mord & totschlag

Heinrich von Kleist und das preußische Desaster

Montag, 12. September 2011 von Ulli

Bekanntlich nahm der Staat Preußen ein böses Ende: Nach dem zweiten Weltkrieg wurde er von den allierten Siegermächten wegen seines Militarismus verboten. Und die preußische Adelskaste landete bis auf wenige Ausnahmen buchstäblich auf dem Kehrrichthaufen der Geschichte: Als Hitlers getreue Offiziere führte der preußische Adel die deutsche Wehrmacht bis nach Stalingrad und Kreta, bis zum Nordkap und in den Kaukasus und schließlich in den Untergang.

Heinrich von Kleist wurde 1777 in Frankfurt/Oder geboren und starb 1811 durch Selbstmord in Berlin. Er lebte in einer Zeit grundlegender Umbrüche, in der von Frankreich aus ein Sturm über Europa ging. Auch das alte, durch den aufgeklärten Absolutismus Friedrichs des Großen geprägte Preußen, wandelte sich damals zu einem Staat der bürgerlichen Moderne. Man muss sich vor Augen halten, dass Kleist am Puls seiner Zeit lebte: In die preußische Adelsklasse hineingeboren, nahm er als Kindersoldat an den Kriegen gegen das revolutionäre Frankreich teil und lebte er dann als junger Offizier in Potsdam, damals eine der modernsten Städte des Kontinents. Er ging längere Zeit nach Paris und in die Schweiz, wo er eine Art dichtender Aussteiger war. Zugleich verfolgte er mit heißem Herzen den Aufstieg Napoleons und den Niedergang Preußens. Nach der Niederlage von Jena und Auerstedt hatte er als preußischer Beamter in Königsberg Kontakt zum Kreis der Reformer um den Freiherrn vom Stein und Karl August von Hardenberg. Wieder in Berlin lebte er im Zentrum der historischen Entwicklungen, er gab sogar eine eigene Zeitung heraus. Und Kleist war sich der rasanten Zeitläufe bewusst: Die Zeit scheint eine neue Ordnung der Dinge herbeiführen zu wollen, und wir werden davon nichts, als bloß den Umsturz der alten erleben. (Brief an Pfuel, August 1806, zitiert nach: Peter Michalzig, Kleist – Dichter, Krieger, Seelensucher, Berlin, 2011, S.269)

Trotz, oder gerade auch wegen dieses pessimistischen Tons entwarf Kleist in seinen Theaterstücken und Novellen nahezu prophetische Ausblicke auf die Aporien der heraufziehenden bürgerlichen Moderne. Man kann an die Hybris des Michael Kohlhaas erinnern, an den Geschlechterkampf der Phentesilea, an die bis dahin ungelesene Ästhetisierung der Gewalt an vielen Stellen seines Werkes oder an die totalitäre Vernichtungswut der Hermannsschlacht. Wie also konzipiert Kleist die Moderne? Was macht seine grandiose Besonderheit aus?

Schloss Neuhardenberg, Märkisch-Oderland, Brandenburg

Kleists Biograph Michalzig weist darauf hin, dass er mit seinem Denken seiner Zeit so weit voraus war, dass ihm häufig die richtigen Begriffe fehlten. So spricht Kleist von „Bildung“, meint jedoch nichts anderes als eine radikale Selbstentfaltung des Individuums (a.a.O. S.11). Im Michael Kohlhaas, der wegen einer vergleichsweise kleinen Kränkung (es geht um ein paar Pferde, die ihm beim Grenzübertritt nach Sachsen willkürlich weggenommen werden) völlig außer Rand und Band gerät (es fängt einen blutigen Bürgerkrieg an und brennt ohne jede Hemmung die Stadt Wittenberg nieder), demonstriert er die Hybris eines scheinbar ganz auf sich selbst gestellten und nur sich selbst gegenüber verantwortlichen Individuums. So ist die Novelle eine der hellsichtigsten Analysen des modernen Terrorismus – ein intellektuell und emotional ausgesprochen mittelmäßiger Zeitgenosse glaubt sich aus der Gemeinschaft des Staates…verstoßen (Kleist, Michael Kohlhaas) und nimmt Recht und Gewalt in seine eigene Hand. Gänzlich in seine Raserei verstrickt unterzeichnet er mit: gegeben auf dem Sitz unserer provisorischen Weltregierung.

Für die andere Seite der bürgerlichen Modernisierung, für die Herausbildung demokratischer und rechtsstaatlicher Institutionen, ist Kleist nämlich weitgehend blind. Das ist kein Wunder, denn in Preußen gab es diese Institutionen ja auch nicht. Nachdem Kohlhaas seine Pferde weggenommen wurden, versucht er es zuerst mit Eingaben beim preußischen Kurfürsten, doch gegen die feudale Günstlingswirtschaft kommt er nicht an. Seine geliebte Frau wird von einem Soldaten in einem Unglück getötet und auch hier greift kein bürgerliches Recht. Kleist kannte zwar Frankreich, nahm dort aber nur das Chaos der Revolution war. Mit dem rechtsstaatlichen Großbritannien oder den neu gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika hat er sich nicht beschäftigt. In der Herrmannschlacht, einer Art Propagandastück gedacht für den preußischen Befreiungskampf gegen Napoleon, entwirft Kleist seine Definition von Freiheit: Es soll eine Art totaler Guerillakrieg geführt werden und Hermann fragt: wollt ihr…verheeren eure Fluren, eure Herden erschlagen, eure Plätze niederbrennen (Kleist, Herrmannschlacht, I.Akt, 3.Auftritt). Die Germanen sind entsetzt: Das eben, Rasender, ist es ja, was wir verteidigen wollen. (a.a.0.). Hermann antwortet cool: Nun denn, ich glaubte, eure Freiheit wärs. (a.a.0.) Man wird Kleist nicht zu nahe treten, wenn man sich hier an die Taliban erinnert fühlt. Mit unserem heutigen, rechtsstaatlichen Freiheitsbegriff hatten Kleist Fantasien nichts zu tun.

Meine These: Kleist Hellsichtigkeit gegenüber den Nachtseiten der Moderne, sein tiefes Verständnis von Terrorismus und Totalitarismus (Michalzik, S.375), gründen darin, dass er Modernisierung ausschließlich von der Emanzipation des Individuums her konzipiert. Die Entwicklung von Demokratie und Rechtsstaat kommt gar nicht vor. In seinen Werken läuft das durch gar nichts mehr regulierte Individuum in seiner eigenen Hybris Amok. Es sind die preußischen Prämissen seines Denkens – dass sich hier die bürgerliche Moderne im Zusammenspiel mit einem autoritären Staat entfaltete und Demokratie bedeutungslos war – , die seinen grandiosen Blick auf die Nachtseite der bürgerlichen Welt erst ermöglichten.

siehe auch: Heinrich von Kleist: Polizeibericht aus dem Charlottenburg des Jahres 1810.

