mord & totschlag

Heinrich von Kleist: “Das Erdbeben in Chili”

Sonntag, 27. März 2011 von Ulli

Die soziale Dynamik einer Katastrophe.

Das Thema des Erdbebens spielte in der Literatur des 18.Jahrhunderts eine wichtige Rolle.  Nachdem im Jahre 1750 in Lissabon die Erde gebebt und es eine verheerende Katastrophe gegeben hatte, warf kein Geringerer als Voltaire angesichts dieser Ereignisse die Frage nach der Theodizee – der Rechtfertigung Gott angesichts des Zustands der Welt – grundlegend neu auf. Und der Aufklärer Immanuel Kant verwandte seinen ganzen Scharfsinn auf den Nachweis, dass es sich bei dem Beben eben nicht um ein Strafgericht Gottes, sondern um ein geophysikalisches Phänomen gehandelt hatte. In Heinrich von Kleists 1807 verfasster Novelle geht es allerdings nicht um diese metaphysischen oder naturwissenschaftlichen Aspekte. Kleist, einer der hellsichtigsten Analytiker der heraufziehenden kapitalistischen Moderne, interessierte sich vielmehr für die Bedeutung der Katastrophe für das soziale Zusammenleben der Menschen. Er stellt seine Figuren in eine bestimmte Konstellation und beobachtet dann mit dem kühlen Blick des Wissenschaftlers den weiteren Gang der Dinge. Die Resultate seiner Beobachtung sind nicht eben herzerwärmend.

Im Mittelpunkt der Novelle steht ein Liebespaar: Jeronimo Rugera hatte als Hauslehrer bei dem reichen Patrizier Don Henrico Asteron gearbeitet und sich in dessen Tochter Josephe verliebt. Das Paar hatte mit seiner Liebe sowohl gegen die rigiden Klassenschranken, als auch gegen die Gebote von Moral und Religion verstoßen. Sie wurden entdeckt und Josephe in ein Kloster gesperrt, Jeronimo verlor selbstverständlich seine Stelle. Doch auch im Klostergarten hatte das Paar wieder zueinander gefunden und neun Monate später war Josephe mit einem unehelichen Kind niedergekommen. Nun hatten weltliche und religiöse Gewalt hart zugeschlagen: Josephe wurde zum Scheiterhaufen verurteilt, dann aber aus humanitären Gründen zum Tod durch das Schwert begnadigt, Jeronimo ins Gefängnis geworfen.

Erstens: Die Katastrophe.

Es ist der Tag der Hinrichtung: Die Glocken, welche Josephen zum Richtplatz begleiteten, ertönten (Heinrich von Kleist, Das Erdbeben in Chili; ich verzichte auf die Angabe von Seitenzahlen, da die Zitate sich in dem recht kurzen Text, der an vielen Orten veröffentlicht wurde, leicht finden lassen; alle weiteren Zitate sind kursiv gesetzt; im Netz findet man die Novelle hier) und Jeronimo beschloss, sich durch einen Strick, den ihm der Zufall gelassen hatte, den Tod zu geben. Da bricht das Erdbeben los, als plötzlich der größte Teil der Stadt, mit einem Gekrache, als ob das Firmament einstürzt, versank, und alles, was Leben atmete, unter seinen Trümmern begrub. Der ehemalige Kindersoldat Kleist (die preußische Armee, die gegen die französische Republik zu Felde zog, bestand zu einer erheblichen Anzahl aus Jugendlichen und älteren Jungen; einer von ihnen war Kleist) schildert die Schrecken des Bebens mit großer Anschaulichkeit:

Hier stürzte noch ein Haus zusammen…; hier leckte die Flamme schon, in Dampfwolken blitzend, aus allen Giebeln…; hier wälzte sich, aus seinem Gestade gehoben, der Mapochefluß auf ihn heran…; hier ächzte noch eine Stimme unter dem Schutte, hier schrien Leute von brennenden Dächern herunter, hier kämpften Menschen und Tiere mit den Wellen, hier war ein mutiger Retter bemüht, zu helfen; hier stand ein anderer, bleich wie der Tod, und streckte sprachlos zitternde Hände zum Himmel…

Aufgrund des Bebens können Jeronimo und Josephe aus ihren Gefängnissen fliehen. Schließlich finden sie sich wieder und fallen einander in die Arme. Auf sie wartet eine kurze Zeit des Glücks.

