mord & totschlag

Heinrich von Kleist: “Das Erdbeben in Chili”

Die soziale Dynamik einer Katastrophe.

Das Thema des Erdbebens spielte in der Literatur des 18.Jahrhunderts eine wichtige Rolle.  Nachdem im Jahre 1750 in Lissabon die Erde gebebt und es eine verheerende Katastrophe gegeben hatte, warf kein Geringerer als Voltaire angesichts dieser Ereignisse die Frage nach der Theodizee – der Rechtfertigung Gott angesichts des Zustands der Welt – grundlegend neu auf. Und der Aufklärer Immanuel Kant verwandte seinen ganzen Scharfsinn auf den Nachweis, dass es sich bei dem Beben eben nicht um ein Strafgericht Gottes, sondern um ein geophysikalisches Phänomen gehandelt hatte. In Heinrich von Kleists 1807 verfasster Novelle geht es allerdings nicht um diese metaphysischen oder naturwissenschaftlichen Aspekte. Kleist, einer der hellsichtigsten Analytiker der heraufziehenden kapitalistischen Moderne, interessierte sich vielmehr für die Bedeutung der Katastrophe für das soziale Zusammenleben der Menschen. Er stellt seine Figuren in eine bestimmte Konstellation und beobachtet dann mit dem kühlen Blick des Wissenschaftlers den weiteren Gang der Dinge. Die Resultate seiner Beobachtung sind nicht eben herzerwärmend.

Im Mittelpunkt der Novelle steht ein Liebespaar: Jeronimo Rugera hatte als Hauslehrer bei dem reichen Patrizier Don Henrico Asteron gearbeitet und sich in dessen Tochter Josephe verliebt. Das Paar hatte mit seiner Liebe sowohl gegen die rigiden Klassenschranken, als auch gegen die Gebote von Moral und Religion verstoßen. Sie wurden entdeckt und Josephe in ein Kloster gesperrt, Jeronimo verlor selbstverständlich seine Stelle. Doch auch im Klostergarten hatte das Paar wieder zueinander gefunden und neun Monate später war Josephe mit einem unehelichen Kind niedergekommen. Nun hatten weltliche und religiöse Gewalt hart zugeschlagen: Josephe wurde zum Scheiterhaufen verurteilt, dann aber aus humanitären Gründen zum Tod durch das Schwert begnadigt, Jeronimo ins Gefängnis geworfen.

Erstens: Die Katastrophe.

Es ist der Tag der Hinrichtung: Die Glocken, welche Josephen zum Richtplatz begleiteten, ertönten (Heinrich von Kleist, Das Erdbeben in Chili; ich verzichte auf die Angabe von Seitenzahlen, da die Zitate sich in dem recht kurzen Text, der an vielen Orten veröffentlicht wurde, leicht finden lassen; alle weiteren Zitate sind kursiv gesetzt; im Netz findet man die Novelle hier) und Jeronimo beschloss, sich durch einen Strick, den ihm der Zufall gelassen hatte, den Tod zu geben. Da bricht das Erdbeben los, als plötzlich der größte Teil der Stadt, mit einem Gekrache, als ob das Firmament einstürzt, versank, und alles, was Leben atmete, unter seinen Trümmern begrub. Der ehemalige Kindersoldat Kleist (die preußische Armee, die gegen die französische Republik zu Felde zog, bestand zu einer erheblichen Anzahl aus Jugendlichen und älteren Jungen; einer von ihnen war Kleist) schildert die Schrecken des Bebens mit großer Anschaulichkeit:

Hier stürzte noch ein Haus zusammen…; hier leckte die Flamme schon, in Dampfwolken blitzend, aus allen Giebeln…; hier wälzte sich, aus seinem Gestade gehoben, der Mapochefluß auf ihn heran…; hier ächzte noch eine Stimme unter dem Schutte, hier schrien Leute von brennenden Dächern herunter, hier kämpften Menschen und Tiere mit den Wellen, hier war ein mutiger Retter bemüht, zu helfen; hier stand ein anderer, bleich wie der Tod, und streckte sprachlos zitternde Hände zum Himmel…

Aufgrund des Bebens können Jeronimo und Josephe aus ihren Gefängnissen fliehen. Schließlich finden sie sich wieder und fallen einander in die Arme. Auf sie wartet eine kurze Zeit des Glücks.