Empfehlenswerte Thriller: John Le Carre: “Verräter wie wir”

Mittwoch, 24. August 2011 von Ulli

John le Carre ist der Drei-Sterne-Koch unter den Thrillerautoren: er beherrscht vollkommen sein Handwerk, er versteht etwas von seinen Themen und er besitzt sogar eine moralische Haltung. Er ist also ein echter Ausnahmeschriftsteller. In Verräter wie wir geht es um das junge englische Middle-Class-Paar Gail und Perry; er ist Dozent in Oxford, sie Karriereanwältin in London; und beide haben sich etwas gespart und machen nun Urlaub in der Karibik. Dort lernen sie Dina kennen, einen russischen Oligarchen, der mit einem Tross von Kindern, Frauen, Bodyguards und anderen Leuten ebenfalls auf der Insel urlaubt. Doch Dina steht das Wasser bis zum Hals: Er ist einer der großen Finanzjongleure der russischen Mafia, und weil sich dort die Machtgewichte verschoben haben, ist er ins Abseits geraten und steht mit einem Bein im Grab. Er wendet sich an Perry und Gail, die einen Kontakt zum britischen Geheimdienst herstellen sollen: In seiner Angst will er überlaufen. Immerhin verfügt er über Unmengen an Informationen. Wieder in London nehmen die beiden Kontakt zum Secret Service auf. Sie erfahren, wie die russische Mafia, die sogenannten Diebe im Gesetz, nach dem Zusammenbruch der UdSSR das ganz große Rad zu drehen begann. Und sie erfahren, wie im globalisierten Kapitalismus eine Bande von Superreichen, Spitzenpolitikern und Mafiosi gemeinsame Geschäfte machen, die ihnen selbst Milliarden einbringen, für den Rest der Menschheit aber im günstigen Fall Armut und Elend, in schlechtesten Fall Vergewaltigung, Folter und Tod bedeuten. Dina soll in Paris überlaufen, wo er sich mit Perry und Gail bei einem internationalen Tennismatch treffen will. Le Carres Darstellung erinnert an Hitchcocks Antwort auf die Frage, wie lange ein Filmkuss wohl dauern könne: Stunden, wenn ich nur vorher eine Bombe unter dem Bett platziert habe. John LeCarre hat seine Bomben jedenfalls gekonnt platziert…

siehe auch: Richard Price – “Cash”

Gute Krimis: “Maigret, die Tänzerin und die Gräfin”

Montag, 18. Juli 2011 von Ulli

Georges Simenon beendete seinen Roman „Maigret au Picratt’s“ (dieser Titel ist wesentlich besser als der der deutschen Übersetzung) im Dezember 1950. In Paris hatte es geschneit: „Der Schnee gefiel ihm, weil er ihn an seine Kindheit erinnerte, aber er fragte sich, wie seine Frau ihn hier in Paris hübsch finden konnte, zumal an diesem Morgen. Der Himmel war noch verhangener als am Vortag, und das Weiß der Schneeflocken ließ das Schwarz der glänzenden Dächer noch schwärzer erscheinen, hob die traurigen und schmutzigen Farben der Häuser, die zweifelhafte Sauberkeit der Vorhänge in den meisten Fenstern noch deutlicher hervor.“ (Georges Simenon, „Maigret, die Tänzerin und die Gräfin“, Zürich, 1986, S. 101). Wie alle anderen Maigret-Romane beginnt auch diese Geschichte damit, dass die Dinge der Welt und des Lebens sich auf ihrem alltäglichen und krisenlosen Gleis bewegen, in der „normalen Routine“(a.a.O. S.5). Die Welt ist in ihrer Ordnung:

„Es war ein flauer Tag auf dem Montmarte. Justine (ein Streifenpolizist) hätte angeben können, in welcher Reihenfolge die meisten Nachtclubs geschlossen wurden…Die rote Schrift des „Picratt’s“ gehörte zu den wenigen des Viertels, die noch erleuchtet waren, und warf ihren Widerschein wie Blutlachen auf das nasse Pflaster.“ (a.a.O.S.5)

Doch in dieser Nacht verlaufen die Dinge anders: Die Stripteasetänzerin Arlette geht, nachdem das „Picratt“, der Club, in dem sie arbeitet, am frühen Morgen geschlossen hat, nicht einfach nach Hause, sondern läuft scheinbar ziellos durch das Viertel. Schließlich betritt sie die Polizeiwache und erzählt folgende Geschichte: Sie habe mit einem Gast in einem der Separees gesessen und zufällig gehört, wie zwei Männer am Nebentisch sich darüber unterhielten, dass eine Gräfin sterben müsse. Einer der beiden Männer habe auf den Namen Oscar gehört. Arlette wird zum Polizeipräsidium am Quai des Orfevres gebracht, wo Maigret sie kurz kennenlernt. Schließlich wird sie entlassen und einige Stunden später in ihrer Wohnung erwürgt aufgefunden:

„Das Ergreifendste ist immer irgendein lächerliches Detail, und in diesem Fall war für Maigret besonders beklemmend, dass das neben einem Fuß, der noch in einem hochhackigen Schuh steckte, ein unbeschuhter Fuß war, die Zehen unter einem Seidenstrumpf erkennbar, der mit Schlammspritzern übersät war, und eine Laufmasche, die an der Ferse begann und bis über das Knie hinaufreichte.“ (a.a.O. S.29)

Dann wird auch die Leiche einer Gräfin gefunden, einer rauschgiftsüchtigen, älteren Frau, die in ihren guten Zeiten gemeinsam mit ihrem Mann in einem großen Haus in Nizza gelebt hatte. Maigret ermittelt und verbringt zwei Abende im „Picratt“:

„Die Wände waren rot gestrichen, die Beleuchtung war in kräftigem Rosa gehalten, und in diesem Licht verloren die Dinge und Menschen etwas von ihrer Wirklichkeit. Man hatte den Eindruck – zumindest Maigret hatte ihn -, sich in der Dunkelkammer eines Fotografen zu befinden. Man brauchte einen Moment, um sich daran zu gewöhnen. Die Augen wirkten dunkler, glänzender, während die Umrisse der Lippen verschwanden, vom Licht verschluckt.“(a.a.O. S.89f)

