kater war verschwunden, aber ihm schwante, dass er am nächsten Morgen einen neuen haben würde.“ (a.a..O. S.171).

Wie stellt Simenon seine Romanpersonen und die Stadt Paris dar?

Arlette ist eine echte Sexbombe: Sie arbeitet als Burlesketänzerin und steht am Ende ihrer Show splitternackt auf der Bühne, zudem hat sie sich – Anfang der 50er Jahre – die Schamhaare rasiert. Der Chef des „Picrat“ charakterisiert sie: „Ich habe Frauen von fünfunddreißig und vierzig Jahren erlebt, meist so verrückte Luder, denen es Vergnügen machte, die Männer scharf zu machen. Oder blutjunge Mädchen, die mit dem Feuer spielten. Aber nie eine wie Arlette, nie eine, die es mit solcher Leidenschaft machte.“ (a.a.O. S.177). Dennoch unterscheidet diese Figur sich vollkommen von den kalten und klischeehaften Sexbomben, die viele Krimis jener Jahre bevölkern. Es war Simenons großes Können, mit Warmherzigkeit sehr menschlich wirkende Figuren in seine Romane zu zaubern und dort handeln zu lassen: Arlettes Erotik erscheint so als Teil ihres Charakters und nicht umgekehrt. Der Leser erfährt, dass sie anscheinend aus gutbürgerlichen Kreisen stammte, in Paris unter falschem Namen lebte und dass ihre erotische Kraft eine dunkle Kehrseite in einer destruktiven Beziehung von sexueller Abhängigkeit hatte. In diesem Zusammenhang ist es interessant, wie Simenon Paris darstellt: Zeitgeschichtliche Ereignisse spielen keinerlei Rolle, noch nicht einmal der Zweite Weltkrieg und die Besetzung und Befreiung der Stadt werden in den Maigretromanen erwähnt. Stattdessen stilisiert er das Paris und die ganz normalen Leute seiner Zeit zu einer ahistorischen Bühne des Allgemein Menschlichen. Seine Personen werden angetrieben von ihren überzeitlich menschlichen Bedürfnissen und Wünschen, von ihren dunklen und hellen Emotionen, von Gefühlen, Verstrickungen und Wirrungen, wie sie die Menschen zu allen Zeiten und in allen Weltteilen kennzeichnen: Simenon entfaltet nicht weniger als eine comedie humaine in kriminalistischer Form.

siehe auch: Maigreit und die junge Tote.

Sara Paretsky – Globalisierung in Chicago


Neue Rezension “Berliner Macht”

Mittwoch, 08. Juni 2011 von Ulli

Ada Mitsou hat meinen letzten Krimi gelesen. Sie schreibt:

Berlin-Wedding: Schon seit Tagen nimmt die Polin Magdalena Grojec einen unangenehmen Geruch aus der Wohnung ihres Nachbarn wahr. Besorgt alarmiert sie die Polizei und was zunächst nur eine vage Vermutung gewesen ist, wird nun zur erschreckenden Wahrheit: Markus Keppel wird halb verwest in seiner Wohnung aufgefunden…Eine heiße Spur führt aus dem ärmlichen Wedding in die höchsten Kreise der Berliner Gesellschaft…

Ullrich Wegerichs Trumpf ist nicht das Perverse oder eine überaus actionreiche Handlung, sondern die Nähe zum Leser. Die Figuren aus seinem Krimi könnten unsere Nachbarn sein und der Handlungsort ist vielen von uns bekannt…Mich konnten vor allen Dingen der angenehme Schreibstil sowie die Nähe zum Leser überzeugen.

Die gesamte Rezension findet sich hier.

Sie auch: Textprobe “Berliner Macht”.


 

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