Die Kriminalromane von Janwillem van de Wetering scheinen aus einer fernen Vergangenheit herüberzuwehen. Der Autor schrieb in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts, zu einer Zeit als – im Windschatten des zu Ende gehenden kalten Krieges – die Menschen in den westeuropäischen Sozialstaaten ein entspanntes Leben führten und von den Problemen unserer Tage noch nichts ahnten, seien es Globalisierung, ein Amok laufender Finanzkapitalismus oder die Grenzen multikultureller Toleranz. Van de Wetering schickte ein Ermittlertrio auf die Straßen Amsterdams, das ganz vom Zeitgeist jener Jahre geprägt war: Den Commissaris, den Chef der Amsterdamer Mordkommission, der niemals bei seinem Namen genannt wird und der sich öfters mit seiner Schildkröte über das Leben an sich unterhält, den Adjutanten Grijpstra, einen schwergewichtigen, schlagzeugspielenden Mann, scheinbar der normalste des Trios, der mit dem Scheitern seiner Ehe zu tun hat, und den Bigadier Rinus de Gier, der die Rolle des jugendlichen Katzenfreundes, Helden und Liebhabers übernimmt. Dieses Personal sieht sich denn auch nicht nur mit Mordfällen konfrontriert, sondern vor allem mit den metaphysischen Fragen nach dem Sinn des Lebens. Der Autor selbst verbrachte neben dem Krimischreiben viel Zeit in einem japanischen Zenkloster, auch darüber schrieb er mehrere interessante Bücher.
Dabei geht van de Weterings Amsterdam-Saga für die Ermittler bestens aus: In einem leerstehenden Haus finden sie einen Riesenberg Drogengeld, den sie einfach verschwinden lassen. Dann setzen sie sich zur Ruhe und sind damit dem profanen Leben schon mal ein ganzes Stück entrückt: „Der Commissaris, ein altes, zerknittertes, dünnes Männchen, dachte über das Leben nach…“ (“De Gier im Zwielicht”, rororo, Reinbek bei Hamburg, 1993, Kap. 3). Henk Grijpstra dagegen lebt mit dem geklauten Geld und der Exhure Nelli („Nellis ausladender Busen, über den sich ein rosafarbener Pullover spannte, schwappte gegen Grijpstras mächtigen Brustkorb.“(a.a.O.,Kap.1) in deren Patrizierhaus und gibt das Vollbild einen wohlhabenden Amsterdamer Bourgeois ab. Und de Gier ist nach einigen Reisen als Hippie an den wilden Küsten Maines aufgeschlagen, wo er in einem pagodenähnlichen Haus auf einem Inselchen lebt, meditiert, die Natur beobachtet und sich mit seiner Freundin, der Naturschützerin Lorraine, beschäftigt.
Doch selbst so nahe am Nirwana gibt es gelegentlich Probleme und so schickte van de Wetering seine Leute Anfang der Neunziger noch einmal auf die Krimipiste. De Gier gerät ins Zwielicht, in Schwierigkeiten, denn Lorraine ist verschwunden. Eines Abends hatte er sich den Verstand mit Marihuana, Whisky und Miles Davis zugedröhnt, um neue Bewußtseinsebenen zu erfahren. Als Lorraine von ihrer Insel herüber gepaddelt kam, ging sie ihm wohl auf die Nerven. Hat der bedröhnte Ex-Polizist seine Öko-Freundin etwa von der Klippe gestoßen? Er kann sich nicht mehr dran erinnern, wird aber genau deswegen erpresst.
In großer Not helfen alte Kumpels. Also fliegt Henk Grijpstra nach USA, um die Sache aufzuklären. Der Commissaris, der an schwerem Rheuma leidet und in dem grandiosen „Massaker in Maine“ auch schon mal in Amerika war, hält telefonischen Kontakt und berät seine Jungs. Grijpstra lernt die verschiedenen Bewohner des Hafennests Jameson kennen und für einige Momente vermeint man tatsächlich einen ganz normalen Krimi zu lesen: Natürlich gibt es Drogenschmuggel an den einsamen Küsten und der üble Sheriff Hairy Harry, ein glatzköpfiger Rechter, und sein Deputy hängen dick drin. Eine bildhübsche Lesbierin aus Hawai arbeitet hingegen verdeckt für die Drogenbehörden. Vor allem ist Jameson aber ein Arkadien für Sonderlinge, Lebenskünstler und Hippies aller Art. Und so kommt alles ganz anders: Nicht nur die wilden Tiere Maines, auch die indianischen Vorfahren und selbst ein Knochenzauber aus Papua-Neuginea spielen ihre Rolle. Wer von einem Krimi immer nur die Bestätigung des Angstschemas: Bedrohung der gesicherten Ordnung durch einen wahnsinnigen Massenmörder – Herstellung der gesicherten Ordnung durch den Kommissar (rotes Holzhaus auf dem Cover) erwartet, wird mit „De Gier im Zwielicht“ vielleicht nicht viel anfangen können. Wer sich allerdings der Erkenntnis öffnet, dass im Leben (und sogar noch kurz vorm Nirwana) allerlei interessante, spannende und lustige Dinge geschehen – und dass das neoliberale Rattenrennen gar kein Leben ist -, der wird sich bei der Lektüre dieses Romans ohne Zweifel amüsieren. Oder wie John Lennon bereits meinte: Don’t you know, it’s gonna be allright…
siehe auch: Sara Paretsky “Mit Feuereifer”
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