Der Kommissar lernt sämtliche an diesem Fall beteiligten Personen kennen, ihre wechselseitigen Beziehungen, ihre Lebensumstände und -verhältnisse. Die Spuren führen zurück in die Vergangenheit der beiden erwürgten Frauen. Schließlich stellt Maigret eine Falle. Beim Show-Down kommt es zum Einsatz von Schusswaffen… „In dieser Nacht hatte Lapointe (ein Mitarbeiter Maigrets) seine erste Liebe begraben. Und seinen ersten Menschen getötet.“ (a.a.O. S.215)

Quai des Orfevres, Paris, Kommissar Maigrets Präsidium, 60 Jahre später

Ein Wort zu den Getränken: Auch in diesem Roman erweist Maigret sich als geübter Kampftrinker. Am ersten Tag der Ermittlungen trinkt er etliche Biere und am Abend abwechselnd Cognac und Champagner. Nichtsdestoweniger leert er am folgenden Morgen im Büro ein Bier „auf einen langen Zug“ (a.a.O. S.145), trinkt „unterwegs…noch zwei Bier“ (a.a.O. S.151), und später in der „Brasserie Dauphine“ hinter dem Quai des Orfevres „ein Glas Cognac“(a.a.O. S.171) und immer so weiter: „Der Kater war verschwunden, aber ihm schwante, dass er am nächsten Morgen einen neuen haben würde.“ (a.a..O. S.171).

Wie stellt Simenon seine Romanpersonen und die Stadt Paris dar?

Arlette ist eine echte Sexbombe: Sie arbeitet als Burlesketänzerin und steht am Ende ihrer Show splitternackt auf der Bühne, zudem hat sie sich – Anfang der 50er Jahre – die Schamhaare rasiert. Der Chef des „Picrat“ charakterisiert sie: „Ich habe Frauen von fünfunddreißig und vierzig Jahren erlebt, meist so verrückte Luder, denen es Vergnügen machte, die Männer scharf zu machen. Oder blutjunge Mädchen, die mit dem Feuer spielten. Aber nie eine wie Arlette, nie eine, die es mit solcher Leidenschaft machte.“ (a.a.O. S.177). Dennoch unterscheidet diese Figur sich vollkommen von den kalten und klischeehaften Sexbomben, die viele Krimis jener Jahre bevölkern. Es war Simenons großes Können, mit Warmherzigkeit sehr menschlich wirkende Figuren in seine Romane zu zaubern und dort handeln zu lassen: Arlettes Erotik erscheint so als Teil ihres Charakters und nicht umgekehrt. Der Leser erfährt, dass sie anscheinend aus gutbürgerlichen Kreisen stammte, in Paris unter falschem Namen lebte und dass ihre erotische Kraft eine dunkle Kehrseite in einer destruktiven Beziehung von sexueller Abhängigkeit hatte. In diesem Zusammenhang ist es interessant, wie Simenon Paris darstellt: Zeitgeschichtliche Ereignisse spielen keinerlei Rolle, noch nicht einmal der Zweite Weltkrieg und die Besetzung und Befreiung der Stadt werden in den Maigretromanen erwähnt. Stattdessen stilisiert er das Paris und die ganz normalen Leute seiner Zeit zu einer ahistorischen Bühne des Allgemein Menschlichen. Seine Personen werden angetrieben von ihren überzeitlich menschlichen Bedürfnissen und Wünschen, von ihren dunklen und hellen Emotionen, von Gefühlen, Verstrickungen und Wirrungen, wie sie die Menschen zu allen Zeiten und in allen Weltteilen kennzeichnen: Simenon entfaltet nicht weniger als eine comedie humaine in kriminalistischer Form.

siehe auch: Sara Paretsky – Globalisierung in Chicago

Neue Rezension “Berliner Macht”

Mittwoch, 08. Juni 2011 von Ulli

Ada Mitsou hat meinen letzten Krimi gelesen. Sie schreibt:

Berlin-Wedding: Schon seit Tagen nimmt die Polin Magdalena Grojec einen unangenehmen Geruch aus der Wohnung ihres Nachbarn wahr. Besorgt alarmiert sie die Polizei und was zunächst nur eine vage Vermutung gewesen ist, wird nun zur erschreckenden Wahrheit: Markus Keppel wird halb verwest in seiner Wohnung aufgefunden…Eine heiße Spur führt aus dem ärmlichen Wedding in die höchsten Kreise der Berliner Gesellschaft…

Ullrich Wegerichs Trumpf ist nicht das Perverse oder eine überaus actionreiche Handlung, sondern die Nähe zum Leser. Die Figuren aus seinem Krimi könnten unsere Nachbarn sein und der Handlungsort ist vielen von uns bekannt…Mich konnten vor allen Dingen der angenehme Schreibstil sowie die Nähe zum Leser überzeugen.

Die gesamte Rezension findet sich hier.

Sie auch: Textprobe “Berliner Macht”.

Alles nur Altherrenphantasien – Zu Philip Roth „Demütigung“.

Freitag, 15. April 2011 von Ulli

Mir war die Bewunderung, die Roths Büchern entgegengebracht wird, schon immer schleierhaft (siehe etwa: Philip Roth, Demütigung, München, 2010, S. 140ff). Was produziert dieser Autor genau? In „Demütigung“ lernen wir zunächst Simon Axler, eine typische Philip-Roth-Figur, kennen, die sich durch drei Eigenschaften auszeichnet: Axler ist ein alter Mann. Axler ist reich. Axler ist ein bedeutender Kulturträger. Zur Abwechslung von anderen Romanen des Autors ist er aber weder Wissenschaftler noch Schriftsteller, sondern Großschauspieler, unter anderem für Shakespeare (kleiner geht’s halt nicht). Axler befindet sich in einer Krise, denn er kann nicht mehr spielen: Weder Prospero noch Macbeth, weder Peer Gynth noch Onkel Wanja (tolles namedropping). Was das alles genau bedeutet, bleibt unklar, es geht Axler aber so schlecht, dass er eine Zeitlang sogar in einer Nervenklinik landet. Er hat auch eine Frau, die Roth aber rasch mit dürren Worten nach Kalifornien entsorgt: „…und damit war wieder eine der Millionen Geschichten über unglücklich miteinander verbundene Männer und Frauen beendet.“(a.a.O. S.30)

