mord & totschlag

Neues Cover, neues Glück

Donnerstag, 02. Mai 2013 von Ulli

In der zweiten Jahreshälfte wird, wieder im Verlag Königshausen & Neumann, ein neuer Berlin-Krimi erscheinen: GUT ESSEN. Eine Geschichte über Manipulationen an Lebensmitteln und über millionenschwere Lobbyisten. Der Grafiker Dr. Markus Heinlein hat das Titelbild entworfen:

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Bettina von Arnims vergessene Beschreibung des sozialen Elends in Preußen.

Donnerstag, 04. April 2013 von Ulli

Die Älteren kennen die deutsche Dichterin Bettina von Arnim noch vom Fünf-Mark-Schein, der ihr Porträt zeigte. Geboren als Bettina von Brentano, Schwester von Clemens Brentano, heiratete sie 1811 Achim von Arnim und gehörte sie zum innersten Kreis der deutschen Romantik. Vor allem nach dem Tod ihres Mannes trat sie mit eigenständigen Publikationen hervor und entwickelte sie zudem ein umfangreiches soziales Engagement. Beeinflusst von den Ideen der Frühsozialisten traf sie sogar mit Karl Marx zusammen. Sie war jedoch keine Revolutionärin, sondern vertrat die romantische Idee eines Volkskönigs. So war ihr Dieses Buch gehört dem König denn auch als offener Brief an den preußischen König Friedrich Wilhelm IV gedacht, den sie zu sozialen Reformen bewegen wollte. Von Arnim entfaltete allerlei Überlegungen und Dialoge, die sie vor allem der Mutter des Dichterfürsten Goethe, mit der sie lange Jahre befreundet war, in den Mund legt. Großen Erfolg hatte ihr recht naives Unterfangen nicht – immerhin war Friedrich Wilhelm IV die gleiche reaktionäre Dumpfbacke, die die 1849 von Frankfurter Nationalversammlung angebotene deutsche Kaiserkrone mit der Begründung ablehnte, er nehme keine „Krone aus der Gosse“.

Ausgesprochen interessant an Bettinas Text sind die als „Beilage“ konzipierten „Erfahrungen eines jungen Schweizers im Vogtlande“ am Ende des Buches: „Vor dem Hamburger Tore, im sogenannten ‘Vogtland’, hat sich eine förmliche Armenkolonie gebildet.“(Bettina von Arnim, Dieses Buch gehört dem König, Kindle-Edition. Pos. 4624) Sie charakterisiert diesen Slum folgendermaßen:

 „Das aber scheint gleichgültig zu sein, dass die Ärmsten in eine große Gesellschaft zusammengedrängt werden, sich immer mehr abgrenzen gegen die übrige Bevölkerung und zu einem furchtbaren Gegengewichte anwachsen.“(a.a.O. Pos.4624)

Und beschreibt das Leben des damals entstehenden Proletariats:

Der Vater webet zu Bett und Hemden und Hosen und Jacke das Zeug und wirkt Strümpfe, doch hat er selber kein Hemd. Barfuß geht er und in Lumpen gehüllt.

Die Kinder gehen nackt, sie wärmen sich einer am anderen auf dem Lager aus Stroh und zitten vor Frost.

Die Mutter weift Spulen vom frühsten Tag zur sinkenden Nacht. Öl und Docht verzehrt ihr Fleiß und erwirbt nicht so viel, dass sie die Kinder kann sättigen.

Abgaben fordert der Staat vom Mann, und die Miete muss er bezahlen, sonst wirft ihn der Mietherr hinaus und die Polizei steckt ihn ein. Die Kinder verhungern und die Mutter verzweifelt.

Die Armenverwesung hat taube Ohren, sie läßt lange vergeblich sich anschreien vom Armen, was er ihr abringt, das Leben zu fristen, läßt ihn nur langsamer sterben.“ (a.a.0. Pos.4599)

In diesem „Vogtland“ gibt es „sogenannte ‘Familienhäuser’… In vierhundert Gemächern wohnen zweitausendfünfhundert Menschen. Ich besuchte daselbst viele Familien und verschaffte mir Einsicht in ihre Lebensumstände.“ (a.a.O. Pos. 4629)

