berliner mord & totschlag

Über die Ursprünge des deutschen Desasters – Zu Theodor Fontanes Roman „Irrungen und Wirrungen“.

Samstag, 08. August 2015 von Ulli

Über die Folgen der gescheiterten bürgerlichen Revolution in Deutschland:

Fontanes „Irrungen und Wirrungen“ war seinerzeit ein echter Skandalroman. Beschreibt er doch die Geschichte einer Liebe über die Standes- und Klassengrenzen hinweg, die im Preußen der 1870er Jahre ziemlich rigoros waren: Baron Botho von Rienäcker und die kleinbürgerliche (arme) Schneidermamsel Lene Nimptsch verbindet eine tiefe und schöne Liebesbeziehung. Höhepunkt ihrer Liebe ist ein gemeinsamer Ausflug in Richtung Spreewald, bei dem sie sogar die Nacht miteinander verbringen. Fontane lässt keinen Zweifel daran, dass es für beide die große Liebe ihres Lebens ist.

Aber natürlich scheitern sie. Schon als einige adlige Standesgenossen während des Ausfluges auftauchen, ist der Zauber dahin. Zudem befindet sich das Gut der Familie Rienäcker in einer massiven finanziellen Schieflage. Botho sieht sich deshalb zu einer Geldheirat mit seiner reichen Cousine Käthe von Sellenthin gezwungen. Käthe, hübsch und strohblond, würde man heute wohl als oberflächliche Tussi bezeichnen: Immer gut drauf besteht ihre wichtigste Handlung im Roman in einer Kur in Schlangenbad unweit des mondänen Wiesbaden. Auch Lene heiratet: Ihr Nachbar Gideon Franke ist zwar ein solider Mensch, aber halt auch ein protestantischer Eiferer, dem während eines Treffens mit Rienäcker nicht mehr einfällt, als in eine protestantische Predigersuada zu verfallen.

Aber warum halten Lene und Botho nicht an ihrer Liebe fest? Während eines Ausritts überlegt Botho sich folgendes:

Es liegt nicht in mir, die Welt herauszufordern und ihr und ihren Vorurteilen öffentlich den Krieg zu erklären; ich bin durchaus gegen solche Donquixoterien… Arbeit und täglich Brot und Ordnung. Wenn unsere märkischen Leute sich verheiraten, so reden sie nicht von Leidenschaft und Liebe, sie sagen nur: ‚Ich muss doch meine Ordnung haben.‘ Und das ist ein schöner Zug im Leben unseres Volks und nicht einmal prosaisch. Denn Ordnung ist viel und mitunter alles. Und nun frag ich mich: War mein Leben in der Ordnung? Nein…“ (Irrungen und Wirrungen, in Theodor Fontane, Romane, Berlin, 1985, S.86,87)

Lene sieht die Sache so:

Wenn man schön geträumt hat, so muss man Gott dafür danken und darf nicht klagen, dass der Traum aufhört und die Wirklichkeit wieder anfängt. Jetzt ist es schwer, aber es vergisst sich alles, oder gewinnt wieder ein freundliches Gesicht. Und eines Tages bist du wieder glücklich und vielleicht ich auch.“ (a.a.O.,S.90)

Und als ein Standesgenosse, der ebenfalls eine nicht standesgemäße Liebesaffäre unterhält, von Rienäcker auf dieses Problem anspricht, macht der ihm unmissverständlich klar, dass er sich schleunigst von Geliebten trennen und sich den bürgerlichen Regeln unterwerfen solle: Alles andere ende zwangsläufig in Elend und Verzweiflung. (a.a.O.,S.138ff)

