mord & totschlag

Gute Krimis: “Maigret, die Tänzerin und die Gräfin”

Montag, 18. Juli 2011 von Ulli

Georges Simenon beendete seinen Roman „Maigret au Picratt’s“ (dieser Titel ist wesentlich besser als der der deutschen Übersetzung) im Dezember 1950. In Paris hatte es geschneit: „Der Schnee gefiel ihm, weil er ihn an seine Kindheit erinnerte, aber er fragte sich, wie seine Frau ihn hier in Paris hübsch finden konnte, zumal an diesem Morgen. Der Himmel war noch verhangener als am Vortag, und das Weiß der Schneeflocken ließ das Schwarz der glänzenden Dächer noch schwärzer erscheinen, hob die traurigen und schmutzigen Farben der Häuser, die zweifelhafte Sauberkeit der Vorhänge in den meisten Fenstern noch deutlicher hervor.“ (Georges Simenon, „Maigret, die Tänzerin und die Gräfin“, Zürich, 1986, S. 101). Wie alle anderen Maigret-Romane beginnt auch diese Geschichte damit, dass die Dinge der Welt und des Lebens sich auf ihrem alltäglichen und krisenlosen Gleis bewegen, in der „normalen Routine“(a.a.O. S.5). Die Welt ist in ihrer Ordnung:

„Es war ein flauer Tag auf dem Montmarte. Justine (ein Streifenpolizist) hätte angeben können, in welcher Reihenfolge die meisten Nachtclubs geschlossen wurden…Die rote Schrift des „Picratt’s“ gehörte zu den wenigen des Viertels, die noch erleuchtet waren, und warf ihren Widerschein wie Blutlachen auf das nasse Pflaster.“ (a.a.O.S.5)

Doch in dieser Nacht verlaufen die Dinge anders: Die Stripteasetänzerin Arlette geht, nachdem das „Picratt“, der Club, in dem sie arbeitet, am frühen Morgen geschlossen hat, nicht einfach nach Hause, sondern läuft scheinbar ziellos durch das Viertel. Schließlich betritt sie die Polizeiwache und erzählt folgende Geschichte: Sie habe mit einem Gast in einem der Separees gesessen und zufällig gehört, wie zwei Männer am Nebentisch sich darüber unterhielten, dass eine Gräfin sterben müsse. Einer der beiden Männer habe auf den Namen Oscar gehört. Arlette wird zum Polizeipräsidium am Quai des Orfevres gebracht, wo Maigret sie kurz kennenlernt. Schließlich wird sie entlassen und einige Stunden später in ihrer Wohnung erwürgt aufgefunden:

„Das Ergreifendste ist immer irgendein lächerliches Detail, und in diesem Fall war für Maigret besonders beklemmend, dass das neben einem Fuß, der noch in einem hochhackigen Schuh steckte, ein unbeschuhter Fuß war, die Zehen unter einem Seidenstrumpf erkennbar, der mit Schlammspritzern übersät war, und eine Laufmasche, die an der Ferse begann und bis über das Knie hinaufreichte.“ (a.a.O. S.29)

Dann wird auch die Leiche einer Gräfin gefunden, einer rauschgiftsüchtigen, älteren Frau, die in ihren guten Zeiten gemeinsam mit ihrem Mann in einem großen Haus in Nizza gelebt hatte. Maigret ermittelt und verbringt zwei Abende im „Picratt“:

„Die Wände waren rot gestrichen, die Beleuchtung war in kräftigem Rosa gehalten, und in diesem Licht verloren die Dinge und Menschen etwas von ihrer Wirklichkeit. Man hatte den Eindruck – zumindest Maigret hatte ihn -, sich in der Dunkelkammer eines Fotografen zu befinden. Man brauchte einen Moment, um sich daran zu gewöhnen. Die Augen wirkten dunkler, glänzender, während die Umrisse der Lippen verschwanden, vom Licht verschluckt.“(a.a.O. S.89f)

Der Kommissar lernt sämtliche an diesem Fall beteiligten Personen kennen, ihre wechselseitigen Beziehungen, ihre Lebensumstände und -verhältnisse. Die Spuren führen zurück in die Vergangenheit der beiden erwürgten Frauen. Schließlich stellt Maigret eine Falle. Beim Show-Down kommt es zum Einsatz von Schusswaffen… „In dieser Nacht hatte Lapointe (ein Mitarbeiter Maigrets) seine erste Liebe begraben. Und seinen ersten Menschen getötet.“ (a.a.O. S.215)

Quai des Orfevres, Paris, Kommissar Maigrets Präsidium, 60 Jahre später

Ein Wort zu den Getränken: Auch in diesem Roman erweist Maigret sich als geübter Kampftrinker. Am ersten Tag der Ermittlungen trinkt er etliche Biere und am Abend abwechselnd Cognac und Champagner. Nichtsdestoweniger leert er am folgenden Morgen im Büro ein Bier „auf einen langen Zug“ (a.a.O. S.145), trinkt „unterwegs…noch zwei Bier“ (a.a.O. S.151), und später in der „Brasserie Dauphine“ hinter dem Quai des Orfevres „ein Glas Cognac“(a.a.O. S.171) und immer so weiter: „Der Kater war verschwunden, aber ihm schwante, dass er am nächsten Morgen einen neuen haben würde.“ (a.a..O. S.171).

Wie stellt Simenon seine Romanpersonen und die Stadt Paris dar?

Arlette ist eine echte Sexbombe: Sie arbeitet als Burlesketänzerin und steht am Ende ihrer Show splitternackt auf der Bühne, zudem hat sie sich – Anfang der 50er Jahre – die Schamhaare rasiert. Der Chef des „Picrat“ charakterisiert sie: „Ich habe Frauen von fünfunddreißig und vierzig Jahren erlebt, meist so verrückte Luder, denen es Vergnügen machte, die Männer scharf zu machen. Oder blutjunge Mädchen, die mit dem Feuer spielten. Aber nie eine wie Arlette, nie eine, die es mit solcher Leidenschaft machte.“ (a.a.O. S.177). Dennoch unterscheidet diese Figur sich vollkommen von den kalten und klischeehaften Sexbomben, die viele Krimis jener Jahre bevölkern. Es war Simenons großes Können, mit Warmherzigkeit sehr menschlich wirkende Figuren in seine Romane zu zaubern und dort handeln zu lassen: Arlettes Erotik erscheint so als Teil ihres Charakters und nicht umgekehrt. Der Leser erfährt, dass sie anscheinend aus gutbürgerlichen Kreisen stammte, in Paris unter falschem Namen lebte und dass ihre erotische Kraft eine dunkle Kehrseite in einer destruktiven Beziehung von sexueller Abhängigkeit hatte. In diesem Zusammenhang ist es interessant, wie Simenon Paris darstellt: Zeitgeschichtliche Ereignisse spielen keinerlei Rolle, noch nicht einmal der Zweite Weltkrieg und die Besetzung und Befreiung der Stadt werden in den Maigretromanen erwähnt. Stattdessen stilisiert er das Paris und die ganz normalen Leute seiner Zeit zu einer ahistorischen Bühne des Allgemein Menschlichen. Seine Personen werden angetrieben von ihren überzeitlich menschlichen Bedürfnissen und Wünschen, von ihren dunklen und hellen Emotionen, von Gefühlen, Verstrickungen und Wirrungen, wie sie die Menschen zu allen Zeiten und in allen Weltteilen kennzeichnen: Simenon entfaltet nicht weniger als eine comedie humaine in kriminalistischer Form.

siehe auch: Sara Paretsky – Globalisierung in Chicago

 

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