Es folgt ein Panoptikum des Elends der industriellen Revolution. Gerade wurde das Preußenjahr gefeiert: Doch im verlogenen Agenda-Deutschland von Schröder und Merkel ist kein Platz für die Erinnerung an diese Nachtseite von Preußens Gloria. Bettina von Arnim jedoch geht von Tür zu Tür und beschreibt die elende Lage der Menschen. Es handelt sich um keine soziologische Studie, wie beispielsweise Friedrich Engels „Die Lage der arbeitenden Klassen in England“, sondern um eine grandiose literarische Verdichtung der Wirklichkeit. Um ein Stück vergessener deutscher Literaturgeschichte des 19.Jahrhunderts, die sich eben nicht in Naturlyrik und Biedermeier erschöpft. Noch ein Beispiel:

“Fünf seiner Kinder starben an den Pocken, und während sie krank waren, fehlte es ihm an Arbeit. Von niemandem unterstützt, geriet er dadurch so in Schulden, daß er mehrmals aus dem Hause geworfen werden sollte. Er verkaufte Hausgeräte und Kleider und ist jetzt so entblößt von allem, daß er nicht einmal ein Hemd besitzt. Durch Arbeit kann er sich nicht wieder aufschwingen, weil es ihm an Leder fehlt und die Flickarbeit, die er den Leuten im Familienhause macht, schlecht bezahlt wird. Zudem hat er mit zwölf anderen Schustern, die am gleichen Orte wohnen, zu konkurrieren. Ich sah es selbst, wie seine Frau um Arbeit ausging und er unterdessen die Kinder hütete. Es war drei Uhr abends, und er hatte an demselben Tag erst zwei Silbergroschen verdient; den einen gab er wieder aus für Zwirn, für den andern kaufte er Brot. Das Kleine fing an, vor Hunger zu weinen.” (a.a.O. Pos.4676)

Siehe auch: Sara Paretsky: Globalisierung in Chicago.


MYTHUXS

Mittwoch, 06. März 2013 von Ulli

Ein neues E-Book veröffentlicht, Teil I eines auf zwei Bände angelegten und in Berlin spielenden Soziopathenkrimis. Ein Sturm zieht auf:

“In einer Schule in Schöneberg wird ein Lehrer mit Dutzenden Messerstichen niedergemetzelt. Die Kriminalpolizei nimmt die Ermittlungen auf. Dann werden in Kreuzberg mehrere Menschen regelrecht hingerichtet. Nun deuten alle Indizien deuten auf einen Täter aus dem organisierten Verbrechen hin… Doch die Wahrheit sieht ganz anders aus: Der Killer tötet aus persönlichen Motiven. Er mordet, um sich selbst zu finden. Er steigert sich in einen Blutrausch. Aus dem Kellergewölbe der Leistungs- und Wohlstandsgesellschaft ertönt eine schwarze Stimme…”

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Probelesen und bestellen bei amazon.

 


Merkwürdige & schicke Polizeifahrzeuge

Dienstag, 19. Februar 2013 von Ulli

Ein Eisfahrzeug des New York City Police Departements (NYPD):

 

Erinnert ans feuerrote Spielmobil?

 

In den fünfziger Jahren war alles am Besten?

 

siehe auch: Schnittige Polizeifahrzeuge.


RED STAR WESTERN

Dienstag, 30. Oktober 2012 von Ulli

Endlich erschienen – Das E-Book “Handel auf eigene Faust”.

Den Anfang Probelesen und dann Herunterladen bei amazon.


Ein gekonnter Griff in den Werkzeugkasten des Krimischreibers – Über Andrea Camilleris „Die Passion des stillen Rächers“.

Dienstag, 09. Oktober 2012 von Ulli

Schon der Titel klingt toll, im Italienischen noch besser :„La Pazienza del Ragno“, also „Die Geduld der Spinne“. Es geht gleich existentiell los: Commissario Montalbano wird angeschossen und verletzt, und zudem finden die Ärzte heraus, dass sein Herz nicht mehr in Ordnung ist. Gottseidank folgt nun aber kein Krankenhausdrama, ganz so schlimm ist die Herzerkrankung doch nicht – der Serienheld wird eben alt und der Tod zwinkert schon mal aus der Ferne – und der Commissario wird zur Genesung nach Hause entlassen. Aus Mailand reist seine Freundin Livia an, um ihn zu betuteln, Anlass zu allerlei ironischem Schabernack: So streikt die eifersüchtige Haushälterin und Köchin…

Es gibt auch einen Kriminalfall: Eine junge Frau, Susanna Mistretta, wird entführt. Montalbano lernt ihre Familie kennen: Ihren verarmten Vater; ihre an Traurigkeit und Enttäuschung sterbende Mutter; ihren Onkel, einen Arzt, der die Sterbende pflegt; ihren Freund, der selbst Polizist werden will; und vom Hörensagen ihren zweiten Onkel, einen Geschäftsmann mit Mafiaverbindungen, den Bruder der Sterbenden, der seine Schwester in den Tod trieb, indem er ihren Mann betrog und ruinierte.