Denn nun tritt eine weitere typische Philip-Roth-Figur auf: Die junge, intellektuell begabte Sexbombe. Pegeen ist die fünfundzwanzig Jahre jüngere Tochter eines befreundeten Schauspielerpaares. Allerdings ist sie nicht nur ein heißer Feger, sondern auch noch lesbisch. Doch das ist kein Hindernis, sondern eher ein Grund, sie mal richtig flachzulegen, ein ordentlicher Kerl muss ran und Axler ist da genau der Richtige. Bislang war Pegeen mit einer Frau liiert, die sich nun aber zu einem Mann umoperieren lassen will, und für einen Augenblick glaubte ich, der Roman thematisiere nun tatsächlich die heutige Welt der postmodernen Wirrnis und Freiheit. Aber alles läuft so spießig und autoritär ab wie in den Fünfzigern: Axler verwandelt die „geschmeidige, vollbrüstige Frau“ (a.a.O. S.52) in eine Art Playmate. Er kauft ihr eine Jacke für „tausend Dollar“ (a.a.O. S.60), außerdem „Halsketten, Armbänder und Ohrringe…luxuriöse Wäsche…kleine Babydolls aus Satin“ und „kniehohe Stiefel.“ (a.a.O. S.61) Da gehen dem alten Lüstling Herz und Hose auf. Beziehungsprobleme verhandeln vor allem den Altersunterschied des Paares (auch Berlusconi hat da ja seine liebe Müh). Bei Philip Roth lebt man im Landhaus, unterrichtet an Universitäten, fährt gelegentlich zum Luxusshoppen nach New York – alles spielt sich in der Welt der Reichen und Kulturschönen ab.

Um die Story voranzutreiben, tischt der Autor nun eine weitere Platitüde auf: Die junge Frau als männermordenden Vamp. Pegeen war mit der Dekanin ihrer Uni liiert, sie hatte aber eigentlich nur mit ihr gevögelt, um den Job zu bekommen (die alte Schlampe), und diese Dame taucht nun im Landhaus auf und spielt die Eifersüchtige. Doch das ist nur ein dramaturgisches Vorgeplänkel. Als Höhepunkt reißen Axler und Pegeen in einer Bar eine betrunkene „vollbusige, üppige Blondine“ (a.a.O. S.109) auf, fahren sie ins Landhaus und vernaschen sie in einer SM-Orgie, bei der Pegeen mit Peitsche und Dildo die führende Rolle übernimmt.

Durch diese Orgie wird Axler wie neu (SM ist eben besser als Malen mit Buntstiften in der Psychotherapie (a.a.O. S.22f)): Seine Schaffenskrise ist vorbei und er will auf seine alten Tage noch einmal Vater werden. Allerdings fragt er die auserwählte Pegeen nicht, was sie eigentlich von dieser Idee hält, sondern legt gleich los mit dem Pläneschmieden. Als dann herauskommt, dass Pegeen anderes vorhat, bringt er sich um (Es musste ja böse enden).

Was bleibt, wenn man das großkulturelle High Society Geschwurbel wegnimmt, wenn der Kaiser keine Kleider mehr trägt? Ein alter Mann hat eine Liebesgeschichte mit einer jungen Frau, möchte noch einmal Vater werden, doch sie will nicht. Na schön. Bekanntlich gibt es eine Differenz zwischen dem Ich und der Außenwelt und vielleicht hätte Axler ein bisschen mehr auf diese Außenwelt lauschen sollen. Die Dinge laufen eben nicht immer so, wie wohlhabende alte Männer es gerne hätten. Ist das alles nun tragisch oder närrisch? Viele ältere Herren stehen auf junge Frauen, und zugleich stellen sie ein zahlungskräftiges und kulturbeflissenes Publikum dar. Ohne Zweifel kann Roth glänzend schreiben. Er ist aber eben auch ein Blender, der die immergleiche erotische Phantasie mit einem Flair von Pseudotragik und Pseudointellektualität aufbläst. Wer Spaß daran hat, soll das lesen, man sollte es aber nicht für große Literatur halten. Aber bekanntlich wurde ja auch der Playboy immer nur seiner guten Artikel wegen gekauft.

Heinrich von Kleist: “Das Erdbeben in Chili”

Sonntag, 27. März 2011 von Ulli

Die soziale Dynamik einer Katastrophe.

Das Thema des Erdbebens spielte in der Literatur des 18.Jahrhunderts eine wichtige Rolle.  Nachdem im Jahre 1750 in Lissabon die Erde gebebt und es eine verheerende Katastrophe gegeben hatte, warf kein Geringerer als Voltaire angesichts dieser Ereignisse die Frage nach der Theodizee – der Rechtfertigung Gott angesichts des Zustands der Welt – grundlegend neu auf. Und der Aufklärer Immanuel Kant verwandte seinen ganzen Scharfsinn auf den Nachweis, dass es sich bei dem Beben eben nicht um ein Strafgericht Gottes, sondern um ein geophysikalisches Phänomen gehandelt hatte. In Heinrich von Kleists 1807 verfasster Novelle geht es allerdings nicht um diese metaphysischen oder naturwissenschaftlichen Aspekte. Kleist, einer der hellsichtigsten Analytiker der heraufziehenden kapitalistischen Moderne, interessierte sich vielmehr für die Bedeutung der Katastrophe für das soziale Zusammenleben der Menschen. Er stellt seine Figuren in eine bestimmte Konstellation und beobachtet dann mit dem kühlen Blick des Wissenschaftlers den weiteren Gang der Dinge. Die Resultate seiner Beobachtung sind nicht eben herzerwärmend.

Im Mittelpunkt der Novelle steht ein Liebespaar: Jeronimo Rugera hatte als Hauslehrer bei dem reichen Patrizier Don Henrico Asteron gearbeitet und sich in dessen Tochter Josephe verliebt. Das Paar hatte mit seiner Liebe sowohl gegen die rigiden Klassenschranken, als auch gegen die Gebote von Moral und Religion verstoßen. Sie wurden entdeckt und Josephe in ein Kloster gesperrt, Jeronimo verlor selbstverständlich seine Stelle. Doch auch im Klostergarten hatte das Paar wieder zueinander gefunden und neun Monate später war Josephe mit einem unehelichen Kind niedergekommen. Nun hatten weltliche und religiöse Gewalt hart zugeschlagen: Josephe wurde zum Scheiterhaufen verurteilt, dann aber aus humanitären Gründen zum Tod durch das Schwert begnadigt, Jeronimo ins Gefängnis geworfen.

Erstens: Die Katastrophe.