Welch ein Widerspruch etwa zum Gefühlschaos und zum Selbstmord von Goethes „Werther“ oder zum wilden Überschwang der Romantik! Aber wie konnten sich die Denkmuster in Deutschland innerhalb weniger Jahrzehnte so radikal verändern? Sehen wir uns Fontanes Biographie an: Als junger Mann ein begeisterter Verfechter der demokratischen Bestrebungen des Vormärz, kämpfte er 1848 sogar in Berlin auf den Barrikaden (wenn angeblich auch nur, wie er später seinem reaktionären Publikum gegenüber behauptete, mit einem Theatergewehr bewaffnet). Nach dem Scheitern der Revolution verbrachte er lange Jahre in England, bis er schließlich nach Preußen zurückkehrte. Seine großen Romane schrieb er als alter Mann, als er die Sechzig bereits überschritten hatte. 1871 war es mit der Kaiserkrönung im Spiegelsaal von Versailles doch noch zur Einheit Deutschlands gekommen – allerdings nicht unter den Vorzeichen der bürgerlichen Demokratie, sondern waffenklirrend und unter der Hegemonie des autoritären Preußen. Und mit der nun in deutschen Reich einsetzenden industriellen Revolution wurde das Land zu einer der führenden und reichsten Industrienationen der Welt. Wohlstand machte sich breit – allerdings keine Demokratie und nicht das freiheitliche westliche Gesellschaftsmodell.

Die nationalstaatliche Emanzipation verband sich in Deutschland nicht mit den Werten von „Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit“, sondern mit bizarren Großmachtsphantasien und einem Glauben an stetig wachsenden Wohlstand. Ein Blick auf die weitere Geschichte zeigt: Die sozialpsychologischen Folgen der gescheiterten bürgerlichen Revolution und der folgenden autoritären politischen Entwicklungen waren verheerend. Sie wirken fort bis heute. Bereits Fontane beschreibt ein Land im gänzlich verspießerten Biedermeier und ein Volk von unpolitischen Duckmäusern: Anpassung an die gegebenen Verhältnisse und Sitten bringt bürgerlichen Wohlstand und ein Leben in Ordnung und Sicherheit, jeder Widerspruch dagegen das Verhängnis. Nicht die freie Entfaltung des Einzelnen steht im Zentrum der deutschen politischen Kultur, sondern die Integration in die gegebene soziale Ordnung. Fontanes Figuren sind sympathische Leute, doch ihre Konsequenz ist der von Heinrich Mann im Roman „Der Untertan“ beschriebene Diederich Heßling: Ein zutiefst unpolitischer und autoritärer Mitläufer und Konformist, ein bösartiger Typus, der nach unten tritt und nach oben buckelt, in der Tat der Archetypus des deutschen Wohlstandsspießers und Untertanen.

So erscheint Fontanes Roman erschreckend aktuell und seine Duckmäuser verweisen direkt auf die deutschen Katastrophen des 20.Jahrhunderts: Ein Volk von Mitläufern und Untertanen rannte begeistert hinter jedem großspurigen Verrückten und Massenmörder her, seien es Wilhelm II, seien es die Nazis, wenn sie nur für „Ordnung“, nationale Größe und einen gewissen Wohlstand standen. In anderen europäischen Ländern gab es eine breite Widerstandsbewegung gegen die Nazi-Diktatur, doch in Deutschland rechnete man noch 1945 mit der „Wunderwaffe“ und wurden selbst wenige Stunden bevor die Alliierten eine Stadt befreiten allerorten angebliche „Verräter“ gehängt. Und heute sieht ein Volk von tiefensedierten Wohlstandsspießern mit kaltem Herzen den Griechen beim Verrecken im Elend zu, den Flüchtlingen beim Ertrinken im Mittelmeer oder – im eigenen Land – den Hartz IV Empfängern oder Geringverdienern in ihrer perspektivlosen Armut – persönlicher Wohlstand und Ordnung sind ja garantiert und die Regierung (80% Parlamentsmehrheit) kann mit breiter Zustimmung rechnen.


Self Publishing

Freitag, 24. April 2015 von Ulli

Auf Zauberspiegel-online habe ich einen kleinen Artikel über meine Erfahrungen als Self Publisher veröffentlicht:

Amazon Kindle bietet Selpublishern einen Tantiemensatz von 70 Prozent an. Das ist attraktiv. Man sollte sich vor Augen halten, das Autoren nicht gerade auf Rosen gebettet sind…

Hier weiterlesen.


