mord & totschlag

Ulf Miehe: “Ich hab noch einen Toten in Berlin.”

Ulf Miehes Roman ist eine echte Ausnahmeerscheinung im allzu häufig stockbiederen deutschen Krimischaffen. Anfang der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts geschrieben und im damaligen Inselreich West-Berlin spielend, ist dieser coole Krimi um Klassen besser als vieles, was seitdem veröffentlich wurde.

Es geht um den Drehbuch- und Krimiautor Benjamin und um den fürs deutsche Fernsehen tätigen Regisseur Gorski. Beide fahren nach Berlin, um dort nach Stoff für einen neuen Film zu suchen. Sie wollen nahe an der Wirklichkeit recherchieren. Benjamin kennt Sparta, eine aus Westdeutschland zugereiste und in Berlin heimisch gewordene Rotlicht- und Gangstergröße. Und Sparta, der einer jungen Frau zu einer Filmrolle verhelfen will, gibt tatsächlich einen Tipp: Einmal im Monat landet auf dem Flughafen Tegel eine US-amerikanische Militärmaschine, die den Sold für die in Berlin stationierten Soldaten bringt. Es soll sich um eine Million Dollars handeln, damals verdammt viel Geld. Mit einem Geldtransporter, eskortiert von zwei Jeeps, werden die Geldsäcke dann ins Headquarter gebracht. Diesen Transporter könnte man überfallen…

Gorski und Benjamin beginnen mit ihren Recherchen. Sie fahren die Strecke ab, denken darüber nach, wie man einen der Jeeps ausschalten und den Transporter stoppen könnte, besorgen sich auf dem schwarzen Markt mal probehalber Schusswaffen. Autor Benjamin macht sich pausenlos Notizen. Als heutiger Leser könnte man nun allerlei Reflektionen über das Drehbuch im Roman und ähnlichen Schnickschnack erwarten. Aber unsere postmodernen Zeiten lagen damals noch in weiterer Ferne. Und so nimmt die Geschichte eine ganz andere Wendung.

Gorski und Benjamin, als typische Kinder ihrer Zeit, schließen Theorie und Praxis einfach kurz. In der Realität führt dieser Kurzschluss aller Erfahrung nach ins Desaster (im Extremfall bis nach Stammheim und in den deutschen Herbst). Aber in der Literatur, und gerade in der aus den 70er Jahren, sehen die Dinge manchmal völlig anders aus. Gorski hat keine Lust, sich weiter von einem ebenso reichen wie knauserigen Produzenten nerven zu lassen. Und Autor und Bob-Dylan-Fan Benjamin scheint es finanziell ähnlich schlecht zu gehen wie heutigen Krimischreibern:

-„Schriftsteller überfiel Bank“, sagte er, „hast du’s schon gelesen? -„Nein.“ -„Und starb vor Aufregung an Herzschlag. So geschehen in der S-Bahn nach Hamburg. Mit dem Geld in der Tasche.“ -„So viel Geld war er nicht gewöhnt“, sagte ich.“ (Ulf Miehe, Ich hab noch einen Toten in Berlin, SZ Krimibibliothek Band 17, S. 92.)

Und so brechen sie die Brücken hinter sich ab. Ein besseres Leben werden sie schon finden, irgendwo unter südlicher Sonne. Benjamin und Gorski haben…

„…Träume, uneingestanden bis dahin, und ein Zufall bringt sie auf die Tat…Sie haben dieselbe Sehnsucht und den denselben Überdruss. Und plötzlich sind sie ganz überrascht, als sie feststellen, dass sie längst entschlossen sind, das Ding zu drehen, dass sie einfach keine Hemmungen haben…“ (a.a.O., S.152)

So nehmen die Dinge ihren Lauf und der Roman wird von Seite zu Seite spannender. Veröffentlicht werden Benjamins Notizen übrigens von einem gewissen Günter Quitt, einem befreundeten Autor, dem sie mit Hilfe einer Stewardess zugespielt wurden. Denn von Anfang an ist klar: Berlin ist zwar arm, aber sexy, aber Benjamin und Gorski sind dennoch mit unbekanntem Ziel auf und davon…

Fazit: Einer der wenigen internationalen Erfolge des deutschen Krimis. Und es ist kein Wunder, dass dieser Roman in 11 Sprachen übersetzt und allein in den USA mit über 200 000 Exemplaren verkauft wurde. Spitzenklasse!

Dieser Beitrag wurde am Freitag, 02. Juli 2010 um 14:06 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Krimi, rezensionen abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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