Es ist der Tag der Hinrichtung: Die Glocken, welche Josephen zum Richtplatz begleiteten, ertönten (Heinrich von Kleist, Das Erdbeben in Chili; ich verzichte auf die Angabe von Seitenzahlen, da die Zitate sich in dem recht kurzen Text, der an vielen Orten veröffentlicht wurde, leicht finden lassen; alle weiteren Zitate sind kursiv gesetzt; im Netz findet man die Novelle hier) und Jeronimo beschloss, sich durch einen Strick, den ihm der Zufall gelassen hatte, den Tod zu geben. Da bricht das Erdbeben los, als plötzlich der größte Teil der Stadt, mit einem Gekrache, als ob das Firmament einstürzt, versank, und alles, was Leben atmete, unter seinen Trümmern begrub. Der ehemalige Kindersoldat Kleist (die preußische Armee, die gegen die französische Republik zu Felde zog, bestand zu einer erheblichen Anzahl aus Jugendlichen und älteren Jungen; einer von ihnen war Kleist) schildert die Schrecken des Bebens mit großer Anschaulichkeit:

Hier stürzte noch ein Haus zusammen…; hier leckte die Flamme schon, in Dampfwolken blitzend, aus allen Giebeln…; hier wälzte sich, aus seinem Gestade gehoben, der Mapochefluß auf ihn heran…; hier ächzte noch eine Stimme unter dem Schutte, hier schrien Leute von brennenden Dächern herunter, hier kämpften Menschen und Tiere mit den Wellen, hier war ein mutiger Retter bemüht, zu helfen; hier stand ein anderer, bleich wie der Tod, und streckte sprachlos zitternde Hände zum Himmel…

Aufgrund des Bebens können Jeronimo und Josephe aus ihren Gefängnissen fliehen. Schließlich finden sie sich wieder und fallen einander in die Arme. Auf sie wartet eine kurze Zeit des Glücks.

Zweitens: Die Erschütterung der Ordnung durch die Katastrophe.

Niemand stört sich mehr an dem Paar, das doch gerade noch hingerichtet werden sollte:

Indessen war die schönste Nacht herabgestiegen, voll wundermilden Duftes, so silberglänzend und still, wie nur ein Dichter davon träumen mag. Überall, längs der Talquelle, hatten sich im Schimmer des Mondscheins, Menschen niedergelassen, und bereiteten sich sanfte Lager von Moos und Laub, um von einem so qualvollen Tage auszuruhen. Und weil die Armen immer noch jammerten; dieser, dass er sein Haus, jener, dass er Weib und Kind, und der dritte, dass er alles verloren habe; so schlichen Jeronimo und Josephe in ein dichteres Gebüsch, um durch das heimliche Gejauchz ihrer Seelen niemanden zu betrüben. Sie fanden einen prachtvollen Granatapfelbaum, der seine Zweige, voll duftender Früchte, weit ausbreitete; und die Nachtigall flötete im Wipfel ihr wollüstiges Lied.

Tatsächlich ist die soziale Ordnung kollabiert: Der Palast des Vizekönigs war versunken, der Gerichtshof, in welchem das Urteil gesprochen worden war, stand in Flammen und die Leiche des Erzbischofs…zerschmettert aus dem Schutt der Kathedrale hervorgezogen. Die Katastrophe scheint die Menschen verwandelt zu haben und auf Erden scheinen die Vernunft und sogar die klassenlose Gesellschaft Einzug zu halten:

Und in der Tat schien, mitten in diesen grässlichen Augenblicken, in welchen alle irdischen Güter der Menschen zu Grunde gingen, und die ganze Natur verschüttet zu werden drohte, der menschliche Geist selbst, wie ein schöne Blume, aufzugehen. Auf den Feldern, so weit das Auge reichte, sah man Menschen von allen Ständen durcheinander liegen, Fürsten und Bettler, Matronen und Bäuerinnen, Staatsbeamte und Tagelöhner, Klosterherren und Klosterfrauen: einander bemitleiden, sich wechselseitig Hülfe reichen, von dem, was sie zur Errettung ihres Lebens gerettet haben mochten, freudig mitteilen, als ob das allgemeine Unglück alles, was ihm entronnen war, zu einer Familie gemacht hätte.

Josephe und Jeronimo, die ihre neue Freiheit zunächst zu einer Flucht nach Übersee nutzen wollten, sind von diesem Umsturz aller Verhältnisse wie geblendet. Sie hoffen nun, sich mit Josephes Familie, wie mit der staatlichen und religiösen Ordnung, die ja durch die Katastrophe geläutert scheinen, aussöhnen zu können. Immerhin wollen sie vorsichtshalber zunächst von der Hafenstadt La Conception aus schriftlich das Versöhnungsgeschäft mit dem Vizekönig…betreiben.

Drittens: Die Restablilsierung der früheren Ordnung.

Doch dazu kommt es nicht mehr. Es soll in der Dominikanerkirche, der einzigen, welche das Erdbeben verschont hatte, eine feierliche Messe von dem Prälaten des Klosters selbst gelesen werden…, den Himmel um Verhütung ferneren Unglücks anzuflehen. Obwohl es an dunklen Vorahnungen nicht fehlt, will das Liebespaar diese Messe besuchen:

Die Feierlichkeit fing mit einer Predigt an, die der ältesten Chorherren einer, mit dem Festschmuck angetan, von der Kanzel hielt…Er schilderte, was auf den Wink des Allmächtigen geschehen war; das Weltgericht kann nicht entsetzlicher sein; und als er das gestrige Erdbeben gleichwohl, auf einen Riss, den der Dom erhalten hatte, hinzeigend, einen bloßen Vorboten davon nannte, lief ein Schauder über die ganze Versammlung. Hierauf kam er, im Flusse priesterlicher Beredsamkeit, auf das Sittenverderbnis der Stadt, wie Sodom und Gomorrha sie nicht sahen, straft’ er an ihr; und nur der unendlichen Langmut Gottes schrieb er es zu, dass sie noch nicht gänzlich vom Erdboden vertilgt worden sei.

Im weiteren kommt der Priester auf Josephes und Jeronimos Liebesgeschichte zu sprechen. Er bezeichnet sie als gottlos und übergibt in einer von Verwünschungen erfüllten Seitenwendung die Seelen der Täter, wörtlich genannt, allen Fürsten der Hölle. Das Paar will die Kirche verlassen, aber es ist bereits zu spät: Die Hasspredigt des Gottesmannes hat den Pöbel aufgehetzt, Josephe und Jeronimo werden erkannt und gelyncht, mit einem ungeheuren Keulenschlage. Und auch ein Baby, das irrtümlich für den kleinen Juan, das Kind des Paares, gehalten wird, wird umgebracht: Doch Meister Pedrillo ruhte nicht eher, als bis er der Kinder eines bei den Beinen von seiner Brust gerissen, und, hochher im Kreise geschwungen, an eines Kirchenpfeilers Ecke zerschmettert hatte. Hierauf ward es still, und alles entfernte sich.

