Die Autorin Sara Paretsky entwickelte in den 80er Jahren die Figur der Chicagoer Privatdetektiven V.I. Warshawski. Sie schloss damit an die von Hammet und Chandler herkommende große amerikanische Tradition des literarischen private-eyes an, also an all jene einsamen Wölfe, die, bewaffnet mit Pistole, Whisky und einem heruntergekommenen Büro, ihren Kampf für Recht, Moral und persönliche Integrität in und gegen eine von Gewalt und Korruption geprägte großstädtische Lebenswelt führen. Paretsky lud diese Tradition mit dem damaligen sozialkritischen und frauenbewegten Zeitgeist auf. Ihre Heldin, eine in der Chicagoer South Side aufgewachsene Tochter eines irischen Cops und einer italienischen Immigrantin, war eine gekonnte Symbiose eines amerikanischen Cowgirls mit einer feministischen Amazone. Dabei reicht Paretskys Einfluss bis ins deutsche Fernsehen: Die von Ulrike Folkerts seit den 80er Jahren verkörperte Mannheimer Kommissarin Lena Odenthal ist ganz wesentlich eine Adaption ihrer Detektivin für das deutsche Tatort-Format.
Aber was treiben Sara Paretsky und V.I. Warshawski heute? Der Krimi Fire Sale erschien im Jahre 2005, und es zeugt von Paratskys literarischer Qualität, dass sie die veränderten Zeitverhältnisse reflektiert, ja sie zu einer wichtigen Voraussetzung ihres Plots macht. Warshawski, die längst im schicken Lake View auf der Chicagoer North Side lebt, wird von der Basketballtrainerin ihrer ehemaligen High School gebeten, als Aushilfscouch in ihre frühere Heimat auf der South Side zurückzukehren. Auch an der Trainerin nagt der Zahn der Zeit, sie hat Krebs im Endstadium. Und auf der proletarischen South Side hat sich alles verändert: Die Schwerindustrie, die dort früher dominierte und den Menschen Arbeit und Brot gab, hat im Zuge der Globalisierung ihre Fabriken längst in den Süden des amerikanischen Kontinents verlagert, wo die Arbeiter quasi für nichts schuften. Paretsky lässt ihre Heldin folgende Reflektion anstellen:
„Ich starrte auf die Schutthaufen. In meiner Kindheit, als wir wegen der Rauchschlieren täglich die Fenster putzen mussten, sehnte ich mich nach einem Tag ohne das Stahlwerk, doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie nun verschwunden sein sollten, diese gewaltigen Hallen, diese kilometerlangen Förderbänder, auf denen Kohle und Eisenerz transportiert wurden, die orangen Funken in der Nacht, an denen man merkte, dass Stahl gegossen wurde. Wie konnte so etwas Monumentales sich in Schutt und Gestrüpp verwandeln? (Sara Paretsky, Feuereifer, München, 2005, S.294)
Es handelt sich um den gleichen Strukturwandel, den auch der aus Flint, Michigan, stammende Dokumentarfilmer Michael Moore wiederholt dargestellt hat. In Paretskys Krimi sind die Menschen aber nicht einfach arbeitslos geworden, der neue Arbeitgeber ist vielmehr der Discounter „By-Smart“, das „fünftgrößte Unternehmen von Amerika“ (a.a.O. S.313), eine gigantische Gelddruckmaschine, die nur eine einzige Devise kennt: Billig! Billig! Billig! Dementsprechend sind denn auch die Löhne. Die Beschäftigten haben zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben, ihr Dasein ist nur noch ein verzweifeltes Rennen um die nackte Existenz:
„Heutzutage haben die Menschen das Gefühl, keine Zukunft mehr zu haben. Männer, die früher 30 Dollar im Stahlwerk verdienten, sind froh, wenn sie heute für ein Viertel des Geldes bei By-Smart arbeiten können.“ (a.a.O. S.76)
In dieser Gemengelage nimmt Warhawski ihr Training auf. Die Mädchen der Mannschaft haben mit Drogen, unfreiwilligen Schwangerschaften und Bandenkriegen zu schaffen. Schon bald bittet die Latina Josie Dorrado Warshawsky zu sich nach Hause: Ihre Mutter Rose arbeitet als Näherin in dem kleinen Unternehmen „Fly the flag“, das amerikanische Fahnen herstellt. Dort ist es zu einigen Sabotagevorfällen gekommen. Rose, die Angst um ihren Elendsjob hat, bittet Warshawski, sich die Sache einmal anzusehen. Die willigt widerwillig ein. Doch schon kurze Zeit später brennt die Fabrik nieder.
V.I. Warshawsky findet heraus, dass „Fly the Flag“ als Lieferant für „By-Smart“ arbeitete. Und die Lieferanten lässt der Discounter genauso ausbluten wie seine Mitarbeiter. Obwohl Sonderschichten mit superbilligen, illegal in den USA lebenden Latinos gefahren wurden, konnte man die Kosten nicht genügend senken und drohte die Verlagerung der Produktion nach Mittelamerika. Übrigens lernt die Detektivin auch die Besitzer von „By-Smart“ persönlich kennen, als sie dort wegen einer Spende für ihr Basketballteam nachfragt. In der Firma beginnt man den Arbeitstag mit einem Gottesdienst. Die Familie Bysen sind emotional und intellektuell erbärmliche Menschen, hartherzig, selbstgerecht und geldgierig, Milliardäre, die ihren Gästen Kaffee in der Qualität von Spülwasser vorsetzen, damit es nicht zu teuer wird, selbst in ungeheurem Luxus leben und ständig den Spruch im Munde führen, dass die Armen ja nicht arbeiten wollten. Da brennt der jüngste Spross der Familie, genannt Billy the Kid Bysen, mit der Latina Josie durch. Paretsky greift das Motiv von Romeo und Julia auf und verlagert es nach Chicago, keine wirklich neue Idee, aber sie funktioniert. Widerwillig lässt Warshawsky sich von den Bysens verpflichten, nach dem Paar zu suchen. Sie entdeckt Billys Fahrzeug und auf einer Müllhalde in der Nähe die Leiche eines Mannes und eine schwer verletzte junge Frau. Aber es sind nicht Josie und Billy…
Fazit: Offenbar sind ältere, kultivierte Damen wirklich die besten Krimischreiberinnen.
Siehe auch Sara Paretskys interessante Website mitsamt blog.