mord & totschlag

Empfehlenswerte Thriller: John Le Carre: “Verräter wie wir”

Mittwoch, 24. August 2011 von Ulli

John le Carre ist der Drei-Sterne-Koch unter den Thrillerautoren: er beherrscht vollkommen sein Handwerk, er versteht etwas von seinen Themen und er besitzt sogar eine moralische Haltung. Er ist also ein echter Ausnahmeschriftsteller. In Verräter wie wir geht es um das junge englische Middle-Class-Paar Gail und Perry; er ist Dozent in Oxford, sie Karriereanwältin in London; und beide haben sich etwas gespart und machen nun Urlaub in der Karibik. Dort lernen sie Dina kennen, einen russischen Oligarchen, der mit einem Tross von Kindern, Frauen, Bodyguards und anderen Leuten ebenfalls auf der Insel urlaubt. Doch Dina steht das Wasser bis zum Hals: Er ist einer der großen Finanzjongleure der russischen Mafia, und weil sich dort die Machtgewichte verschoben haben, ist er ins Abseits geraten und steht mit einem Bein im Grab. Er wendet sich an Perry und Gail, die einen Kontakt zum britischen Geheimdienst herstellen sollen: In seiner Angst will er überlaufen. Immerhin verfügt er über Unmengen an Informationen. Wieder in London nehmen die beiden Kontakt zum Secret Service auf. Sie erfahren, wie die russische Mafia, die sogenannten Diebe im Gesetz, nach dem Zusammenbruch der UdSSR das ganz große Rad zu drehen begann. Und sie erfahren, wie im globalisierten Kapitalismus eine Bande von Superreichen, Spitzenpolitikern und Mafiosi gemeinsame Geschäfte machen, die ihnen selbst Milliarden einbringen, für den Rest der Menschheit aber im günstigen Fall Armut und Elend, in schlechtesten Fall Vergewaltigung, Folter und Tod bedeuten. Dina soll in Paris überlaufen, wo er sich mit Perry und Gail bei einem internationalen Tennismatch treffen will. Le Carres Darstellung erinnert an Hitchcocks Antwort auf die Frage, wie lange ein Filmkuss wohl dauern könne: Stunden, wenn ich nur vorher eine Bombe unter dem Bett platziert habe. John LeCarre hat seine Bomben jedenfalls gekonnt platziert…

siehe auch: Richard Price – “Cash”

Neue Schauergeschichte

Samstag, 20. August 2011 von Ulli

Es waren nur Zeichen. Sie waren schlimm, aber sie verschwanden wieder. Viele Menschen hatten in den Nächten die blutigen Köpfe gesehen, grausam abgetrennt vom Rumpf, auch ich habe sie gesehen, doch am folgenden Tag waren sie verschwunden. Anzeigen bei der Polizei fruchteten nichts: Die Räume wurden durchsucht und Nichts Verdächtiges wurde gefunden. Was ging vor? War es die Mafia? Ein versprengter Überrest der Stasi? Gerüchte sagten,  ein millionenschwerer Lobbyistenverband betreibe im Hinterzimmer ein Studio, in dem Anhänger des bedingungslosen Grundeinkommens gefoltert und einer Gehirnwäsche unterzogen würden. Doch NICHTS wurde bewiesen. Aber alle wussten: Das BÖSE war mitten unter uns, es lebte und atmete in jenen einfachen und scheinbar so unscheinbaren Räumen…

siehe auch: Lektüreprobe “Berliner Macht.

Thriller aus naher Zukunft

Mittwoch, 03. August 2011 von Ulli

Die Nacht war hereingebrochen. Nur wenige Menschen waren noch in den Straßen unterwegs. Dann sah ich die beiden kommen. Geduldig. Verschlagen. Böse. Ich nahm meine Pistole aus ihrem Versteck und überprüfte das Magazin. Ich war auf der Flucht. Überall hallten die Lügenparolen wider: “Niemals ist es den Menschen besser gegangen”, oder auch “Wenn einem so viel Gutes widerfährt…”. Doch die Realität sah anders aus. Millionen lebten gerade noch am Rande des Existenzminimums, ohne Aussicht auf Besserung ihrer Lage stand ihnen das Wasser bis zum Hals. Ich hatte auf die

Situation von vielen Journalisten, Autoren und Übersetzern hingewiesen, die seit langem schon von ihren Jobs kaum leben konnten, während ihre Chefs im Geld schwammen. Zunächst hatten sie mich totschweigen wollen. Aber dann hatten sie doch ihre gefürchteten Häscher geschickt. Seit drei Tagen war ich nun auf der Flucht, ich hatte noch mein letztes Honorar, doch das reichte kaum für die nächsten vierundzwanzig Stunden. Meine Häscher dagegen verdienten an einem Tag so viel wie ich in zehn Wochen. Bezahlt wurden sie durch weitere Kürzungen bei Journalisten, Autoren und Übersetzern…

Siehe auch: “Berliner Macht”.

 

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