mord & totschlag

Neues Cover, neues Glück

Donnerstag, 02. Mai 2013 von Ulli

In der zweiten Jahreshälfte wird, wieder im Verlag Königshausen & Neumann, ein neuer Berlin-Krimi erscheinen: GUT ESSEN. Eine Geschichte über Manipulationen an Lebensmitteln und über millionenschwere Lobbyisten. Der Grafiker Dr. Markus Heinlein hat das Titelbild entworfen:

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MYTHUXS

Mittwoch, 06. März 2013 von Ulli

Ein neues E-Book veröffentlicht, Teil I eines auf zwei Bände angelegten und in Berlin spielenden Soziopathenkrimis. Ein Sturm zieht auf:

“In einer Schule in Schöneberg wird ein Lehrer mit Dutzenden Messerstichen niedergemetzelt. Die Kriminalpolizei nimmt die Ermittlungen auf. Dann werden in Kreuzberg mehrere Menschen regelrecht hingerichtet. Nun deuten alle Indizien deuten auf einen Täter aus dem organisierten Verbrechen hin… Doch die Wahrheit sieht ganz anders aus: Der Killer tötet aus persönlichen Motiven. Er mordet, um sich selbst zu finden. Er steigert sich in einen Blutrausch. Aus dem Kellergewölbe der Leistungs- und Wohlstandsgesellschaft ertönt eine schwarze Stimme…”

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Krimi und Globalisierung – Zu Donna Leon und Martin Walker.

Montag, 14. Januar 2013 von Ulli

“Der Autor arbeitete lange Jahre als hochrangiger Beamter im chinesischen Ministerium für Information und ist Mitglied beim Schriftstellerverband der KP Chinas. Er lebt in Peking und im Rheingau.”

oder auch:

Die Amerikanerin Donna Leon kam nach einem Wanderleben als Lehrerin und Literaturdozentin, das sie bis nach China, in den Iran und nach Saudi-Arabien führte, nach Venedig, wo sie noch heute lebt. Sie ist eine sehr erfolgreiche Autorin, deren Krimireihe um den netten Commissario Brunetti auch in Deutschland millionenfach verkauft wurde. Es sei nicht verschwiegen, dass ihre ersten Romane – etwa „Venezianisches Finale“ oder „Aqua Alta“ – ziemlich gute Krimis waren. Ihre späteren Arbeiten fand ich dagegen mitunter so langweilig, dass ich sie kaum zu Ende lesen konnte. Der Erfolg der Serie lebt denn auch vor allem von der Figur des Guido Brunettis, eines extrem sympathischen Mannes, der denn auch eine supernette Familie hat: Eine Ehefrau, selbst Literaturdozentin, die – die Kitsch lass nach – aus altem venezianischem Adel stammt, und zwei total tolle Kinder. Zum Personal der Serie gehören beispielsweise noch ein leicht depperter Vorgesetzter und eine erotisch-melodramatische Polizeisekretärin. Natürlich wird dauernd gut gegessen und Kaffee oder Wein getrunken.

Venedig wird im schönsten Licht aller Touristenpostkarten gezeichnet. Zugleich suggeriert Donna Leon dem Leser jedoch, dass er in ihren Krimis etwas über das wirkliche Leben in Venedig erfahren würde. Das darf bezweifelt werden. Venedig, eine Stadt von ungefähr 50 000 Einwohnern, wird pro Tag von 50 000 Touristen heimgesucht. Darüber kein Wort. Donna Leon hat die Publikation ihrer Bücher in Italien untersagt, angeblich, um zu großen Rummel um ihre Person zu vermeiden. Mein Verdacht lautet aber: Sie unterbindet die Publikation, damit bloß keiner mitbekommt, welch grauenhaft kitschiges Bild sie von dieser Stadt zeichnet. Ihre Romane sind Teil einer globalisierten Venedigindustrie, die die Stadt romantisch-touristisch verklärt. Vom deutschen Fernsehen wurden zahlreiche Romane verfilmt, bezeichnenderweise mit deutschen Schauspielern. Diese Filme zeichnen das Italienbild des deutschen Wohlstandspießers, mit dem wirklichen Italien haben sie ungefähr so viel zu tun, wie die Edgar-Wallace-Verfilmungen mit Joachim Fuchsberger mit dem London der sechziger Jahre.

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Ein gekonnter Griff in den Werkzeugkasten des Krimischreibers – Über Andrea Camilleris „Die Passion des stillen Rächers“.

