berliner mord & totschlag

Über die Ursprünge des deutschen Desasters – Zu Theodor Fontanes Roman „Irrungen und Wirrungen“.

Über die Folgen der gescheiterten bürgerlichen Revolution in Deutschland:

Fontanes „Irrungen und Wirrungen“ war seinerzeit ein echter Skandalroman. Beschreibt er doch die Geschichte einer Liebe über die Standes- und Klassengrenzen hinweg, die im Preußen der 1870er Jahre ziemlich rigoros waren: Baron Botho von Rienäcker und die kleinbürgerliche (arme) Schneidermamsel Lene Nimptsch verbindet eine tiefe und schöne Liebesbeziehung. Höhepunkt ihrer Liebe ist ein gemeinsamer Ausflug in Richtung Spreewald, bei dem sie sogar die Nacht miteinander verbringen. Fontane lässt keinen Zweifel daran, dass es für beide die große Liebe ihres Lebens ist.

Aber natürlich scheitern sie. Schon als einige adlige Standesgenossen während des Ausfluges auftauchen, ist der Zauber dahin. Zudem befindet sich das Gut der Familie Rienäcker in einer massiven finanziellen Schieflage. Botho sieht sich deshalb zu einer Geldheirat mit seiner reichen Cousine Käthe von Sellenthin gezwungen. Käthe, hübsch und strohblond, würde man heute wohl als oberflächliche Tussi bezeichnen: Immer gut drauf besteht ihre wichtigste Handlung im Roman in einer Kur in Schlangenbad unweit des mondänen Wiesbaden. Auch Lene heiratet: Ihr Nachbar Gideon Franke ist zwar ein solider Mensch, aber halt auch ein protestantischer Eiferer, dem während eines Treffens mit Rienäcker nicht mehr einfällt, als in eine protestantische Predigersuada zu verfallen.

Aber warum halten Lene und Botho nicht an ihrer Liebe fest? Während eines Ausritts überlegt Botho sich folgendes:

Es liegt nicht in mir, die Welt herauszufordern und ihr und ihren Vorurteilen öffentlich den Krieg zu erklären; ich bin durchaus gegen solche Donquixoterien… Arbeit und täglich Brot und Ordnung. Wenn unsere märkischen Leute sich verheiraten, so reden sie nicht von Leidenschaft und Liebe, sie sagen nur: ‚Ich muss doch meine Ordnung haben.‘ Und das ist ein schöner Zug im Leben unseres Volks und nicht einmal prosaisch. Denn Ordnung ist viel und mitunter alles. Und nun frag ich mich: War mein Leben in der Ordnung? Nein…“ (Irrungen und Wirrungen, in Theodor Fontane, Romane, Berlin, 1985, S.86,87)

Lene sieht die Sache so:

Wenn man schön geträumt hat, so muss man Gott dafür danken und darf nicht klagen, dass der Traum aufhört und die Wirklichkeit wieder anfängt. Jetzt ist es schwer, aber es vergisst sich alles, oder gewinnt wieder ein freundliches Gesicht. Und eines Tages bist du wieder glücklich und vielleicht ich auch.“ (a.a.O.,S.90)

Und als ein Standesgenosse, der ebenfalls eine nicht standesgemäße Liebesaffäre unterhält, von Rienäcker auf dieses Problem anspricht, macht der ihm unmissverständlich klar, dass er sich schleunigst von Geliebten trennen und sich den bürgerlichen Regeln unterwerfen solle: Alles andere ende zwangsläufig in Elend und Verzweiflung. (a.a.O.,S.138ff)