(weiterlesen …)


“Berliner Macht”

Freitag, 08. Juni 2012 von Ulli

“Die Wohnung war vollkommen verwahrlost. Der Flur sah aus wie der Lagerraum eines wahnsinnig gewordenen Altwarenhändlers. Zu beiden Seiten stapelten sich Gerümpel und Trödel: billigstes Geschirr auf wackligen Regalen, dazwischen rostiges Werkzeug, daneben Blumentöpfe, in denen sich noch vertrocknete Erde befand, außerdem ein uralter Radioapparat, Dutzende von schreiend bunten Plastiksparschweinen, ein wackliges Beistelltisch­chen. Große Pakete mit preiswertem Duschgel lagerten neben hohen Stapeln von Billigseife und an der Wand lehnten Teile eines Wohnzimmerschranks, ein verbeulter Autoreifen und drei rostige Gartenstühle. Halb zerrissene Kartons und blaue Müllsäcke türmten sich bis zur Decke…

“Der Tote lag im Wohnzimmer vor einem riesigen Fernsehgerät. Er trug Militaryhosen und ein grünes T-Shirt mit dem Aufdruck Super Trouper. Der Mann lag auf der Seite, seine Hände waren auf dem Rücken mit Klebeband gefesselt und sein Kopf steckte in einer blauen Plastiktüte. Der Körper war deutlich in den Zustand der Verwesung über­gegangen und der Bauch vom Leichengas in bizarrer Weise aufgebläht. Über dem Toten schwirrte ein dichter Schwarm winziger Fliegen. Obwohl beide Fenster weit offen standen, war der süßliche, Übelkeit erregende Leichengestank kaum zu ertragen..

siehe auch: Lektüreprobe “Berliner Macht”.

bestellen bei: amazon oder direkt beim Verlag.


Sätze wie von einer bekifften Elektrogitarre gespielt

Sonntag, 11. März 2012 von Ulli

Willkommen in der Postmoderne! Zu Jonathan Lethems grandioser Satire „Chronic City“.

Die Sprache mäandert ähnlich abgedreht durch die Seiten des Buches wie die Personen durch die Handlung. Wenn Lou Reed schreiben würde, würde es womöglich so ähnlich klingen. Was soll man von diesem Personal halten? Chase Insteadman hat sein Geld als Kinderstar in diversen TV-Serien gemacht und lebt als eine Art schwerreicher Jungrentner in New York. Seine Verlobte heißt Janice Trumball, ist Astronautin, doch mit ihrem Schiff irgendwie in ein chinesisches Minenfeld geraten (ein Weltkrieg scheint zu toben) und schwebt nun sinnlos im All. Ähnlich ziellos gondelt Insteadman durch ein futuristisches Manhattan der Superreichen. Dabei trifft er auf Perkus Tooth, einen ehemaligen Rock- und Kulturkritiker, ein kontinuierlich bekifftes Fossil aus den damals irgendwie noch aufklärerischen Achtziger Jahren, der – ebenfalls ganz losgelöst von Raum und Zeit – in seiner mietpreisgebundenen Wohnung sitzt und in einer Art Sprechdurchfall die kulturelle Semantik einer durchgeknallten Zivilisation zu dechiffrieren sucht. Mit von der Partie sind beispielsweise noch der Karrierist Richard Abneg, der als Hausbesitzer anfing und als rechte Hand des schwerreichen Bürgermeisters endete (sozusagen der Joschka Fischer des Romans) und seine reiche Freundin Georgina Hawkmanaji, genannt Frau Habichtmann, aber auch – ihrer Körperform wegen – Straußenfrau. Allerlei Tiere spielen eine Rolle, Adler, ebenso ein entlaufener Tiger, der ganze Häuser zum Einsturz bringt, und eine dreibeinige Kampfhunddame. Unter anderem beschäftigt man sich mit Caldronen, das sind Fantasy-Grale, die bei E-Bay angeboten werden, hinter denen die Protagonisten aber zunächst ähnlich erfolglos her jagen wie die Tafelritter früherer Jahrhunderte hinter ihren Gralen. Dieses New York schwebt in einer zur Ewigkeit aufgeblasenen Gegenwart. Die Hölle. Vergangenheit und Zukunft existieren nicht mehr. Mit Bob Dylan könnte zusammenfassen: There is no way out of here, said the joker to the thief…(Bob Dylan, All along the watchtower).