Zweitens: Die Erschütterung der Ordnung durch die Katastrophe.

Niemand stört sich mehr an dem Paar, das doch gerade noch hingerichtet werden sollte:

Indessen war die schönste Nacht herabgestiegen, voll wundermilden Duftes, so silberglänzend und still, wie nur ein Dichter davon träumen mag. Überall, längs der Talquelle, hatten sich im Schimmer des Mondscheins, Menschen niedergelassen, und bereiteten sich sanfte Lager von Moos und Laub, um von einem so qualvollen Tage auszuruhen. Und weil die Armen immer noch jammerten; dieser, dass er sein Haus, jener, dass er Weib und Kind, und der dritte, dass er alles verloren habe; so schlichen Jeronimo und Josephe in ein dichteres Gebüsch, um durch das heimliche Gejauchz ihrer Seelen niemanden zu betrüben. Sie fanden einen prachtvollen Granatapfelbaum, der seine Zweige, voll duftender Früchte, weit ausbreitete; und die Nachtigall flötete im Wipfel ihr wollüstiges Lied.

Tatsächlich ist die soziale Ordnung kollabiert: Der Palast des Vizekönigs war versunken, der Gerichtshof, in welchem das Urteil gesprochen worden war, stand in Flammen und die Leiche des Erzbischofs…zerschmettert aus dem Schutt der Kathedrale hervorgezogen. Die Katastrophe scheint die Menschen verwandelt zu haben und auf Erden scheinen die Vernunft und sogar die klassenlose Gesellschaft Einzug zu halten:

Und in der Tat schien, mitten in diesen grässlichen Augenblicken, in welchen alle irdischen Güter der Menschen zu Grunde gingen, und die ganze Natur verschüttet zu werden drohte, der menschliche Geist selbst, wie ein schöne Blume, aufzugehen. Auf den Feldern, so weit das Auge reichte, sah man Menschen von allen Ständen durcheinander liegen, Fürsten und Bettler, Matronen und Bäuerinnen, Staatsbeamte und Tagelöhner, Klosterherren und Klosterfrauen: einander bemitleiden, sich wechselseitig Hülfe reichen, von dem, was sie zur Errettung ihres Lebens gerettet haben mochten, freudig mitteilen, als ob das allgemeine Unglück alles, was ihm entronnen war, zu einer Familie gemacht hätte.

Josephe und Jeronimo, die ihre neue Freiheit zunächst zu einer Flucht nach Übersee nutzen wollten, sind von diesem Umsturz aller Verhältnisse wie geblendet. Sie hoffen nun, sich mit Josephes Familie, wie mit der staatlichen und religiösen Ordnung, die ja durch die Katastrophe geläutert scheinen, aussöhnen zu können. Immerhin wollen sie vorsichtshalber zunächst von der Hafenstadt La Conception aus schriftlich das Versöhnungsgeschäft mit dem Vizekönig…betreiben.

Drittens: Die Restablilsierung der früheren Ordnung.

Doch dazu kommt es nicht mehr. Es soll in der Dominikanerkirche, der einzigen, welche das Erdbeben verschont hatte, eine feierliche Messe von dem Prälaten des Klosters selbst gelesen werden…, den Himmel um Verhütung ferneren Unglücks anzuflehen. Obwohl es an dunklen Vorahnungen nicht fehlt, will das Liebespaar diese Messe besuchen:

Die Feierlichkeit fing mit einer Predigt an, die der ältesten Chorherren einer, mit dem Festschmuck angetan, von der Kanzel hielt…Er schilderte, was auf den Wink des Allmächtigen geschehen war; das Weltgericht kann nicht entsetzlicher sein; und als er das gestrige Erdbeben gleichwohl, auf einen Riss, den der Dom erhalten hatte, hinzeigend, einen bloßen Vorboten davon nannte, lief ein Schauder über die ganze Versammlung. Hierauf kam er, im Flusse priesterlicher Beredsamkeit, auf das Sittenverderbnis der Stadt, wie Sodom und Gomorrha sie nicht sahen, straft’ er an ihr; und nur der unendlichen Langmut Gottes schrieb er es zu, dass sie noch nicht gänzlich vom Erdboden vertilgt worden sei.