Einer der besten deutschen Krimis überhaupt: „Der 7. Tag“ von Nika Lubitsch.

Dienstag, 22. Juli 2014 von Ulli

Natürlich hat mich Nika Lubitschs Roman interessiert, weil er einer der größten Erfolge im Self-Publishing ist: Die Autorin hatte für ihren herausragend guten Text keinen Verlag gefunden und ihn schließlich bei amazon-kindle selbst publiziert. Mehr als 100 000 Downloads beeindrucken. Zudem ist Lubitsch Berlinerin – auch noch aus dem Westen – und spielt ihr Buch in dieser Stadt. Dass die Geschichte in Charlottenburg, also gerade hier um die Ecke, losgeht, hat mir zudem gefallen. Gelesen habe ich es allerdings, weil es so spannend ist, dass man den Reader kaum aus der Hand legen kann.

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Aus der Traumhölle der Spontis – Zu Peter Schneiders Erzählung „Lenz“

Montag, 09. Juni 2014 von Ulli

Ich habe Peter Schneiders „Lenz“ auf dem Flohmarkt gefunden und gekauft, ein Buch, an das ich seit Jahrzehnten nicht mehr gedacht hatte. Ganz sicher ist die Erzählung eine der Grundtexte dessen, was einmal „undogmatische Linke“ hieß, der Spontibewegung. 1973 erschienen, hatte das schmale Rotbuchbändchen sich ein Jahr später schon 27000 mal verkauft und die Gemüter bewegt. Der Vorbesitzer meines Bandes hatte viel mit Bleistift an den Rand geschrieben, leider kann man diese Nozizen heute kaum noch lesen, und auch jede Menge angestrichen, sicher laute wichtige Stellen. Auf der Rückseite steht, „dass Sensibilität und Radikalität durchaus vereinbar“ seien. Dies war der Kommentar der Zeit.

Peter Schneider erzählt die Geschichte von Lenz, einem jungen Linksintellektuellen, der, nachdem seine Freundin L sich von ihm getrennt hat, in eine Identitätskrise gerät. Er schließt damit unmittelbar an Georg Büchners berühmten Text an:

 „Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen… Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf-, bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.“ (Georg Büchner, Lenz, in: Georg Büchner, Werke und Briefe, München, 1973, S.65)

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Willkommen in der Megacity – Zu Robert Baurs 20er Jahre Krimi „Mord in Metropolis“.

Dienstag, 25. März 2014 von Ulli

In Europa wurden zwei sehr bedeutende Stummfilme gedreht: Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ und Fritz Langs „Metropolis“. War der „Panzerkreuzer“ das Fanal der sozialistischen Revolten und Revolutionen des Jahrhunderts, so reflektierte „Metropolis“ die Entstehung kapitalistischer Megacitys. Anders als Walther Ruttmann in „Sinfonie einer Großstadt“ filmte Lang den Tagesablauf des ebenso grandiosen wie rastlosen Berlins nicht einfach nur bewundernd ab, sondern konstruierte in einer gewaltigen Bildsprache eine radikale Klassengesellschaft: In der Unterstadt von Metropolis leben die Arbeiter, ausgebeutete und anonymisierte Menschen, die in langen Kolonnen zur Schicht ziehen. In der Oberstadt dagegen wohnt die Oberschicht der Reichen und Schönen, in „ewigen Gärten“ in schwelgerischem Luxus. Zwischen beiden Klassen befinden sich die Maschinen, sozusagen das Herz der Megacity. (more…)


Maigret…

Mittwoch, 13. November 2013 von Ulli

Es freut mich, dass sie bei wikipedia meine Interpretation eines Maigret-Romans in ihrer Darstellung und Analyse des Krimis „Maigret, die Tänzerin und die Gräfin“ gleich zwei Mal ansprechen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Maigret,_die_Tänzerin_und_die_Gräfin


Bettina von Arnims vergessene Beschreibung des sozialen Elends in Preußen.