Die Dinge und Gedanken kommen aber in Bewegung, als Biller, ein Obdachloser, der in Perkus Tooth Hinterhof haust, plötzlich Geld macht. Schon seit einiger Zeit hat er immer auf seinem Notebook geschrieben. Nun offenbart er: Er hat in Yet Another World, einer computersimulierten Realität, gute Geschäfte gemacht:

Es sei diese Unendlichkeit möglicher Identitäten und Umgebungen, die totale und endlose Erweiterbarbeit von Yet Another World, die ihre Großartigkeit ausmache. Sonderlinge und Avantgardisten konnten Viertel errichten, die auf ihre Weise genauso solide waren wie die der Vorstädter – Königreiche des Naturtausches, des Dada oder der Vergewaltigung, Trutzburgen des Chaos. Erwachsene gaben sich als Kinder aus, Männer als Frauen und so weiter. Andere entwarfen nichtmenschliche Identitäten, Gorgonen, flanierende Penise, pornofizierte Gnuppets. (Jonathan Lethem, Chronic City, Stuttgart, 2011, Tropen Verlag, S.238f)

Willkommen in der Postmoderne. Anything goes. Perkus Tooth ist von der Idee der simulierten Realitäten fasziniert. Doch dann ersteigt ein naheliegender Gedanke aus dem Wirrwarr: Wenn Yet Another World am Rechner simuliert wurde, wie steht es dann mit der Realität, in der die Protagonisten leben? Zwischen Subjekt und Objekt klafft schon immer eine letztlich unüberbrückbare Kluft. Gauckelt dir dein Gehirn nur Bilder und Phantasmen vor? Oder gibt es tatsächlich eine Wirklichkeit jenseits deiner Gedankenwelt? Ist man selbst ein Mensch oder ein Avatar? Perkus bringt es auf den Punkt: Es ist allgemein bekannt, dass wir in einer gigantischen Computersimulation leben könnten, ohne es zu wissen. Das hat die Wissenschaft schon vor Jahrzehnten festgestellt, Herrgott..“ (a.a.0. S.242)

real oder digital?

Früher einmal dachten Philosophen, ihre Gegenwart sei ein Durchgangsstadium zu einer bessereren und vernünftigeren Welt. Tooth dagegen steigert sich in die Idee, in der falschen Simulation von Wirklichkeit gelandet zu sein. Diese Vorstellung hat Charme. Denn Wirklichkeit ist ein emphatischer Begriff: Der Philosoph Hegel etwa beschrieb das Wirkliche als das Vernünftige. Doch davon kann in diesem Roman (und nicht nur da) wahrhaft keine Rede mehr sein. Der ganze Irrsinn kann eigentlich nur von einem durchgeknallten Softwarespezialisten erdacht sein.

Aber so einfach ist es dann doch nicht. Bei Perkus Tooth, der nach einem Anschlag des Tigers auf sein Wohnhaus im Hundeasyl untergekommen ist, eskaliert der Sprechdurchfall zu einem in der Tendenz tödlichen Dauerschluckauf. Er erfaselt das Paradox postmoderner Gesellschaften: Die Realität und ihre medialen Verdopplungen können nicht mehr geschieden werden und alles geht in alles über: Alles ist Trug, und der Trug ist nicht mehr zu durchschauen, weil er mit der Realität verschmilzt. Ein Traum, was sonst? (Heinrich von Kleist, Prinz Friedrich von Homburg, letzter Akt, letzter Auftritt).