Das kurze Intermezzo, in dem die Ordnung der Dinge in Frage stand, ist vergessen. Die Novelle endet damit, dass die Eltern des ermordeten Kindes Juan als Pflegesohn annehmen: Don Fernando und Donna Elvira nahmen hierauf den kleinen Fremdling zum Pflegesohn an; und wenn Don Fernando Philippen (das ermordete Kind) mit Juan verglich, und wie er beide erworben hatte, so war ihm fast, als müsst er sich freuen.

Die Richtigkeit von Kleists Darstellung zeigt ein Blick auf heutige Krisen: Die sogenannte Finanzkrise begann mit der Katastrophe des Zusammenbruchs der amerikanischen Lehmans-Brothers-Bank aufgrund hochspekulativer Finanzgeschäfte. Es folgte eine Phase tiefer Irritation über das internationale Finanzsystem: Politiker aller Couleur saßen in allen möglichen Talkshows und fabulieren hemmungslos das Blaue vom Himmel herunter, in welcher Weise die Finanzwirtschaft nun reguliert werden solle. Von heute gesehen zeigt sich: Das Finanzsystem restabilisierte sich rasch und es wurde überhaupt nichts reguliert. Heute wird noch mehr und noch riskanter spekuliert und Gehälter und Boni in der Branche sind noch gigantischer als früher. Die Katastrophe führte keineswegs zu einer Veränderung der Verhältnisse.

Ähnliches soll für die aktuelle atomare Katastrophe in Japan gelten: Auf den Super-Gau folgt eine Phase der tiefen Verunsicherung über die Atomenergie. Indem die Regierung ein dreimonatiges Moratorium verhängt, setzt sie sich selbst an die Spitze der Entrüstung: In den drei Monaten wird man die Erregung der Gemüter schon im Sande verlaufen lassen. Vielleicht wird hinterher der eine oder andere schon seit Jahren nicht mehr funktionsfähige Altreaktor (z.B. Krümmel) mit großem Medientamtam abgeschaltet, dafür wird dann die Laufzeit jüngerer Kraftwerke verlängert. Alles geht weiter wie früher.  An die Stelle der Religion in Kleists Novelle ist heute eine gigantische Werbe- und Infotainementindustrie getreten.  Auf einem anderen Blatt steht allerdings, ob dieses Spiel nicht doch am Widerstand der Zivilgesellschaft scheitert.

siehe auch: Heinrich von Kleist und Preußen.

Volker Kutscher – Krimis über die Weltstadt Berlin

Freitag, 11. März 2011 von Ulli

Im Jahre 1929 wechselt Kriminalkommissar Gereon Rath, nachdem er im Dienst einen Mann erschossen hat, von der Kölner Polizei nach Berlin. Er gerät in eine Stadt außer Rand und Band: Die Weltwirtschaftskrise wirft ihre Schatten voraus und die prekäre Weimarer Demokratie wird endgültig von Links und von Rechts in die Zange genommen. Die Stadt lebt den berühmten Tanz auf dem Vulkan: Es gibt jede Menge Drogen, illegale Nachtclubs, Verbrecherbanden, politische Straßen­schlachten. Rath taucht ein in diese aus den Fugen geratene Welt, und dem Historiker und Autor Volker Kutscher gelingt nicht weniger, als den Niedergang der ersten deutschen Demokratie im Medium des Kriminalromans zu spiegeln. Dabei verwendet er geschickt stilistische Mittel der heutigen Massenkultur: So ist beispielsweise Raths Liebesgeschichte mit seiner Kollegin Charlotte, die sich in ihren Auf und Abs über alle drei bislang erschienen Bände zieht, beste Fernseh-Soap. Und Goldstein, der dritte Band der Reihe, in dem diverse Handlungsstränge in kurzen und kürzesten Szenen gegeneinander geschnitten werden, folgt mit dieser Dramaturgie den großen amerikanischen Gangsterfilmen.

Aber wie ist Kutschers Berlin genau charakterisiert? Dem ersten Band Der nasse Fisch ist ein Zitat Walther Rathenaus vorangestellt: Spree-Athen ist tot, und Spree-Chicago wächst heran. Ziemlich zu Beginn des Romans gibt es dann eine wilde Verfolgungsjagd über die damalige Baustelle des Karstadt-Gebäudes am Neuköllner Herrmanplatz: Das Karstadthaus war ein Projekt, dass explizit das alte Butzenscheiben-Berlin zu einer amerikanisierten Großstadt mit umformen sollte. Rath gerät an einen Fotografen, der Pornos mit einem Kaiser-Wilhelm-Double herstellt – eine Figur, die, entsprechend modifiziert, auch in James Ellroys grandiosen Krimis auftauchen könnte. In Der stumme Tod geht es um die Babelsberger Filmindustrie – der Bezug zu Hollywood liegt auf der Hand. Und in Goldstein erscheint gleich ein New Yorker Gangster auf der Berliner Bühne, um bei den regionalen Bandenkriegen mitzumischen. Kutscher beschreibt eine amerikanisierte Großstadt, die sich zugleich in schwersten sozialen Verwerfungen und ideologischen Wahnvorstellungen selbst zerstört.

Um die Bedeutung von Kutschers Romanen zu verstehen, empfiehlt sich ein Blick in die Geschichte: Bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war Berlin ja nicht mehr als ein preußisches Residenzstädtchen. Erst im Zuge der industriellen Revolution wurde die Stadt zu einer Art Megacity, wurde sie in kürzester Zeit buchstäblich aus dem märkischen Sand gestampft, wuchsen Fabriken und Mietskasernen in rasendem Tempo. Noch heute verkünden die Namen der Berliner Bezirke, dass es sich um von der Industrialisierung überrollte und dann eingemeindete Dörfer handelt: Zehlendorf, Wilmersdorf, Reinickendorf…

Berlin, Brandenburger Tor

Doch war Berlin damit noch keine internationale Metropole. Bis 1918 herrschte ja Kaiser Wilhelm II, eine, um es milde auszudrücken, recht sonderbare Figur. Und die frühen Jahre der Weimarer Republik waren charakterisiert von Inflation und Wirtschaftskrise, von Massenelend und ideologisch motivierter Gewalt. Erst in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, als es zu einer wirtschaftlichen Erholung kam, wurde Berlin zu einer urbanen Metropole von internationaler Bedeutung. Damals entstand der Mythos der Stadt. Doch schon 1933, mit Hitlers Machtergreifung, war das vorbei. Und auf das Nazi-Berlin folgte die Teilung der Stadt: Der Westteil war ein zwar sympathischer, aber doch sehr provinzieller Ort und Honeckers komische „Hauptstadt der DDR“ bestenfalls eine Kuriosität.