Donnerstag, 04. April 2013 von Ulli

Die Älteren kennen die deutsche Dichterin Bettina von Arnim noch vom Fünf-Mark-Schein, der ihr Porträt zeigte. Geboren als Bettina von Brentano, Schwester von Clemens Brentano, heiratete sie 1811 Achim von Arnim und gehörte sie zum innersten Kreis der deutschen Romantik. Vor allem nach dem Tod ihres Mannes trat sie mit eigenständigen Publikationen hervor und entwickelte sie zudem ein umfangreiches soziales Engagement. Beeinflusst von den Ideen der Frühsozialisten traf sie sogar mit Karl Marx zusammen. Sie war jedoch keine Revolutionärin, sondern vertrat die romantische Idee eines Volkskönigs. So war ihr Dieses Buch gehört dem König denn auch als offener Brief an den preußischen König Friedrich Wilhelm IV gedacht, den sie zu sozialen Reformen bewegen wollte. Von Arnim entfaltete allerlei Überlegungen und Dialoge, die sie vor allem der Mutter des Dichterfürsten Goethe, mit der sie lange Jahre befreundet war, in den Mund legt. Großen Erfolg hatte ihr recht naives Unterfangen nicht – immerhin war Friedrich Wilhelm IV die gleiche reaktionäre Dumpfbacke, die die 1849 von Frankfurter Nationalversammlung angebotene deutsche Kaiserkrone mit der Begründung ablehnte, er nehme keine „Krone aus der Gosse“.

Ausgesprochen interessant an Bettinas Text sind die als „Beilage“ konzipierten „Erfahrungen eines jungen Schweizers im Vogtlande“ am Ende des Buches: „Vor dem Hamburger Tore, im sogenannten ‚Vogtland‘, hat sich eine förmliche Armenkolonie gebildet.“(Bettina von Arnim, Dieses Buch gehört dem König, Kindle-Edition. Pos. 4624) Sie charakterisiert diesen Slum folgendermaßen:

 „Das aber scheint gleichgültig zu sein, dass die Ärmsten in eine große Gesellschaft zusammengedrängt werden, sich immer mehr abgrenzen gegen die übrige Bevölkerung und zu einem furchtbaren Gegengewichte anwachsen.“(a.a.O. Pos.4624)

Und beschreibt das Leben des damals entstehenden Proletariats:

Der Vater webet zu Bett und Hemden und Hosen und Jacke das Zeug und wirkt Strümpfe, doch hat er selber kein Hemd. Barfuß geht er und in Lumpen gehüllt.

Die Kinder gehen nackt, sie wärmen sich einer am anderen auf dem Lager aus Stroh und zitten vor Frost.

Die Mutter weift Spulen vom frühsten Tag zur sinkenden Nacht. Öl und Docht verzehrt ihr Fleiß und erwirbt nicht so viel, dass sie die Kinder kann sättigen.

Abgaben fordert der Staat vom Mann, und die Miete muss er bezahlen, sonst wirft ihn der Mietherr hinaus und die Polizei steckt ihn ein. Die Kinder verhungern und die Mutter verzweifelt.

Die Armenverwesung hat taube Ohren, sie läßt lange vergeblich sich anschreien vom Armen, was er ihr abringt, das Leben zu fristen, läßt ihn nur langsamer sterben.“ (a.a.0. Pos.4599)

In diesem „Vogtland“ gibt es „sogenannte ‚Familienhäuser’… In vierhundert Gemächern wohnen zweitausendfünfhundert Menschen. Ich besuchte daselbst viele Familien und verschaffte mir Einsicht in ihre Lebensumstände.“ (a.a.O. Pos. 4629)