Das war der Punkt, auf den Perkus hinauswollte: die schlummernden Millionen, die den Schleier des Traums nicht durchbrachen oder auch nur lupften…Die einzige Verschwörung sei die Verschwörung als Ablenkungsmanöver. Die Verschwörer: Wir selbst. Wenn ich dieses Gesetz der Komplizenschaft nicht verstehen würde, solle ich zurück auf Los gehen und von vorn anfangen.“ (a.a.0. S.411)

Man lese dieses herausragende Buch. Erstens ist es wahrhaft unterhaltend und witzig. Zweitens schreibt Jonathan Lethem die Realität nicht zurück in die heile Welt des konservativen Erzählens. Deswegen ist er nicht sehr bekannt beim spießigen deutschen Bildungsbürgertum. Deswegen ist ihm aber eine tolle Satire auf eine aus den Fugen geratene Wirklichkeit gelungen.

siehe auch: Gentrifizierung in New York City, zu Richard Price herausragendem Roman Cash


Coole Polizeifahrzeuge

Samstag, 24. Dezember 2011 von Ulli

Heute: Italien und Berlin.


Ein Fahrzeug der italienischen Policia Municipale, zusammen mit einem Beauty-Car, in dem Städtchen Trani, Apulien.

Und mit solchen coolen Käfern kurvte die Polizei in den Sechzigern durch West-Berlin.

siehe  zu Weihnachten ebenfalls: Schnittige Polizeifahrzeuge, und: Interessante Polizeiboote.


Über die Erzählperspektive

Samstag, 03. Dezember 2011 von Ulli

Richard Powers beschreibt in seinem Roman „Der Klang der Zeit“ eine Familie in New York: Der Vater ist ein emigrierter österreichischer Jude, der als Physiker arbeitet, die Mutter eine Farbige aus Philadelphia, die Kinder sind halbfarbige Halbjuden. Alle sind sehr musikalisch und musizieren immer und einer der Söhne macht denn auch eine große Karriere. Powers erzählt von marginalisierten, sozial ausgegrenzten Menschen, die aus ihrem Leben etwas – in vielerlei Wortsinn- Fantastisches machen.

Grass erzählt seine „Blechtrommel“ aus der Perspektive des Gnoms Oskar Matzerath. Böll schrieb immer aus der Perspektive der Opfer. Johnsons „Jahrestage“ sind ganz sicher „Geschichtsschreibung von unten“. Auch Peter Handkes Bücher gewinnen ihre Qualität nicht nur durch ihre herausragende Sprache. Ihre Helden laborieren an dem heutzutage aus dem öffentlichen Bewusstsein völlig verdrängten Gegensatz zwischen Individuum und Gesellschaft: Sei es der Autor, der ganz alleine in seiner Pariser „Niemandsbucht“ lebt, sei es der Salzburger Apotheker, der alles stehen und liegen lässt und auf die Reise geht, sei es die Bankerfrau, die mit dem „Bildverlust“ die Kraft verliert, sich in ihr Leben zu integrieren.

So fangen alle Märchen an: Aschenputtel war einsam und verlassen…Hänsel und Gretel gingen in den Wald und gerieten in große Gefahr…

Demgegenüber erscheint die deutsche Gegenwartsliteratur wie das kulturelle Pendant zur FDP. Es spricht die saturierte Mittelschicht, es schreiben die Gewinner der Globalisierung. Hier ist niemand einsam und verlassen und es gerät auch keiner in Gefahr. Junge Autoren, im Wohlstand aufgewachsen, scheinbar von Natur aus auf der Gewinnerseite des Lebens positioniert, von Eltern und Lehrern gepampert, versehen mit einem endlos gestreicheltem Narzismus, jederzeit von allen Seiten in der Ansicht bestärkt, die Verlierer und Schwachen seien selbst schuld an ihrer Lage, seien Penner und Spinner, auf alle Fälle vollkommen uninteressant, mit creative writing technisch gestärkt, schreiben Bücher, die irgendwie witzig sind, damit sie beim Kunden ankommen. Manche erzählen auch davon, wie schlecht es der Mittelschicht ging, als sie noch unter der DDR-Knute darbte. Die Bessereren schildern immerhin, dass das Leben im ausweglosen Wohlstand trotz des für später erwarteten „Sommerhauses“ unter dem Strich frustriert. Die Sprachkünstler verirren sich in Manierismus: Ein Journalist erlebt mit einer schönen Meeresbiologin an der Adria „die große Liebe“, aber da der Autor kein schmutziges Wort in den Computer nehmen mag, beschreibt er die erotische Verzückung mit der Wohlstandsmetaphorik von teuren Restaurantbesuchen…

Siehe auch: Endlich ein brauchbares Weihnachtsgeschenk.


 

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