In Berlin realisieren sich die Verwerfungen der deutschen Geschichte. Die Fehlentwicklung, die 1933 begann, endete erst 1989 mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung der Stadt. Nun erst konnte Berlin sich anschicken, wieder zu einer Metropole von internationaler Bedeutung zu werden und konnte die Entwicklung fortgesetzt werden, die die Nazis 1933 abbrachen. Es ist dieser Zusammenhang, der unter anderem die Relevanz von Kutschers Romanen bezeichnet. Der richtige Blick zurück kann die Gegenwart erhellen.

siehe auch: Leseprobe “Berliner Blut”

Sara Paretsky “Feuereifer”

Donnerstag, 10. Februar 2011 von Ulli

Globalisierung in Chicago

Die Autorin Sara Paretsky entwickelte in den 80er Jahren die Figur der Chicagoer Privatdetektiven V.I. Warshawski. Sie schloss damit an die von Hammet und Chandler herkommende große amerikanische Tradition des literarischen private-eyes an, also an all jene einsamen Wölfe, die, bewaffnet mit Pistole, Whisky und einem heruntergekommenen Büro, ihren Kampf für Recht, Moral und persönliche Integrität in und gegen eine von Gewalt und Korruption geprägte großstädtische Lebenswelt führen. Paretsky lud diese Tradition mit dem damaligen sozialkritischen und frauenbewegten Zeitgeist auf. Ihre Heldin, eine in der Chicagoer South Side aufgewachsene Tochter eines irischen Cops und einer italienischen Immigrantin, war eine gekonnte Symbiose eines amerikanischen Cowgirls mit einer feministischen Amazone. Dabei reicht Paretskys Einfluss bis ins deutsche Fernsehen: Die von Ulrike Folkerts seit den 80er Jahren verkörperte Mannheimer Kommissarin Lena Odenthal ist ganz wesentlich eine Adaption ihrer Detektivin für das deutsche Tatort-Format.

Aber was treiben Sara Paretsky und V.I. Warshawski heute? Der Krimi Fire Sale erschien im Jahre 2005, und es zeugt von Paratskys literarischer Qualität, dass sie die veränderten Zeitverhältnisse reflektiert, ja sie zu einer wichtigen Voraussetzung ihres Plots macht. Warshawski, die längst im schicken Lake View auf der Chicagoer North Side lebt, wird von der Basketballtrainerin ihrer ehemaligen High School gebeten, als Aushilfscouch in ihre frühere Heimat auf der South Side zurückzukehren. Auch an der Trainerin nagt der Zahn der Zeit, sie hat Krebs im Endstadium. Und auf der proletarischen South Side hat sich alles verändert: Die Schwerindustrie, die dort früher dominierte und den Menschen Arbeit und Brot gab, hat im Zuge der Globalisierung ihre Fabriken längst in den Süden des amerikanischen Kontinents verlagert, wo die Arbeiter quasi für nichts schuften. Paretsky lässt ihre Heldin folgende Reflektion anstellen:

„Ich starrte auf die Schutthaufen. In meiner Kindheit, als wir wegen der Rauchschlieren täglich die Fenster putzen mussten, sehnte ich mich nach einem Tag ohne das Stahlwerk, doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie nun verschwunden sein sollten, diese gewaltigen Hallen, diese kilometerlangen Förderbänder, auf denen Kohle und Eisenerz transportiert wurden, die orangen Funken in der Nacht, an denen man merkte, dass Stahl gegossen wurde. Wie konnte so etwas Monumentales sich in Schutt und Gestrüpp verwandeln? (Sara Paretsky, Feuereifer, München, 2005, S.294)

Es handelt sich um den gleichen Strukturwandel, den auch der aus Flint, Michigan, stammende Dokumentarfilmer Michael Moore wiederholt dargestellt hat. In Paretskys Krimi sind die Menschen aber nicht einfach arbeitslos geworden, der neue Arbeitgeber ist vielmehr der Discounter „By-Smart“, das „fünftgrößte Unternehmen von Amerika“ (a.a.O. S.313), eine gigantische Gelddruckmaschine, die nur eine einzige Devise kennt: Billig! Billig! Billig! Dementsprechend sind denn auch die Löhne. Die Beschäftigten haben zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben, ihr Dasein ist nur noch ein verzweifeltes Rennen um die nackte Existenz:

„Heutzutage haben die Menschen das Gefühl, keine Zukunft mehr zu haben. Männer, die früher 30 Dollar im Stahlwerk verdienten, sind froh, wenn sie heute für ein Viertel des Geldes bei By-Smart arbeiten können.“ (a.a.O. S.76)

In dieser Gemengelage nimmt Warhawski ihr Training auf. Die Mädchen der Mannschaft haben mit Drogen, unfreiwilligen Schwangerschaften und Bandenkriegen zu schaffen. Schon bald bittet die Latina Josie Dorrado Warshawsky zu sich nach Hause: Ihre Mutter Rose arbeitet als Näherin in dem kleinen Unternehmen „Fly the flag“, das amerikanische Fahnen herstellt. Dort ist es zu einigen Sabotagevorfällen gekommen. Rose, die Angst um ihren Elendsjob hat, bittet Warshawski, sich die Sache einmal anzusehen. Die willigt widerwillig ein. Doch schon kurze Zeit später brennt die Fabrik nieder.

Chicago

V.I. Warshawsky findet heraus, dass „Fly the Flag“ als Lieferant für „By-Smart“ arbeitete. Und die Lieferanten lässt der Discounter genauso ausbluten wie seine Mitarbeiter. Obwohl Sonderschichten mit superbilligen, illegal in den USA lebenden Latinos gefahren wurden, konnte man die Kosten nicht genügend senken und drohte die Verlagerung der Produktion nach Mittelamerika. Übrigens lernt die Detektivin auch die Besitzer von „By-Smart“ persönlich kennen, als sie dort wegen einer Spende für ihr Basketballteam nachfragt. In der Firma beginnt man den Arbeitstag mit einem Gottesdienst. Die Familie Bysen sind emotional und intellektuell erbärmliche Menschen, hartherzig, selbstgerecht und geldgierig, Milliardäre, die ihren Gästen Kaffee in der Qualität von Spülwasser vorsetzen, damit es nicht zu teuer wird, selbst in ungeheurem Luxus leben und ständig den Spruch im Munde führen, dass die Armen ja nicht arbeiten wollten. Da brennt der jüngste Spross der Familie,  genannt Billy the Kid Bysen, mit der Latina Josie durch. Paretsky greift das Motiv von Romeo und Julia auf und verlagert es nach Chicago, keine wirklich neue Idee, aber sie funktioniert. Widerwillig lässt Warshawsky sich von den Bysens verpflichten, nach dem Paar zu suchen. Sie entdeckt Billys Fahrzeug und auf einer Müllhalde in der Nähe die Leiche eines Mannes und eine schwer verletzte junge Frau. Aber es sind nicht Josie und Billy…

Fazit: Offenbar sind ältere, kultivierte Damen wirklich die besten Krimischreiberinnen.