Es folgt ein Panoptikum des Elends der industriellen Revolution. Gerade wurde das Preußenjahr gefeiert: Doch im verlogenen Agenda-Deutschland von Schröder und Merkel ist kein Platz für die Erinnerung an diese Nachtseite von Preußens Gloria. Bettina von Arnim jedoch geht von Tür zu Tür und beschreibt die elende Lage der Menschen. Es handelt sich um keine soziologische Studie, wie beispielsweise Friedrich Engels „Die Lage der arbeitenden Klassen in England“, sondern um eine grandiose literarische Verdichtung der Wirklichkeit. Um ein Stück vergessener deutscher Literaturgeschichte des 19.Jahrhunderts, die sich eben nicht in Naturlyrik und Biedermeier erschöpft. Noch ein Beispiel:

„Fünf seiner Kinder starben an den Pocken, und während sie krank waren, fehlte es ihm an Arbeit. Von niemandem unterstützt, geriet er dadurch so in Schulden, daß er mehrmals aus dem Hause geworfen werden sollte. Er verkaufte Hausgeräte und Kleider und ist jetzt so entblößt von allem, daß er nicht einmal ein Hemd besitzt. Durch Arbeit kann er sich nicht wieder aufschwingen, weil es ihm an Leder fehlt und die Flickarbeit, die er den Leuten im Familienhause macht, schlecht bezahlt wird. Zudem hat er mit zwölf anderen Schustern, die am gleichen Orte wohnen, zu konkurrieren. Ich sah es selbst, wie seine Frau um Arbeit ausging und er unterdessen die Kinder hütete. Es war drei Uhr abends, und er hatte an demselben Tag erst zwei Silbergroschen verdient; den einen gab er wieder aus für Zwirn, für den andern kaufte er Brot. Das Kleine fing an, vor Hunger zu weinen.“ (a.a.O. Pos.4676)

Siehe auch: Abgehängt


Krimi und Globalisierung – Zu Donna Leon und Martin Walker.

Montag, 14. Januar 2013 von Ulli

„Der Autor arbeitete lange Jahre als hochrangiger Beamter im chinesischen Ministerium für Information und ist Mitglied beim Schriftstellerverband der KP Chinas. Er lebt in Peking und im Rheingau.“

oder auch:

Die Amerikanerin Donna Leon kam nach einem Wanderleben als Lehrerin und Literaturdozentin, das sie bis nach China, in den Iran und nach Saudi-Arabien führte, nach Venedig, wo sie noch heute lebt. Sie ist eine sehr erfolgreiche Autorin, deren Krimireihe um den netten Commissario Brunetti auch in Deutschland millionenfach verkauft wurde. Es sei nicht verschwiegen, dass ihre ersten Romane – etwa „Venezianisches Finale“ oder „Aqua Alta“ – ziemlich gute Krimis waren. Ihre späteren Arbeiten fand ich dagegen mitunter so langweilig, dass ich sie kaum zu Ende lesen konnte. Der Erfolg der Serie lebt denn auch vor allem von der Figur des Guido Brunettis, eines extrem sympathischen Mannes, der denn auch eine supernette Familie hat: Eine Ehefrau, selbst Literaturdozentin, die – die Kitsch lass nach – aus altem venezianischem Adel stammt, und zwei total tolle Kinder. Zum Personal der Serie gehören beispielsweise noch ein leicht depperter Vorgesetzter und eine erotisch-melodramatische Polizeisekretärin. Natürlich wird dauernd gut gegessen und Kaffee oder Wein getrunken.

Venedig wird im schönsten Licht aller Touristenpostkarten gezeichnet. Zugleich suggeriert Donna Leon dem Leser jedoch, dass er in ihren Krimis etwas über das wirkliche Leben in Venedig erfahren würde. Das darf bezweifelt werden. Venedig, eine Stadt von ungefähr 50 000 Einwohnern, wird pro Tag von 50 000 Touristen heimgesucht. Darüber kein Wort. Donna Leon hat die Publikation ihrer Bücher in Italien untersagt, angeblich, um zu großen Rummel um ihre Person zu vermeiden. Mein Verdacht lautet aber: Sie unterbindet die Publikation, damit bloß keiner mitbekommt, welch grauenhaft kitschiges Bild sie von dieser Stadt zeichnet. Ihre Romane sind Teil einer globalisierten Venedigindustrie, die die Stadt romantisch-touristisch verklärt. Vom deutschen Fernsehen wurden zahlreiche Romane verfilmt, bezeichnenderweise mit deutschen Schauspielern. Diese Filme zeichnen das Italienbild des deutschen Wohlstandspießers, mit dem wirklichen Italien haben sie ungefähr so viel zu tun, wie die Edgar-Wallace-Verfilmungen mit Joachim Fuchsberger mit dem London der sechziger Jahre.