Dienstag, 09. Oktober 2012 von Ulli

Schon der Titel klingt toll, im Italienischen noch besser :„La Pazienza del Ragno“, also „Die Geduld der Spinne“. Es geht gleich existentiell los: Commissario Montalbano wird angeschossen und verletzt, und zudem finden die Ärzte heraus, dass sein Herz nicht mehr in Ordnung ist. Gottseidank folgt nun aber kein Krankenhausdrama, ganz so schlimm ist die Herzerkrankung doch nicht – der Serienheld wird eben alt und der Tod zwinkert schon mal aus der Ferne – und der Commissario wird zur Genesung nach Hause entlassen. Aus Mailand reist seine Freundin Livia an, um ihn zu betuteln, Anlass zu allerlei ironischem Schabernack: So streikt die eifersüchtige Haushälterin und Köchin…

Es gibt auch einen Kriminalfall: Eine junge Frau, Susanna Mistretta, wird entführt. Montalbano lernt ihre Familie kennen: Ihren verarmten Vater; ihre an Traurigkeit und Enttäuschung sterbende Mutter; ihren Onkel, einen Arzt, der die Sterbende pflegt; ihren Freund, der selbst Polizist werden will; und vom Hörensagen ihren zweiten Onkel, einen Geschäftsmann mit Mafiaverbindungen, den Bruder der Sterbenden, der seine Schwester in den Tod trieb, indem er ihren Mann betrog und ruinierte.

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Die Berliner Republik, die hessische Provinz und immer nur die Besserverdienenden – Zu Anne Chaplets Politkrimi „Nichts als die Wahrheit“.

Samstag, 22. September 2012 von Ulli

In Frankfurt begeht der Bundestagsabgeordnete Alexander Bunge durch einen Sturz von einem Kirchturm Selbstmord. Anne Burau, die als Ökobäuerin in der hessischen Provinz lebt, nimmt als Nachrückerin seinen Platz in Berlin ein. Manches an Bunges Suicid ist jedoch nicht koscher: So geriet er in den Verdacht, Kinderpornographie zu konsumieren, doch dieser Vorwurf scheint nicht haltbar. In Berlin sucht Anne Burau nach dem Journalisten Peter Zettel, mit dem sie einmal einen One-Night-Stand hatte und aus dessen Redaktion die Päderastievorwürfe kamen. Doch Zettel ist verschwunden. Dann wird einer seiner Kollegen erschlagen. Bunge leitete den Bauausschuss des Bundestages und bei den Bauarbeiten in der deutschen Hauptstadt kamen anscheinend die Gespenster der deutschen Vergangenheit zu Tage… Anne Chaplets Krimi ist geschickt aus verschiedenen Perspektiven konstruiert, er enthält einige sicher treffende Skizzen des Berliner Politikbetriebs und er thematisiert die Bedeutung der Nazivergangenheit für unsere Gegenwart. Ein ambitioniertes Vorhaben. Doch man muss genauer hinsehen.

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Richtig gute Krimis: Georges Simenon „Maigret und die junge Tote“.

Donnerstag, 02. August 2012 von Ulli

Alle Romane um Kommissar Maigret beginnen mit einer Situation des Alltags und des bürgerlichen Friedens. Sei es, dass es gerade Frühling geworden ist und der Kommissar mit der Straßenbahn zur Arbeit fährt, sei es, dass es regnet und er aus dem Fenster auf die Seine blickt, sei es, dass das Ehepaar Maigret irgendwo zu Abend ißt. In diesen Frieden bricht nun das Chaos eines neuen Falles ein und es wird Maigrets Aufgabe sein, die bürgerliche Ordnung wieder herzustellen. Der Krimi zählt in seinem Kern zur konservativen Literatur. So beginnt auch der Roman „Maigret und die junge Tote“: Es ist tief in der Nacht, nach langen Verhören wurde eine hartgesottene Verbrecherbande überführt und alle wollen nach Hause. Da klingelt das Telefon: In Montmatre wurde eine weibliche Leiche gefunden. Maigret und einer seiner Inspektoren nehmen einen Wagen. Simenon beschreibt die Fahrt durch das nächtliche Paris mit wenigen Strichen in einer großen atmosphärischen Dichte; tatsächlich zählte er zu den wenigen Krimiautoren, die richtig gut schreiben konnten:

„Die nassen Strassen lagen ausgestorben da, feine Tropfen zeichneten einen Lichterkranz um die Gaslaternen, dann und wann huschten schemenhafte Gestalten an den Häuserwänden entlang. Ein Café an der Ecke Rue de Montmarte mit den Grand Boulevards hatte noch offen, und ein Stück weiter gewahrten sie die Leuchtschilder von zwei oder drei Nachtlokalen, Taxis warteten am Straßenrand. Lediglich einen Katzensprung von der Place Blanche entfernt lag die Place Vintimille da wie eine friedliche Insel. Ein Polizeiwagen parkte. Unweit der Umzäunung des winzigen Platzes standen vier der fünf Männer um ein helles Etwas herum, das auf dem Boden lag.“(Georges Simenon, Maigret und die junge Tote, S.11f, in: Drei große Romane mit Kommissar Maigret (Der große Gelbe), Diogenes Verlag, Zürich, 1978)

Eine junge Frau, die ein ziemlich ärmliches Abendkleid trägt, wurde erschlagen. Maigret und seine Kollegen (zu denen dieses Mal auch Inspektor Lognon, der „Inspektor Griesgram“, zählt, eine tragikkomische Figur, die zur Unterhaltung der Leser durch mehrere Maigret-Romane geistert) beginnen mit ihren Ermittlungen und lernen etliche junge Frauen kennen, die, aus der Provinz nach Paris gekommen, sich dort irgendwie über Wasser halten: Beispielsweise eine junge Frau, die in einer sklavinnenähnlichen Abhängigkeit zu einer älteren Schneiderin (die der Toten das Abendkleid auslieh) lebt, oder ein schüchternes Dienstmädchen, das der Polizei einen wertvollen Tipp gibt. Simenon erörtert an verschiedenen Beispielen, wie diese jungen und attraktiven Frauen in Paris zurecht kommen. Auch Louise, so der Name der Toten, war aus Nizza, wo sie in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen war, in die Großstadt geflüchtet. Im Zug hatte sie eine andere junge Frau kennengelernt, an die sie sich in den folgenden Jahren hielt. Aber während es dieser Freundin gelang, sich in Paris ein eigenes Leben aufzubauen und schließlich sogar eine gute Partie zu machen (der Roman wurde im Januar 1954 abgeschlossen), konnte Louise sich nicht aus den Fallstricken ihrer Herkunft lösen. Das führte dann zu ihrem gewaltsamen Tod…

Paris, Place des Vosges. Vor langer Zeit wohnte hier der Autor Georges Simenon. Der Boulevard Richard Lenoir, wo er die Wohnung seines Kommissars Maigret verortete, liegt nur wenige Straßen entfernt. In jenen Tagen war das Marait noch ein typischer Kleine-Leute-Kiez.

So konventionell vieles gedacht ist: Simenon stellt seine weiblichen Figuren vollkommen anders dar als beispielsweise Dashiell Hammett oder Chandler. Gerade bei Hammett wimmelt es von eiskalten und berechnenden Super-Blondinen, von wahren Göttinen und Monstern des Sexus, von Figuren, die eher aus Hollywoods Mythenfabrik als aus dem wirklichen Leben zu stammen scheinen. Demgegenüber sind Simenons Frauengestalten völlig down to earth: In der Regel handelt es sich um nette junge Französinnen aus dem Kleinbürgertum, die realistisch dabei beobachtet werden, wie sie sich abmühen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Eines Tages (wenn sie nicht gerade die Mordopfer sind) werden sie allesamt Kinder haben und nette französische Muttchen sein. Simenon wurde nicht müde, das Pariser Rotlichtmilieu zu beschreiben – und dennoch hat er seine Protagonistinnen von zahllosen Mythen, Klischees und Vorurteilen befreit.

„Ich habe bereits eine ganze Reihe von Mädchen in diesem Alter kommen und wieder gehen sehen. Zur Zeit haben wir zwei davon, die im Lido tanzen…Sehen Sie, wenn diese jungen Dinger da nach Paris kommen und sich inmitten von Millionen Menschen verloren vorkommen…“ (a.a.O. S.158f)

siehe auch: “Maigret, die Tänzerin und die Gräfin.”


