Vor genau 107 Jahren, am 16.Juni.1904, spielt der Ulysses von James Joyce, ohne Zweifel eine der bedeutendsten epischen Dichtungen überhaupt, zudem ein herausragendes Werk der klassischen Moderne. In seinem Text lehnt Joyce sich an Konstruktion und Geschichte von Homers Epos an: Dem homerischen Odysseus entspricht der Dubliner Werbekaufmann Leopold Bloom, der Penelope seine Frau Molly und dem Telemachos der junge Stephan Dedalus, der bereits im „Porträt des Künstlers als junger Mann“ in Erscheinung tritt. Ulysses beginnt wie das Homer’sche Vorbild mit den Geschicken des Sohnes Stephen und beschreibt dann die Odyssee Leopold Blooms durch die Stadt Dublin. Er startet am frühen Morgen und endet spät in der Nacht.
Tatsächlich begann der Ire Joyce, der im selbstgewählten Exil in Rom, Triest und Zürich lebte, seinen Roman, um sich an einigen Menschen in Dublin zu rächen. Er fühlte sich übel behandelt und wollte seine Gegner gnadenlos bloßstellen, in seinen Briefen wimmelt es von entsprechenden Drohungen. Doch im Lauf der Jahre und unter der hellen Sonne des Mittelmeers wandelte sich alles: Ulysses, abgeschlossen während des Ersten Weltkriegs, wurde zu einer Utopie der Moderne und des 20.Jahrhunderts.
Am 16.Juni.1904 lernte Joyce übrigens seine spätere Frau Nora kennen. Für Zahlenspielerei und Zahlenmystik hatte der geniale Savant Joyce einen großen Sinn. Der Roman kann in drei große Teile gegliedert werden. Das erste Kapitel eines solchen Teils ist stets in realistischer Manier geschrieben:
Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen. Ein gelber Schlafrock mit offenem Gürtel bauschte sich leicht hinter ihm in der milden Morgenluft. (James Joyce, Ulysses, Frankfurt, 1975, S.7)
Nur dann und wann sind Gedankensplitter der Hauptperson eingebettet. Dieser innere Monolog nimmt dann immer mehr Raum ein. Das letzte Kapitel eines solchen Hauptteils präsentiert nur noch einen großen, an die phänomenologische Philosophie Edmund Husserls, gemahnenden Bewusstseinstrom:
Unausweichliche Modalität des Sichtbaren: zum mindesten dies, wenn nicht mehr, gedacht durch meine Augen. Die Handschrift aller Dinge bin ich hier zu lesen, Seelaich und Seetang, die nahende Flut, den rostigen Stiefel dort. Rotzgrün, Blausilber und Rost: gefärbte Zeichen… (a.a.O. S.53)
Zudem teilt der Ulysses sich auch in zwei Hälften. Genau zur Mitte des Textes nämlich geht Blooms Frau Molly, anders als Odysseus Penelope, fremd. Nicht nur Bloom dreht bei dieser Vorstellung ein bisschen durch, die Sprache des Romans selbst scheint zu explodieren. Sie benimmt sich so ähnlich wie die Farbe in den Bildern Vincent van Goghs: Die Emanzipation der Form gegenüber dem Inhalt zu einem autonomen Ausdrucksmittel ist eine Essenz der modernen Kunst.
Von all dem sollte man sich aber nicht beirren lassen. Am besten beginnt man die Lektüre nicht am Anfang des Buches, sondern mit Kapitel IV, mit dem ersten Auftreten von Leopold Bloom. Bloom, der nahezu ununterbrochen an Sex und an Essen denkt, ist ein mit großem Humor begabter Mensch (Nora Joyce berichtete, dass ihr Mann bei der Niederschrift des Ulysses laufend über seine eigenen Witze lachte) und die Lektüre seines Tages ein einziges Vergnügen. Das Kapitel fängt damit an, dass Mr. Bloom für sich und seine Gattin Frühstück zubereitet. Das erste Lebewesen, mit dem er es zu tun hat, ist seine Katze:
Eiskalt waren Licht und Luft in der Küche, doch draußen überall linder Sommermorgen…
- Mkgnau!
- Ah, da bist du ja, sagte Mr. Bloom, sich vom Feuer wendend.
Die Katze maunzte eine Antwort und stakte wieder steif um ein Tischbein, maunzend. Just wie sie über meinen Schreibtisch stakt. Prr. Kraul mir den Kopf. Prr.
Mr. Bloom beobachtete neugierig, freundlich, die geschmeidige Gestalt. Sauberer Anblick: der Glanz ihres glatten Fells, der weiße Knubbel unter dem Knauf ihres Schwanzes, die grünen blitzenden Augen. Er bückte sich zu ihr hinab, die Hände auf den Knien.
- Milch für das Pussilein, sagte er.
- Mrkgnau! schrie die Katze. (a.a.O. S.77)
Also: Man schmeiße die üblichen Bestseller weit von sich und lese lieber James Joyce!
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