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Richtig gute Krimis: Georges Simenon „Maigret und die junge Tote“.

Donnerstag, 02. August 2012 von Ulli

Alle Romane um Kommissar Maigret beginnen mit einer Situation des Alltags und des bürgerlichen Friedens. Sei es, dass es gerade Frühling geworden ist und der Kommissar mit der Straßenbahn zur Arbeit fährt, sei es, dass es regnet und er aus dem Fenster auf die Seine blickt, sei es, dass das Ehepaar Maigret irgendwo zu Abend ißt. In diesen Frieden bricht nun das Chaos eines neuen Falles ein und es wird Maigrets Aufgabe sein, die bürgerliche Ordnung wieder herzustellen. Der Krimi zählt in seinem Kern zur konservativen Literatur. So beginnt auch der Roman „Maigret und die junge Tote“: Es ist tief in der Nacht, nach langen Verhören wurde eine hartgesottene Verbrecherbande überführt und alle wollen nach Hause. Da klingelt das Telefon: In Montmatre wurde eine weibliche Leiche gefunden. Maigret und einer seiner Inspektoren nehmen einen Wagen. Simenon beschreibt die Fahrt durch das nächtliche Paris mit wenigen Strichen in einer großen atmosphärischen Dichte; tatsächlich zählte er zu den wenigen Krimiautoren, die richtig gut schreiben konnten:

„Die nassen Strassen lagen ausgestorben da, feine Tropfen zeichneten einen Lichterkranz um die Gaslaternen, dann und wann huschten schemenhafte Gestalten an den Häuserwänden entlang. Ein Café an der Ecke Rue de Montmarte mit den Grand Boulevards hatte noch offen, und ein Stück weiter gewahrten sie die Leuchtschilder von zwei oder drei Nachtlokalen, Taxis warteten am Straßenrand. Lediglich einen Katzensprung von der Place Blanche entfernt lag die Place Vintimille da wie eine friedliche Insel. Ein Polizeiwagen parkte. Unweit der Umzäunung des winzigen Platzes standen vier der fünf Männer um ein helles Etwas herum, das auf dem Boden lag.“(Georges Simenon, Maigret und die junge Tote, S.11f, in: Drei große Romane mit Kommissar Maigret (Der große Gelbe), Diogenes Verlag, Zürich, 1978)

Eine junge Frau, die ein ziemlich ärmliches Abendkleid trägt, wurde erschlagen. Maigret und seine Kollegen (zu denen dieses Mal auch Inspektor Lognon, der „Inspektor Griesgram“, zählt, eine tragikkomische Figur, die zur Unterhaltung der Leser durch mehrere Maigret-Romane geistert) beginnen mit ihren Ermittlungen und lernen etliche junge Frauen kennen, die, aus der Provinz nach Paris gekommen, sich dort irgendwie über Wasser halten: Beispielsweise eine junge Frau, die in einer sklavinnenähnlichen Abhängigkeit zu einer älteren Schneiderin (die der Toten das Abendkleid auslieh) lebt, oder ein schüchternes Dienstmädchen, das der Polizei einen wertvollen Tipp gibt. Simenon erörtert an verschiedenen Beispielen, wie diese jungen und attraktiven Frauen in Paris zurecht kommen. Auch Louise, so der Name der Toten, war aus Nizza, wo sie in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen war, in die Großstadt geflüchtet. Im Zug hatte sie eine andere junge Frau kennengelernt, an die sie sich in den folgenden Jahren hielt. Aber während es dieser Freundin gelang, sich in Paris ein eigenes Leben aufzubauen und schließlich sogar eine gute Partie zu machen (der Roman wurde im Januar 1954 abgeschlossen), konnte Louise sich nicht aus den Fallstricken ihrer Herkunft lösen. Das führte dann zu ihrem gewaltsamen Tod…