Zweitens: Die Erschütterung der Ordnung durch die Katastrophe.

Niemand stört sich mehr an dem Paar, das doch gerade noch hingerichtet werden sollte:

Indessen war die schönste Nacht herabgestiegen, voll wundermilden Duftes, so silberglänzend und still, wie nur ein Dichter davon träumen mag. Überall, längs der Talquelle, hatten sich im Schimmer des Mondscheins, Menschen niedergelassen, und bereiteten sich sanfte Lager von Moos und Laub, um von einem so qualvollen Tage auszuruhen. Und weil die Armen immer noch jammerten; dieser, dass er sein Haus, jener, dass er Weib und Kind, und der dritte, dass er alles verloren habe; so schlichen Jeronimo und Josephe in ein dichteres Gebüsch, um durch das heimliche Gejauchz ihrer Seelen niemanden zu betrüben. Sie fanden einen prachtvollen Granatapfelbaum, der seine Zweige, voll duftender Früchte, weit ausbreitete; und die Nachtigall flötete im Wipfel ihr wollüstiges Lied.

Tatsächlich ist die soziale Ordnung kollabiert: Der Palast des Vizekönigs war versunken, der Gerichtshof, in welchem das Urteil gesprochen worden war, stand in Flammen und die Leiche des Erzbischofs…zerschmettert aus dem Schutt der Kathedrale hervorgezogen. Die Katastrophe scheint die Menschen verwandelt zu haben und auf Erden scheinen die Vernunft und sogar die klassenlose Gesellschaft Einzug zu halten:

Und in der Tat schien, mitten in diesen grässlichen Augenblicken, in welchen alle irdischen Güter der Menschen zu Grunde gingen, und die ganze Natur verschüttet zu werden drohte, der menschliche Geist selbst, wie ein schöne Blume, aufzugehen. Auf den Feldern, so weit das Auge reichte, sah man Menschen von allen Ständen durcheinander liegen, Fürsten und Bettler, Matronen und Bäuerinnen, Staatsbeamte und Tagelöhner, Klosterherren und Klosterfrauen: einander bemitleiden, sich wechselseitig Hülfe reichen, von dem, was sie zur Errettung ihres Lebens gerettet haben mochten, freudig mitteilen, als ob das allgemeine Unglück alles, was ihm entronnen war, zu einer Familie gemacht hätte.

Josephe und Jeronimo, die ihre neue Freiheit zunächst zu einer Flucht nach Übersee nutzen wollten, sind von diesem Umsturz aller Verhältnisse wie geblendet. Sie hoffen nun, sich mit Josephes Familie, wie mit der staatlichen und religiösen Ordnung, die ja durch die Katastrophe geläutert scheinen, aussöhnen zu können. Immerhin wollen sie vorsichtshalber zunächst von der Hafenstadt La Conception aus schriftlich das Versöhnungsgeschäft mit dem Vizekönig…betreiben.

Drittens: Die Restablilsierung der früheren Ordnung.

Doch dazu kommt es nicht mehr. Es soll in der Dominikanerkirche, der einzigen, welche das Erdbeben verschont hatte, eine feierliche Messe von dem Prälaten des Klosters selbst gelesen werden…, den Himmel um Verhütung ferneren Unglücks anzuflehen. Obwohl es an dunklen Vorahnungen nicht fehlt, will das Liebespaar diese Messe besuchen:

Die Feierlichkeit fing mit einer Predigt an, die der ältesten Chorherren einer, mit dem Festschmuck angetan, von der Kanzel hielt…Er schilderte, was auf den Wink des Allmächtigen geschehen war; das Weltgericht kann nicht entsetzlicher sein; und als er das gestrige Erdbeben gleichwohl, auf einen Riss, den der Dom erhalten hatte, hinzeigend, einen bloßen Vorboten davon nannte, lief ein Schauder über die ganze Versammlung. Hierauf kam er, im Flusse priesterlicher Beredsamkeit, auf das Sittenverderbnis der Stadt, wie Sodom und Gomorrha sie nicht sahen, straft’ er an ihr; und nur der unendlichen Langmut Gottes schrieb er es zu, dass sie noch nicht gänzlich vom Erdboden vertilgt worden sei.

