In meinem Krimi Berliner Macht haben die Polizisten mit dem Abgeordneten Rainer Gutleut zu tun, einem ehrgeizigen Mann mit wirtschaftliberalen Grundüberzeugungen, der in der Politikbranche nach oben strebt. Aber Gutleut hatte schon immer Höheres im Sinn. Nach dem Fall der Mauer wickelte er mit seinem Beratungsunternehmen Going East Firmenübernahmen auf den neu entstandenen osteuropäischen Märkten ab und machte Millionen. Eine Beamtin der Mordkommission erklärt den Kollegen, wie dieses “Mergers and Aquisitions” funktioniert:
“Ich habe mich mit den verschiedenen Mitgliedern der Familien Gutleut und von Licht beschäftigt”, begann sie. „Reiner Gutleut ist tatsächlich ein ausgesprochen wohlhabender Mann. Sein Geld hat er in den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts innerhalb von wenigen Jahren gemacht, als er als Unternehmensberater in einer selbst gegründeten Firma Going East arbeitete. Er hat sich dabei mit Firmenübernahmen in Osteuropa beschäftigt, mit einer Geschäftsform, die man Mergers and Acquisitions nennt. Ich war extra drüben im LKA 3″ – das sich mit Wirtschaftsdelikten beschäftigte – “und habe mir das erklären lassen. Beratertätigkeiten im Rahmen von Firmenübernahmen sind natürlich vollkommen legale Geschäfte, mit ein bisschen Geschick laufen sie jedoch auf eine Art Lizenz zum Gelddrucken hinaus. Man muss allerdings auch gut genug sein, um Geschäfte dieser Art zu beherrschen. Also: Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme streckten viele westdeutsche Firmen ihre Fühler Richtung Osteuropa aus, um dorthin zu expandieren. In Polen, im Baltikum und in den GUS-Ländern gab es zahlreiche Betriebe, die zwar mehr oder weniger marode waren, aber dennoch von Interesse für westliche Übernahmestrategien. Sei es, dass diese Firmen einen Zugang zu den regionalen Märkten darstellten, sei es, dass sie gute Kapazitäten an Technologie und Ingenieuren hatten, sei es, dass es staatliche Subventionsgelder gab. Da war vieles verlockend. Das Mergers and Acquisitions funktioniert so, dass Banken oder Unternehmensberatungen die Märkte beobachten, also analysieren, welche osteuropäischen Firmen für welche westliche Kapitalgruppen interessant sein können. Sie fertigen dann Gutachten an, in denen sie den Übernahmekandidaten im Detail analysieren, herausstellen, was an ihm interessant ist, und so weiter, und auch schon erste Übernahmeszenarien entwerfen. Damit treten sie dann an das deutsche Unternehmen heran, das die Firma kaufen soll. Häufig rennen sie damit offene Türen ein, denn das westdeutsche Unternehmen ist ja schon selbst auf der Suche. Die Unternehmensberatung erhält also einen Vertrag und wickelt die gesamte Übernahme als Makler ab. Das ist ein hochkomplexer, juristisch extrem anspruchsvoller Vorgang, zu dem auch die Kollegen von LKA 3 nicht viel sagen konnten. Die Unternehmensberatung erhält für ihre Bemühungen eine Provision, die zwischen 10 und 15 % der Kaufsumme betragen dürfte. Wenn das osteuropäische Unternehmen, das geschluckt wird, einen Wert von 10 Millionen Euro hat, verdient die Beraterfirma also eine gute Million, ist das Unternehmen 50 Millionen wert, sind es schon 5 bis 10 Millionen. Wenn man einige solcher Geschäfte abgewickelt hat, ist man bis an sein Lebensende ein steinreicher Mann.”
“Verrückt”, rief Birgit Allenare. „Wir können hier arbeiten, bis wir tot umfallen und kommen dennoch zu nichts.“
„Das ist der Kapitalismus“, erklärte Natascha mit Kennermiene.
„Das ist der Lauf der Welt überhaupt“, brummte Mannheim. „Und den werden auch wir nicht mehr ändern. Deine Recherche ist supergut!“, lobte er. „Aber ganz verstehe ich die Zusammenhänge noch immer nicht: Gutleut war in den Achtzigern ein typischer Berliner Bummelstudent. Er soll sogar für einige Jahre in einer Kreuzberger Hinterhofwohnung gelebt haben. Nach der Wende hat er seine Staatsexamina zügig gemacht, und da er offenbar nicht dumm ist, hat er hervorragende Noten bekommen. Aber woher hatte er auf einmal diese Kenntnisse über osteuropäische Firmen?”
“Da kommt nun eventuell Nadine von Licht ins Spiel”, erklärte Natascha und lächelte triumphierend. “Oder vielmehr Nadine Baumgärtner, wie sie bis zu ihrer Hochzeit hieß. Sie wurde am 12.12.1972 in Wittenberg an der Elbe geboren, in der Lutherstadt Wittenberg”, erklärte sie der Runde der versammelten Wessis, “und zwar als Tochter von Egon Baumgärtner. Der war ein hochrangiger Funktionär im Wirtschaftsministerium der DDR, sein Arbeitsgebiet waren die Handelsbeziehungen zu den sozialistischen Bruderstaaten, wie das damals hieß, also vor allem zur Sowjetunion. Natürlich war er in der Stasi, und ich habe seinen Namen an etlichen Stellen im Netz gefunden. Sein Name taucht unter anderem in einer Veröffentlichung eines Verbandes von Stasiopfern auf, und zwar geht es darum, dass einige dieser alten Kader nach der Wende ihre Kontakte Richtung Osten für gutes Geld an westliche Firmen verkauft haben…”
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