Im weiteren kommt der Priester auf Josephes und Jeronimos Liebesgeschichte zu sprechen. Er bezeichnet sie als gottlos und übergibt in einer von Verwünschungen erfüllten Seitenwendung die Seelen der Täter, wörtlich genannt, allen Fürsten der Hölle. Das Paar will die Kirche verlassen, aber es ist bereits zu spät: Die Hasspredigt des Gottesmannes hat den Pöbel aufgehetzt, Josephe und Jeronimo werden erkannt und gelyncht, mit einem ungeheuren Keulenschlage. Und auch ein Baby, das irrtümlich für den kleinen Juan, das Kind des Paares, gehalten wird, wird umgebracht: Doch Meister Pedrillo ruhte nicht eher, als bis er der Kinder eines bei den Beinen von seiner Brust gerissen, und, hochher im Kreise geschwungen, an eines Kirchenpfeilers Ecke zerschmettert hatte. Hierauf ward es still, und alles entfernte sich.

Das kurze Intermezzo, in dem die Ordnung der Dinge in Frage stand, ist vergessen. Die Novelle endet damit, dass die Eltern des ermordeten Kindes Juan als Pflegesohn annehmen: Don Fernando und Donna Elvira nahmen hierauf den kleinen Fremdling zum Pflegesohn an; und wenn Don Fernando Philippen (das ermordete Kind) mit Juan verglich, und wie er beide erworben hatte, so war ihm fast, als müsst er sich freuen.

Die Richtigkeit von Kleists Darstellung zeigt ein Blick auf heutige Krisen: Die sogenannte Finanzkrise begann mit der Katastrophe des Zusammenbruchs der amerikanischen Lehmans-Brothers-Bank aufgrund hochspekulativer Finanzgeschäfte. Es folgte eine Phase tiefer Irritation über das internationale Finanzsystem: Politiker aller Couleur saßen in allen möglichen Talkshows und fabulieren hemmungslos das Blaue vom Himmel herunter, in welcher Weise die Finanzwirtschaft nun reguliert werden solle. Von heute gesehen zeigt sich: Das Finanzsystem restabilisierte sich rasch und es wurde überhaupt nichts reguliert. Heute wird noch mehr und noch riskanter spekuliert und Gehälter und Boni in der Branche sind noch gigantischer als früher. Die Katastrophe führte keineswegs zu einer Veränderung der Verhältnisse.

Ähnliches soll für die aktuelle atomare Katastrophe in Japan gelten: Auf den Super-Gau folgt eine Phase der tiefen Verunsicherung über die Atomenergie. Indem die Regierung ein dreimonatiges Moratorium verhängt, setzt sie sich selbst an die Spitze der Entrüstung: In den drei Monaten wird man die Erregung der Gemüter schon im Sande verlaufen lassen. Vielleicht wird hinterher der eine oder andere schon seit Jahren nicht mehr funktionsfähige Altreaktor (z.B. Krümmel) mit großem Medientamtam abgeschaltet, dafür wird dann die Laufzeit jüngerer Kraftwerke verlängert. Alles geht weiter wie früher.  An die Stelle der Religion in Kleists Novelle ist heute eine gigantische Werbe- und Infotainementindustrie getreten.  Auf einem anderen Blatt steht allerdings, ob dieses Spiel nicht doch am Widerstand der Zivilgesellschaft scheitert.

siehe auch: Heinrich von Kleist und Preußen.