Paris, Place des Vosges. Vor langer Zeit wohnte hier der Autor Georges Simenon. Der Boulevard Richard Lenoir, wo er die Wohnung seines Kommissars Maigret verortete, liegt nur wenige Straßen entfernt. In jenen Tagen war das Marait noch ein typischer Kleine-Leute-Kiez.

So konventionell vieles gedacht ist: Simenon stellt seine weiblichen Figuren vollkommen anders dar als beispielsweise Dashiell Hammett oder Chandler. Gerade bei Hammett wimmelt es von eiskalten und berechnenden Super-Blondinen, von wahren Göttinen und Monstern des Sexus, von Figuren, die eher aus Hollywoods Mythenfabrik als aus dem wirklichen Leben zu stammen scheinen. Demgegenüber sind Simenons Frauengestalten völlig down to earth: In der Regel handelt es sich um nette junge Französinnen aus dem Kleinbürgertum, die realistisch dabei beobachtet werden, wie sie sich abmühen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Eines Tages (wenn sie nicht gerade die Mordopfer sind) werden sie allesamt Kinder haben und nette französische Muttchen sein. Simenon wurde nicht müde, das Pariser Rotlichtmilieu zu beschreiben – und dennoch hat er seine Protagonistinnen von zahllosen Mythen, Klischees und Vorurteilen befreit.

„Ich habe bereits eine ganze Reihe von Mädchen in diesem Alter kommen und wieder gehen sehen. Zur Zeit haben wir zwei davon, die im Lido tanzen…Sehen Sie, wenn diese jungen Dinger da nach Paris kommen und sich inmitten von Millionen Menschen verloren vorkommen…“ (a.a.O. S.158f)

siehe auch: Georges Simenon: „Maigret, die Tänzerin und die Gräfin.“

siehe ebenfalls: Krimi „Gut essen“.


Das Monster der Finanzindustrie – Zu Robert Harris Reformulierung der Frankenstein-Metapher in seinem Thriller „Angst“.

Mittwoch, 02. Mai 2012 von Ulli

„Am 9.Oktober 2007 schloss der Dow Jones Industrial Average mit 14164 Punkten. Gestern Abend – ich habe das noch einmal überprüft, bevor ich das Büro verlassen habe – schloss der Dow mit 10866. Das entspricht einem Verlust über die letzten zweieinhalb Jahre von fast einem Viertel. Stellen Sie sich das vor! All die armen Trottel mit ihren Pensionsplänen und Indexfonds haben etwa 25 Prozent ihres Investments verloren. Sie jedoch haben auf uns vertraut, und der der Wert Ihres Vermögens hat sich im gleichen Zeitraum um 83 Prozent erhöht.“ (Robert Harris, Angst, München (Heyne Verlag), 2011, Seite 109)

In seinem Thriller „Angst“ führt Robert Harris seine Leser in die Welt der Hochfinanz. Alex Hoffmann ist ein genialer Physiker, der jedoch starke Symptome von Autismus aufweist: Wie Dr. Frankenstein ist er ein halb wahnsinniges Genie. Als Physiker arbeitete er zum Thema der künstlichen Intelligenz, über „autonomes maschinelles Lernen“(a.a.O. S287), dann wechselte er ins Finanzfach und entwickelte aus seinen Erkenntnissen den Algorithmus VIXAL, mit dem sein computergestützter Hedgefonds automatisiert auf fallende Kurse spekuliert. Die Gewinne sind gigantisch. Hoffmann schwimmt regelrecht in den Millionen.

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