“Berliner Macht”

Freitag, 08. Juni 2012 von Ulli

“Die Wohnung war vollkommen verwahrlost. Der Flur sah aus wie der Lagerraum eines wahnsinnig gewordenen Altwarenhändlers. Zu beiden Seiten stapelten sich Gerümpel und Trödel: billigstes Geschirr auf wackligen Regalen, dazwischen rostiges Werkzeug, daneben Blumentöpfe, in denen sich noch vertrocknete Erde befand, außerdem ein uralter Radioapparat, Dutzende von schreiend bunten Plastiksparschweinen, ein wackliges Beistelltisch­chen. Große Pakete mit preiswertem Duschgel lagerten neben hohen Stapeln von Billigseife und an der Wand lehnten Teile eines Wohnzimmerschranks, ein verbeulter Autoreifen und drei rostige Gartenstühle. Halb zerrissene Kartons und blaue Müllsäcke türmten sich bis zur Decke…

“Der Tote lag im Wohnzimmer vor einem riesigen Fernsehgerät. Er trug Militaryhosen und ein grünes T-Shirt mit dem Aufdruck Super Trouper. Der Mann lag auf der Seite, seine Hände waren auf dem Rücken mit Klebeband gefesselt und sein Kopf steckte in einer blauen Plastiktüte. Der Körper war deutlich in den Zustand der Verwesung über­gegangen und der Bauch vom Leichengas in bizarrer Weise aufgebläht. Über dem Toten schwirrte ein dichter Schwarm winziger Fliegen. Obwohl beide Fenster weit offen standen, war der süßliche, Übelkeit erregende Leichengestank kaum zu ertragen..

siehe auch: Lektüreprobe “Berliner Macht”.

bestellen bei: amazon oder direkt beim Verlag.


Das Monster der Finanzindustrie – Zu Robert Harris Reformulierung der Frankenstein-Metapher in seinem Thriller „Angst“.

Mittwoch, 02. Mai 2012 von Ulli

„Am 9.Oktober 2007 schloss der Dow Jones Industrial Average mit 14164 Punkten. Gestern Abend – ich habe das noch einmal überprüft, bevor ich das Büro verlassen habe – schloss der Dow mit 10866. Das entspricht einem Verlust über die letzten zweieinhalb Jahre von fast einem Viertel. Stellen Sie sich das vor! All die armen Trottel mit ihren Pensionsplänen und Indexfonds haben etwa 25 Prozent ihres Investments verloren. Sie jedoch haben auf uns vertraut, und der der Wert Ihres Vermögens hat sich im gleichen Zeitraum um 83 Prozent erhöht.“ (Robert Harris, Angst, München (Heyne Verlag), 2011, Seite 109)

In seinem Thriller „Angst“ führt Robert Harris seine Leser in die Welt der Hochfinanz. Alex Hoffmann ist ein genialer Physiker, der jedoch starke Symptome von Autismus aufweist: Wie Dr. Frankenstein ist er ein halb wahnsinniges Genie. Als Physiker arbeitete er zum Thema der künstlichen Intelligenz, über „autonomes maschinelles Lernen“(a.a.O. S287), dann wechselte er ins Finanzfach und entwickelte aus seinen Erkenntnissen den Algorithmus VIXAL, mit dem sein computergestützter Hedgefonds automatisiert auf fallende Kurse spekuliert. Die Gewinne sind gigantisch. Hoffmann schwimmt regelrecht in den Millionen.

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Empfehlenswerte Thriller: John Le Carre: “Verräter wie wir”

Mittwoch, 24. August 2011 von Ulli

John le Carre ist der Drei-Sterne-Koch unter den Thrillerautoren: er beherrscht vollkommen sein Handwerk, er versteht etwas von seinen Themen und er besitzt sogar eine moralische Haltung. Er ist also ein echter Ausnahmeschriftsteller. In Verräter wie wir geht es um das junge englische Middle-Class-Paar Gail und Perry; er ist Dozent in Oxford, sie Karriereanwältin in London; und beide haben sich etwas gespart und machen nun Urlaub in der Karibik. Dort lernen sie Dina kennen, einen russischen Oligarchen, der mit einem Tross von Kindern, Frauen, Bodyguards und anderen Leuten ebenfalls auf der Insel urlaubt. Doch Dina steht das Wasser bis zum Hals: Er ist einer der großen Finanzjongleure der russischen Mafia, und weil sich dort die Machtgewichte verschoben haben, ist er ins Abseits geraten und steht mit einem Bein im Grab. Er wendet sich an Perry und Gail, die einen Kontakt zum britischen Geheimdienst herstellen sollen: In seiner Angst will er überlaufen. Immerhin verfügt er über Unmengen an Informationen. Wieder in London nehmen die beiden Kontakt zum Secret Service auf. Sie erfahren, wie die russische Mafia, die sogenannten Diebe im Gesetz, nach dem Zusammenbruch der UdSSR das ganz große Rad zu drehen begann. Und sie erfahren, wie im globalisierten Kapitalismus eine Bande von Superreichen, Spitzenpolitikern und Mafiosi gemeinsame Geschäfte machen, die ihnen selbst Milliarden einbringen, für den Rest der Menschheit aber im günstigen Fall Armut und Elend, in schlechtesten Fall Vergewaltigung, Folter und Tod bedeuten. Dina soll in Paris überlaufen, wo er sich mit Perry und Gail bei einem internationalen Tennismatch treffen will. Le Carres Darstellung erinnert an Hitchcocks Antwort auf die Frage, wie lange ein Filmkuss wohl dauern könne: Stunden, wenn ich nur vorher eine Bombe unter dem Bett platziert habe. John LeCarre hat seine Bomben jedenfalls gekonnt platziert…