Volker Kutscher – Krimis über die Weltstadt Berlin

Freitag, 11. März 2011 von Ulli

Im Jahre 1929 wechselt Kriminalkommissar Gereon Rath, nachdem er im Dienst einen Mann erschossen hat, von der Kölner Polizei nach Berlin. Er gerät in eine Stadt außer Rand und Band: Die Weltwirtschaftskrise wirft ihre Schatten voraus und die prekäre Weimarer Demokratie wird endgültig von Links und von Rechts in die Zange genommen. Die Stadt lebt den berühmten Tanz auf dem Vulkan: Es gibt jede Menge Drogen, illegale Nachtclubs, Verbrecherbanden, politische Straßen­schlachten. Rath taucht ein in diese aus den Fugen geratene Welt, und dem Historiker und Autor Volker Kutscher gelingt nicht weniger, als den Niedergang der ersten deutschen Demokratie im Medium des Kriminalromans zu spiegeln. Dabei verwendet er geschickt stilistische Mittel der heutigen Massenkultur: So ist beispielsweise Raths Liebesgeschichte mit seiner Kollegin Charlotte, die sich in ihren Auf und Abs über alle drei bislang erschienen Bände zieht, beste Fernseh-Soap. Und Goldstein, der dritte Band der Reihe, in dem diverse Handlungsstränge in kurzen und kürzesten Szenen gegeneinander geschnitten werden, folgt mit dieser Dramaturgie den großen amerikanischen Gangsterfilmen.

Aber wie ist Kutschers Berlin genau charakterisiert? Dem ersten Band Der nasse Fisch ist ein Zitat Walther Rathenaus vorangestellt: Spree-Athen ist tot, und Spree-Chicago wächst heran. Ziemlich zu Beginn des Romans gibt es dann eine wilde Verfolgungsjagd über die damalige Baustelle des Karstadt-Gebäudes am Neuköllner Herrmanplatz: Das Karstadthaus war ein Projekt, dass explizit das alte Butzenscheiben-Berlin zu einer amerikanisierten Großstadt mit umformen sollte. Rath gerät an einen Fotografen, der Pornos mit einem Kaiser-Wilhelm-Double herstellt – eine Figur, die, entsprechend modifiziert, auch in James Ellroys grandiosen Krimis auftauchen könnte. In Der stumme Tod geht es um die Babelsberger Filmindustrie – der Bezug zu Hollywood liegt auf der Hand. Und in Goldstein erscheint gleich ein New Yorker Gangster auf der Berliner Bühne, um bei den regionalen Bandenkriegen mitzumischen. Kutscher beschreibt eine amerikanisierte Großstadt, die sich zugleich in schwersten sozialen Verwerfungen und ideologischen Wahnvorstellungen selbst zerstört.

Um die Bedeutung von Kutschers Romanen zu verstehen, empfiehlt sich ein Blick in die Geschichte: Bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war Berlin ja nicht mehr als ein preußisches Residenzstädtchen. Erst im Zuge der industriellen Revolution wurde die Stadt zu einer Art Megacity, wurde sie in kürzester Zeit buchstäblich aus dem märkischen Sand gestampft, wuchsen Fabriken und Mietskasernen in rasendem Tempo. Noch heute verkünden die Namen der Berliner Bezirke, dass es sich um von der Industrialisierung überrollte und dann eingemeindete Dörfer handelt: Zehlendorf, Wilmersdorf, Reinickendorf…

Berlin, Brandenburger Tor

Doch war Berlin damit noch keine internationale Metropole. Bis 1918 herrschte ja Kaiser Wilhelm II, eine, um es milde auszudrücken, recht sonderbare Figur. Und die frühen Jahre der Weimarer Republik waren charakterisiert von Inflation und Wirtschaftskrise, von Massenelend und ideologisch motivierter Gewalt. Erst in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, als es zu einer wirtschaftlichen Erholung kam, wurde Berlin zu einer urbanen Metropole von internationaler Bedeutung. Damals entstand der Mythos der Stadt. Doch schon 1933, mit Hitlers Machtergreifung, war das vorbei. Und auf das Nazi-Berlin folgte die Teilung der Stadt: Der Westteil war ein zwar sympathischer, aber doch sehr provinzieller Ort und Honeckers komische „Hauptstadt der DDR“ bestenfalls eine Kuriosität.

In Berlin realisieren sich die Verwerfungen der deutschen Geschichte. Die Fehlentwicklung, die 1933 begann, endete erst 1989 mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung der Stadt. Nun erst konnte Berlin sich anschicken, wieder zu einer Metropole von internationaler Bedeutung zu werden und konnte die Entwicklung fortgesetzt werden, die die Nazis 1933 abbrachen. Es ist dieser Zusammenhang, der unter anderem die Relevanz von Kutschers Romanen bezeichnet. Der richtige Blick zurück kann die Gegenwart erhellen.

siehe auch: Leseprobe “Berliner Blut”

 

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