Welch ein Widerspruch etwa zum Gefühlschaos und zum Selbstmord von Goethes „Werther“ oder zum wilden Überschwang der Romantik! Aber wie konnten sich die Denkmuster in Deutschland innerhalb weniger Jahrzehnte so radikal verändern? Sehen wir uns Fontanes Biographie an: Als junger Mann ein begeisterter Verfechter der demokratischen Bestrebungen des Vormärz, kämpfte er 1848 sogar in Berlin auf den Barrikaden (wenn angeblich auch nur, wie er später seinem reaktionären Publikum gegenüber behauptete, mit einem Theatergewehr bewaffnet). Nach dem Scheitern der Revolution verbrachte er lange Jahre in England, bis er schließlich nach Preußen zurückkehrte. Seine großen Romane schrieb er als alter Mann, als er die Sechzig bereits überschritten hatte. 1871 war es mit der Kaiserkrönung im Spiegelsaal von Versailles doch noch zur Einheit Deutschlands gekommen – allerdings nicht unter den Vorzeichen der bürgerlichen Demokratie, sondern waffenklirrend und unter der Hegemonie des autoritären Preußen. Und mit der nun in deutschen Reich einsetzenden industriellen Revolution wurde das Land zu einer der führenden und reichsten Industrienationen der Welt. Wohlstand machte sich breit – allerdings keine Demokratie und nicht das freiheitliche westliche Gesellschaftsmodell.

Die nationalstaatliche Emanzipation verband sich in Deutschland nicht mit den Werten von „Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit“, sondern mit bizarren Großmachtsphantasien und einem Glauben an stetig wachsenden Wohlstand. Ein Blick auf die weitere Geschichte zeigt: Die sozialpsychologischen Folgen der gescheiterten bürgerlichen Revolution und der folgenden autoritären politischen Entwicklungen waren verheerend. Sie wirken fort bis heute. Bereits Fontane beschreibt ein Land im gänzlich verspießerten Biedermeier und ein Volk von unpolitischen Duckmäusern: Anpassung an die gegebenen Verhältnisse und Sitten bringt bürgerlichen Wohlstand und ein Leben in Ordnung und Sicherheit, jeder Widerspruch dagegen das Verhängnis. Nicht die freie Entfaltung des Einzelnen steht im Zentrum der deutschen politischen Kultur, sondern die Integration in die gegebene soziale Ordnung. Fontanes Figuren sind sympathische Leute, doch ihre Konsequenz ist der von Heinrich Mann im Roman „Der Untertan“ beschriebene Diederich Heßling: Ein zutiefst unpolitischer und autoritärer Mitläufer und Konformist, ein bösartiger Typus, der nach unten tritt und nach oben buckelt, in der Tat der Archetypus des deutschen Wohlstandsspießers und Untertanen.

So erscheint Fontanes Roman erschreckend aktuell und seine Duckmäuser verweisen direkt auf die deutschen Katastrophen des 20.Jahrhunderts: Ein Volk von Mitläufern und Untertanen rannte begeistert hinter jedem großspurigen Verrückten und Massenmörder her, seien es Wilhelm II, seien es die Nazis, wenn sie nur für „Ordnung“, nationale Größe und einen gewissen Wohlstand standen. In anderen europäischen Ländern gab es eine breite Widerstandsbewegung gegen die Nazi-Diktatur, doch in Deutschland rechnete man noch 1945 mit der „Wunderwaffe“ und wurden selbst wenige Stunden bevor die Alliierten eine Stadt befreiten allerorten angebliche „Verräter“ gehängt. Und heute sieht ein Volk von tiefensedierten Wohlstandsspießern mit kaltem Herzen den Griechen beim Verrecken im Elend zu, den Flüchtlingen beim Ertrinken im Mittelmeer oder – im eigenen Land – den Hartz IV Empfängern oder Geringverdienern in ihrer perspektivlosen Armut – persönlicher Wohlstand und Ordnung sind ja garantiert und die Regierung (80% Parlamentsmehrheit) kann mit breiter Zustimmung rechnen.

Dieser Beitrag wurde am Samstag, 08. August 2015 um 18:08 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Allgemein, rezensionen & textanalysen abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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