berliner mord & totschlag

Heinrich von Kleist und das preußische Desaster

Bekanntlich nahm der Staat Preußen ein böses Ende: Nach dem zweiten Weltkrieg wurde er von den allierten Siegermächten wegen seines Militarismus verboten. Und die preußische Adelskaste landete bis auf wenige Ausnahmen buchstäblich auf dem Kehrrichthaufen der Geschichte: Als Hitlers getreue Offiziere führte der preußische Adel die deutsche Wehrmacht bis nach Stalingrad und Kreta, bis zum Nordkap und in den Kaukasus und schließlich in den Untergang.

Heinrich von Kleist wurde 1777 in Frankfurt/Oder geboren und starb 1811 durch Selbstmord in Berlin. Er lebte in einer Zeit grundlegender Umbrüche, in der von Frankreich aus ein Sturm über Europa ging. Auch das alte, durch den aufgeklärten Absolutismus Friedrichs des Großen geprägte Preußen, wandelte sich damals zu einem Staat der bürgerlichen Moderne. Man muss sich vor Augen halten, dass Kleist am Puls seiner Zeit lebte: In die preußische Adelsklasse hineingeboren, nahm er als Kindersoldat an den Kriegen gegen das revolutionäre Frankreich teil und lebte er dann als junger Offizier in Potsdam, damals eine der modernsten Städte des Kontinents. Er ging längere Zeit nach Paris und in die Schweiz, wo er eine Art dichtender Aussteiger war. Zugleich verfolgte er mit heißem Herzen den Aufstieg Napoleons und den Niedergang Preußens. Nach der Niederlage von Jena und Auerstedt hatte er als preußischer Beamter in Königsberg Kontakt zum Kreis der Reformer um den Freiherrn vom Stein und Karl August von Hardenberg. Wieder in Berlin lebte er im Zentrum der historischen Entwicklungen, er gab sogar eine eigene Zeitung heraus. Und Kleist war sich der rasanten Zeitläufe bewusst: Die Zeit scheint eine neue Ordnung der Dinge herbeiführen zu wollen, und wir werden davon nichts, als bloß den Umsturz der alten erleben. (Brief an Pfuel, August 1806, zitiert nach: Peter Michalzig, Kleist – Dichter, Krieger, Seelensucher, Berlin, 2011, S.269)

Trotz, oder gerade auch wegen dieses pessimistischen Tons entwarf Kleist in seinen Theaterstücken und Novellen nahezu prophetische Ausblicke auf die Aporien der heraufziehenden bürgerlichen Moderne. Man kann an die Hybris des Michael Kohlhaas erinnern, an den Geschlechterkampf der Phentesilea, an die bis dahin ungelesene Ästhetisierung der Gewalt an vielen Stellen seines Werkes oder an die totalitäre Vernichtungswut der Hermannsschlacht. Wie also konzipiert Kleist die Moderne? Was macht seine grandiose Besonderheit aus?

Schloss Neuhardenberg, Märkisch-Oderland, Brandenburg

Kleists Biograph Michalzig weist darauf hin, dass er mit seinem Denken seiner Zeit so weit voraus war, dass ihm häufig die richtigen Begriffe fehlten. So spricht Kleist von „Bildung“, meint jedoch nichts anderes als eine radikale Selbstentfaltung des Individuums (a.a.O. S.11). Im Michael Kohlhaas, der wegen einer vergleichsweise kleinen Kränkung (es geht um ein paar Pferde, die ihm beim Grenzübertritt nach Sachsen willkürlich weggenommen werden) völlig außer Rand und Band gerät (es fängt einen blutigen Bürgerkrieg an und brennt ohne jede Hemmung die Stadt Wittenberg nieder), demonstriert er die Hybris eines scheinbar ganz auf sich selbst gestellten und nur sich selbst gegenüber verantwortlichen Individuums. So ist die Novelle eine der hellsichtigsten Analysen des modernen Terrorismus – ein intellektuell und emotional ausgesprochen mittelmäßiger Zeitgenosse glaubt sich aus der Gemeinschaft des Staates…verstoßen (Kleist, Michael Kohlhaas) und nimmt Recht und Gewalt in seine eigene Hand. Gänzlich in seine Raserei verstrickt unterzeichnet er mit: gegeben auf dem Sitz unserer provisorischen Weltregierung.

Für die andere Seite der bürgerlichen Modernisierung, für die Herausbildung demokratischer und rechtsstaatlicher Institutionen, ist Kleist nämlich weitgehend blind. Das ist kein Wunder, denn in Preußen gab es diese Institutionen ja auch nicht. Nachdem Kohlhaas seine Pferde weggenommen wurden, versucht er es zuerst mit Eingaben beim preußischen Kurfürsten, doch gegen die feudale Günstlingswirtschaft kommt er nicht an. Seine geliebte Frau wird von einem Soldaten in einem Unglück getötet und auch hier greift kein bürgerliches Recht. Kleist kannte zwar Frankreich, nahm dort aber nur das Chaos der Revolution war. Mit dem rechtsstaatlichen Großbritannien oder den neu gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika hat er sich nicht beschäftigt. In der Herrmannschlacht, einer Art Propagandastück gedacht für den preußischen Befreiungskampf gegen Napoleon, entwirft Kleist seine Definition von Freiheit: Es soll eine Art totaler Guerillakrieg geführt werden und Hermann fragt: wollt ihr…verheeren eure Fluren, eure Herden erschlagen, eure Plätze niederbrennen (Kleist, Herrmannschlacht, I.Akt, 3.Auftritt). Die Germanen sind entsetzt: Das eben, Rasender, ist es ja, was wir verteidigen wollen. (a.a.0.). Hermann antwortet cool: Nun denn, ich glaubte, eure Freiheit wärs. (a.a.0.) Man wird Kleist nicht zu nahe treten, wenn man sich hier an die Taliban erinnert fühlt. Mit unserem heutigen, rechtsstaatlichen Freiheitsbegriff hatten Kleist Fantasien nichts zu tun.

Meine These: Kleist Hellsichtigkeit gegenüber den Nachtseiten der Moderne, sein tiefes Verständnis von Terrorismus und Totalitarismus (Michalzik, S.375), gründen darin, dass er Modernisierung ausschließlich von der Emanzipation des Individuums her konzipiert. Die Entwicklung von Demokratie und Rechtsstaat kommt gar nicht vor. In seinen Werken läuft das durch gar nichts mehr regulierte Individuum in seiner eigenen Hybris Amok. Es sind die preußischen Prämissen seines Denkens – dass sich hier die bürgerliche Moderne im Zusammenspiel mit einem autoritären Staat entfaltete und Demokratie bedeutungslos war – , die seinen grandiosen Blick auf die Nachtseite der bürgerlichen Welt erst ermöglichten.

siehe auch: Heinrich von Kleist: Polizeibericht aus dem Charlottenburg des Jahres 1810.

Dieser Beitrag wurde am Montag, 12. September 2011 um 07:27 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Allgemein, rezensionen & textanalysen abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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