siehe auch: Richard Price – “Cash”


Gute Krimis: “Maigret, die Tänzerin und die Gräfin”

Montag, 18. Juli 2011 von Ulli

Georges Simenon beendete seinen Roman „Maigret au Picratt’s“ (dieser Titel ist wesentlich besser als der der deutschen Übersetzung) im Dezember 1950. In Paris hatte es geschneit: „Der Schnee gefiel ihm, weil er ihn an seine Kindheit erinnerte, aber er fragte sich, wie seine Frau ihn hier in Paris hübsch finden konnte, zumal an diesem Morgen. Der Himmel war noch verhangener als am Vortag, und das Weiß der Schneeflocken ließ das Schwarz der glänzenden Dächer noch schwärzer erscheinen, hob die traurigen und schmutzigen Farben der Häuser, die zweifelhafte Sauberkeit der Vorhänge in den meisten Fenstern noch deutlicher hervor.“ (Georges Simenon, „Maigret, die Tänzerin und die Gräfin“, Zürich, 1986, S. 101). Wie alle anderen Maigret-Romane beginnt auch diese Geschichte damit, dass die Dinge der Welt und des Lebens sich auf ihrem alltäglichen und krisenlosen Gleis bewegen, in der „normalen Routine“(a.a.O. S.5). Die Welt ist in ihrer Ordnung:

„Es war ein flauer Tag auf dem Montmarte. Justine (ein Streifenpolizist) hätte angeben können, in welcher Reihenfolge die meisten Nachtclubs geschlossen wurden…Die rote Schrift des „Picratt’s“ gehörte zu den wenigen des Viertels, die noch erleuchtet waren, und warf ihren Widerschein wie Blutlachen auf das nasse Pflaster.“ (a.a.O.S.5)

Doch in dieser Nacht verlaufen die Dinge anders: Die Stripteasetänzerin Arlette geht, nachdem das „Picratt“, der Club, in dem sie arbeitet, am frühen Morgen geschlossen hat, nicht einfach nach Hause, sondern läuft scheinbar ziellos durch das Viertel. Schließlich betritt sie die Polizeiwache und erzählt folgende Geschichte: Sie habe mit einem Gast in einem der Separees gesessen und zufällig gehört, wie zwei Männer am Nebentisch sich darüber unterhielten, dass eine Gräfin sterben müsse. Einer der beiden Männer habe auf den Namen Oscar gehört. Arlette wird zum Polizeipräsidium am Quai des Orfevres gebracht, wo Maigret sie kurz kennenlernt. Schließlich wird sie entlassen und einige Stunden später in ihrer Wohnung erwürgt aufgefunden:

„Das Ergreifendste ist immer irgendein lächerliches Detail, und in diesem Fall war für Maigret besonders beklemmend, dass das neben einem Fuß, der noch in einem hochhackigen Schuh steckte, ein unbeschuhter Fuß war, die Zehen unter einem Seidenstrumpf erkennbar, der mit Schlammspritzern übersät war, und eine Laufmasche, die an der Ferse begann und bis über das Knie hinaufreichte.“ (a.a.O. S.29)

Dann wird auch die Leiche einer Gräfin gefunden, einer rauschgiftsüchtigen, älteren Frau, die in ihren guten Zeiten gemeinsam mit ihrem Mann in einem großen Haus in Nizza gelebt hatte. Maigret ermittelt und verbringt zwei Abende im „Picratt“:

„Die Wände waren rot gestrichen, die Beleuchtung war in kräftigem Rosa gehalten, und in diesem Licht verloren die Dinge und Menschen etwas von ihrer Wirklichkeit. Man hatte den Eindruck – zumindest Maigret hatte ihn -, sich in der Dunkelkammer eines Fotografen zu befinden. Man brauchte einen Moment, um sich daran zu gewöhnen. Die Augen wirkten dunkler, glänzender, während die Umrisse der Lippen verschwanden, vom Licht verschluckt.“(a.a.O. S.89f)

Der Kommissar lernt sämtliche an diesem Fall beteiligten Personen kennen, ihre wechselseitigen Beziehungen, ihre Lebensumstände und -verhältnisse. Die Spuren führen zurück in die Vergangenheit der beiden erwürgten Frauen. Schließlich stellt Maigret eine Falle. Beim Show-Down kommt es zum Einsatz von Schusswaffen… „In dieser Nacht hatte Lapointe (ein Mitarbeiter Maigrets) seine erste Liebe begraben. Und seinen ersten Menschen getötet.“ (a.a.O. S.215)

Quai des Orfevres, Paris, Kommissar Maigrets Präsidium, 60 Jahre später

Ein Wort zu den Getränken: Auch in diesem Roman erweist Maigret sich als geübter Kampftrinker. Am ersten Tag der Ermittlungen trinkt er etliche Biere und am Abend abwechselnd Cognac und Champagner. Nichtsdestoweniger leert er am folgenden Morgen im Büro ein Bier „auf einen langen Zug“ (a.a.O. S.145), trinkt „unterwegs…noch zwei Bier“ (a.a.O. S.151), und später in der „Brasserie Dauphine“ hinter dem Quai des Orfevres „ein Glas Cognac“(a.a.O. S.171) und immer so weiter: „Der Kater war verschwunden, aber ihm schwante, dass er am nächsten Morgen einen neuen haben würde.“ (a.a..O. S.171).

Wie stellt Simenon seine Romanpersonen und die Stadt Paris dar?

Arlette ist eine echte Sexbombe: Sie arbeitet als Burlesketänzerin und steht am Ende ihrer Show splitternackt auf der Bühne, zudem hat sie sich – Anfang der 50er Jahre – die Schamhaare rasiert. Der Chef des „Picrat“ charakterisiert sie: „Ich habe Frauen von fünfunddreißig und vierzig Jahren erlebt, meist so verrückte Luder, denen es Vergnügen machte, die Männer scharf zu machen. Oder blutjunge Mädchen, die mit dem Feuer spielten. Aber nie eine wie Arlette, nie eine, die es mit solcher Leidenschaft machte.“ (a.a.O. S.177). Dennoch unterscheidet diese Figur sich vollkommen von den kalten und klischeehaften Sexbomben, die viele Krimis jener Jahre bevölkern. Es war Simenons großes Können, mit Warmherzigkeit sehr menschlich wirkende Figuren in seine Romane zu zaubern und dort handeln zu lassen: Arlettes Erotik erscheint so als Teil ihres Charakters und nicht umgekehrt. Der Leser erfährt, dass sie anscheinend aus gutbürgerlichen Kreisen stammte, in Paris unter falschem Namen lebte und dass ihre erotische Kraft eine dunkle Kehrseite in einer destruktiven Beziehung von sexueller Abhängigkeit hatte. In diesem Zusammenhang ist es interessant, wie Simenon Paris darstellt: Zeitgeschichtliche Ereignisse spielen keinerlei Rolle, noch nicht einmal der Zweite Weltkrieg und die Besetzung und Befreiung der Stadt werden in den Maigretromanen erwähnt. Stattdessen stilisiert er das Paris und die ganz normalen Leute seiner Zeit zu einer ahistorischen Bühne des Allgemein Menschlichen. Seine Personen werden angetrieben von ihren überzeitlich menschlichen Bedürfnissen und Wünschen, von ihren dunklen und hellen Emotionen, von Gefühlen, Verstrickungen und Wirrungen, wie sie die Menschen zu allen Zeiten und in allen Weltteilen kennzeichnen: Simenon entfaltet nicht weniger als eine comedie humaine in kriminalistischer Form.

siehe auch: Maigreit und die junge Tote.

Sara Paretsky – Globalisierung in Chicago


 

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