…Adrian von Blaustücken wusste, dass sein Leben an einem seidenen Faden hing, seit sein Bruder gefasst worden war. Wenn man ihn aufspürte, so war sein Tod unabwendbar. Er bedeutete eine Gefahr, die ausgemerzt werden musste. Der hagere Mann mit dem grauen Haar wechselte mehrmals das Taxi, benutzte U-Bahnen und Busse. Immer wieder blickte er verstohlen über seine Schulter. Sein Weg führte ihn kreuz und quer durch Berlin, die Stadt, die er besser kannte als jede andere, besser sogar als New York: Von Köpenick fuhr er nach Mitte, stieg am Alexanderplatz um in Richtung Prenzlauer Berg, nahm an der Schönhauser Allee die Ringbahn und umrundete zwei Mal die City, machte einen kurzen Abstecher nach Spandau. Er war unruhig und vorsichtig, blickte immer wieder über seine Schulter, musterte misstrauisch die Fahrgäste, die den gleichen Waggon benutzten. Dann wurde er der Aufmerksamkeit müde. Er schob sich den kleinen Lautsprecher ins Ohr und hörte Musik: Grand Funk Railroad…
Unter Gentrifizierung versteht man die marktradikale Form der Stadterneuerung. Stadterneuerung oder -umbau gibt es immer, er kann sich aber auf ganz unterschiedliche Weise vollziehen. Bei der sogenannten „behutsamen Stadterneuerung“ etwa gab es zahlreiche Instrumente der Mietermitbestimmung und klare Sozialstandards. Anders bei einer staatskapitalistisch organisierten Stadterneuerung: Hier beschließen Staat und Partei, dass irgendwo neue Hochhäuser gebaut werden sollen und müssen die Bewohner des betroffenen Stadtteils sich dann diskussionslos fügen – wenn sie nicht weichen, kommt mit den Baggern eben die Polizei. In unseren marktradikalen Zeiten, in denen der Staat sich aus den öffentlichen Belangen zurückzieht, soll Stadtentwicklung sich über den Eigenmechanismus des Marktes regeln: Grundstücke und Häuser werden zu Elementen der Kapitalverwertung. Alles hängt nun von Besitz und Einkommen des Marktteilnehmers ab, treibende Elemente der Stadtentwicklung sind das Geld und der Egoismus der Wohlhabenden. Viele Infos zur Gentrifizierung finden sich im Gentrificationblog.
Richard Price, der Drehbücher unter anderem für Al Pacino und Martin Scorsese schrieb, führt in seinem Roman „Cash“ in die Lower East Side New Yorks, in ein Viertel, in dem viele Jahrzehnte nur die ärmsten Immigranten lebten, so osteuropäische Juden und Chinesen. In den achtziger Jahren soff das Viertel endgültig ab, wurde geprägt von Drogen, Straßengewalt und Armut. Doch auch diese Zustände änderten sich und die Lower East Side wurde interessant für junge Leute aus den wohlhabenden Mittelschichten, für Künstler, Möchtegern-Künstler und andere Bohemiens. Schließlich zogen sogar die Yuppies aus der nahen Wall Street in die schick sanierten Lofts. Die Preise stiegen und die traditionellen Bewohner des Viertels wurden an der Rand gedrängt. Alles strukturierte sich wieder um.
Diese Gemengelage beschreibt Richard Price und er findet hierfür drastische Bilder: Eine Synagoge, die gerade eingestürzt ist, eine andere Synagoge, die zum Luxusloft umgebaut wurde, eine winzige Sozialwohnung voller chinesischer Dumpingarbeiter, die sich einen Fisch in einem so kleinen Aquarium halten, dass das Tier sich nicht mehr umdrehen kann.
Dabei ist die Geschichte rasch erzählt und macht der Autor kein großes Geheimnis, wer der Mörder ist: Eines Morgens schwanken drei angetrunkene Middle-Class-Bohemiens aus einem schicken In-Lokal nach Hause. Dabei treffen sie auf zwei dunkelhäutige Kids aus den nahen Sozialbauten. Die Jugendlichen ziehen eine Waffe und verlangen Geld. Doch einer der Überfallenen macht eine blöde Bemerkung, der Junge mit der Kanone bekommt einen nervösen Zeigefinger und es gibt einen Toten. Die Handlung resultiert dann aus der bekannten Tatsache, dass bei einer polizeilichen Ermittlung die Zeugen unterschiedliche, wenn nicht gar vollkommen gegensätzliche Beobachtungen machen. Die Polizisten sind in den diversen sozialen Milieus unterwegs, bis sie den Mörder schließlich haben. Mit Hilfe dieser Geschichte entwirft Price ein grandioses Sittenbild der sozialen Umbrüche in der Lower East Side. In den heutigen Großstädten reißen die sozialen Gräben immer tiefer auf. Zugleich leben die verschiedenen Schichten in parallelen Welten nahezu autistisch nebeneinander her. Man interessiert sich nicht weiter füreinander und eine irgendwie funktionierende Kommunikation gibt es nicht. Wenn man aufeinander trifft, wie in jener Nacht, endet alles in sinnloser Gewalt.
So geht es Price um das Desaster einer entsolidarisierten, nur auf Egoismus und Narzissmus aufbauenden Kultur. Er beschreibt das scheinbare Paradox, dass mit dem Triumph der absoluten Selbstbezogenheit das Selbst, das das Leben der Menschen doch einigermaßen sinnvoll steuern sollte, mir einem Mal verschwindet. Übrig bleibt der Horror Vacui. Price lässt eine seiner Figuren sagen:
„…kam mir der Gedanke, dass es eins gibt, was das Publikum (aus der Middle-Class, eingefügt von mir, U.W.) und die Jungs, die geschossen haben, verbindet, trotz aller Unterschiede…Und das ist Narzissmus. Der Unterschied ist… dass die Schützen narzisstisch sind? Aber ihre Ichbezogenheit hat kein richtiges Ich. Sie nehmen sich selbst und andere wahrscheinlich gar nicht so wahr, das heißt, außer ihren elementaren Bedürfnissen und instinktive Reaktionen auf bestimmte Situationen. Aber die anderen? Wir? Auch Narzissten, nur ist in der Mitte der Ichbezogenheit ein Ich, ein bisschen zu viel Ich und in den meisten Fällen kein besonders attraktives…“ (Richard Price, Cash, Frankfurt, 2010, S. 381f.)
Fazit: Absolut lesenswert.