Im weiteren kommt der Priester auf Josephes und Jeronimos Liebesgeschichte zu sprechen. Er bezeichnet sie als gottlos und übergibt in einer von Verwünschungen erfüllten Seitenwendung die Seelen der Täter, wörtlich genannt, allen Fürsten der Hölle. Das Paar will die Kirche verlassen, aber es ist bereits zu spät: Die Hasspredigt des Gottesmannes hat den Pöbel aufgehetzt, Josephe und Jeronimo werden erkannt und gelyncht, mit einem ungeheuren Keulenschlage. Und auch ein Baby, das irrtümlich für den kleinen Juan, das Kind des Paares, gehalten wird, wird umgebracht: Doch Meister Pedrillo ruhte nicht eher, als bis er der Kinder eines bei den Beinen von seiner Brust gerissen, und, hochher im Kreise geschwungen, an eines Kirchenpfeilers Ecke zerschmettert hatte. Hierauf ward es still, und alles entfernte sich.

Das kurze Intermezzo, in dem die Ordnung der Dinge in Frage stand, ist vergessen. Die Novelle endet damit, dass die Eltern des ermordeten Kindes Juan als Pflegesohn annehmen: Don Fernando und Donna Elvira nahmen hierauf den kleinen Fremdling zum Pflegesohn an; und wenn Don Fernando Philippen (das ermordete Kind) mit Juan verglich, und wie er beide erworben hatte, so war ihm fast, als müsst er sich freuen.

Die Richtigkeit von Kleists Darstellung zeigt ein Blick auf heutige Krisen: Die sogenannte Finanzkrise begann mit der Katastrophe des Zusammenbruchs der amerikanischen Lehmans-Brothers-Bank aufgrund hochspekulativer Finanzgeschäfte. Es folgte eine Phase tiefer Irritation über das internationale Finanzsystem: Politiker aller Couleur saßen in allen möglichen Talkshows und fabulieren hemmungslos das Blaue vom Himmel herunter, in welcher Weise die Finanzwirtschaft nun reguliert werden solle. Von heute gesehen zeigt sich: Das Finanzsystem restabilisierte sich rasch und es wurde überhaupt nichts reguliert. Heute wird noch mehr und noch riskanter spekuliert und Gehälter und Boni in der Branche sind noch gigantischer als früher. Die Katastrophe führte keineswegs zu einer Veränderung der Verhältnisse.

Ähnliches soll für die aktuelle atomare Katastrophe in Japan gelten: Auf den Super-Gau folgt eine Phase der tiefen Verunsicherung über die Atomenergie. Indem die Regierung ein dreimonatiges Moratorium verhängt, setzt sie sich selbst an die Spitze der Entrüstung: In den drei Monaten wird man die Erregung der Gemüter schon im Sande verlaufen lassen. Vielleicht wird hinterher der eine oder andere schon seit Jahren nicht mehr funktionsfähige Altreaktor (z.B. Krümmel) mit großem Medientamtam abgeschaltet, dafür wird dann die Laufzeit jüngerer Kraftwerke verlängert. Alles geht weiter wie früher.  An die Stelle der Religion in Kleists Novelle ist heute eine gigantische Werbe- und Infotainementindustrie getreten.  Auf einem anderen Blatt steht allerdings, ob dieses Spiel nicht doch am Widerstand der Zivilgesellschaft scheitert.

siehe auch: Heinrich von Kleist und Preußen.

siehe auch: Lektüreprobe “Berliner Macht”.

Dieser Beitrag wurde am Sonntag, 27. März 2011 um 10:47 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie rezensionen abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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