Siehe auch Sara Paretskys interessante Website mitsamt blog.

Richard Price “Cash”

Samstag, 06. November 2010 von Ulli

Unter Gentrifizierung versteht man die marktradikale Form der Stadterneuerung. Stadterneuerung oder -umbau gibt es immer, er kann sich aber auf ganz unterschiedliche Weise vollziehen. Bei der sogenannten „behutsamen Stadterneuerung“ etwa gab es zahlreiche Instrumente der Mietermitbestimmung und klare Sozialstandards. Anders bei einer staatskapitalistisch organisierten Stadterneuerung: Hier beschließen Staat und Partei, dass irgendwo neue Hochhäuser gebaut werden sollen und müssen die Bewohner des betroffenen Stadtteils sich dann diskussionslos fügen – wenn sie nicht weichen, kommt mit den Baggern eben die Polizei. In unseren marktradikalen Zeiten, in denen der Staat sich aus den öffentlichen Belangen zurückzieht, soll Stadtentwicklung sich über den Eigenmechanismus des Marktes regeln: Grundstücke und Häuser werden zu Elementen der Kapitalverwertung. Alles hängt  nun von Besitz und Einkommen des Marktteilnehmers ab, treibende Elemente der Stadtentwicklung sind das Geld und der Egoismus der Wohlhabenden. Viele Infos zur Gentrifizierung finden sich im Gentrificationblog.

Richard Price, der Drehbücher unter anderem für Al Pacino und Martin Scorsese schrieb, führt in seinem Roman „Cash“ in die Lower East Side New Yorks, in ein Viertel, in dem viele Jahrzehnte nur die ärmsten Immigranten lebten, so osteuropäische Juden und Chinesen. In den achtziger Jahren soff das Viertel endgültig ab, wurde geprägt von Drogen, Straßengewalt und Armut. Doch auch diese Zustände änderten sich und die Lower East Side wurde interessant für junge Leute aus den wohlhabenden Mittelschichten, für Künstler, Möchtegern-Künstler und andere Bohemiens. Schließlich zogen sogar die Yuppies aus der nahen Wall Street in die schick sanierten Lofts. Die Preise stiegen und die traditionellen Bewohner des Viertels wurden an der Rand gedrängt. Alles strukturierte sich wieder um.

Diese Gemengelage beschreibt Richard Price und er findet hierfür drastische Bilder: Eine Synagoge, die gerade eingestürzt ist, eine andere Synagoge, die zum Luxusloft umgebaut wurde, eine winzige Sozialwohnung voller chinesischer Dumpingarbeiter, die sich einen Fisch in einem so kleinen Aquarium halten, dass das Tier sich nicht mehr umdrehen kann.

Dabei ist die Geschichte rasch erzählt und macht der Autor kein großes Geheimnis, wer der Mörder ist: Eines Morgens schwanken drei angetrunkene Middle-Class-Bohemiens aus einem schicken In-Lokal nach Hause. Dabei treffen sie auf zwei dunkelhäutige Kids aus den nahen Sozialbauten. Die Jugendlichen ziehen eine Waffe und verlangen Geld. Doch einer der Überfallenen macht eine blöde Bemerkung, der Junge mit der Kanone bekommt einen nervösen Zeigefinger und es gibt einen Toten. Die Handlung resultiert dann aus der bekannten Tatsache, dass bei einer polizeilichen Ermittlung die Zeugen unterschiedliche, wenn nicht gar vollkommen gegensätzliche Beobachtungen machen. Die Polizisten sind in den diversen sozialen Milieus unterwegs, bis sie den Mörder schließlich haben. Mit Hilfe dieser Geschichte entwirft Price ein grandioses Sittenbild der sozialen Umbrüche in der Lower East Side. In den heutigen Großstädten reißen die sozialen Gräben immer tiefer auf. Zugleich leben die verschiedenen Schichten in parallelen Welten nahezu autistisch nebeneinander her. Man interessiert sich nicht weiter füreinander und eine irgendwie funktionierende Kommunikation gibt es nicht. Wenn man aufeinander trifft, wie in jener Nacht, endet alles in sinnloser Gewalt.

So geht es Price um das Desaster einer entsolidarisierten, nur auf Egoismus und Narzissmus aufbauenden Kultur. Er beschreibt das scheinbare Paradox, dass mit dem Triumph der absoluten Selbstbezogenheit das Selbst, das das Leben der Menschen doch einigermaßen sinnvoll steuern sollte, mir einem Mal verschwindet. Übrig bleibt der Horror Vacui. Price lässt eine seiner Figuren sagen:

„…kam mir der Gedanke, dass es eins gibt, was das Publikum (aus der Middle-Class, eingefügt von mir, U.W.) und die Jungs, die geschossen haben, verbindet, trotz aller Unterschiede…Und das ist Narzissmus. Der Unterschied ist… dass die Schützen narzisstisch sind? Aber ihre Ichbezogenheit hat kein richtiges Ich. Sie nehmen sich selbst und andere wahrscheinlich gar nicht so wahr, das heißt, außer ihren elementaren Bedürfnissen und instinktive Reaktionen auf bestimmte Situationen. Aber die anderen? Wir? Auch Narzissten, nur ist in der Mitte der Ichbezogenheit ein Ich, ein bisschen zu viel Ich und in den meisten Fällen kein besonders attraktives…“ (Richard Price, Cash, Frankfurt, 2010, S. 381f.)

Fazit: Absolut lesenswert.

Das pralle Leben

Freitag, 03. September 2010 von Ulli

bescheinigt der Berliner weblog Wedding krass meinem Roman Berliner Macht:

„Das pralle Leben steckt in dem Buch, als da sind: arbeitsliebende Mütter, verkannte Genies, Emporkömmlinge, Praktikantinnen, heimtückische Politiker und einige Tote… Man genießt als Weddinger den Gruselkitzel, dass das alles tatsächlich vor der eigenen Haustür passieren könnte.“

Die gesamte Rezension findet sich hier.

Siehe auch die Besprechung beim planet wedding.

 

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