mord & totschlag

Schöne Polizeipräsidien

Montag, 29. März 2010 von Ulli

Heute: Kommissar Maigret und der Quai des Orfévres.

Wie oft haben wir am Anfang eines Romans darüber gelesen, wie Kommissar Maigret an einem schönen Frühlingstag von seiner Wohnung am Boulevard Richard Lenoir mit der Straßenbahn zu seinem Büro am Quai des Orfévres fährt? Und wir haben gelesen, wie er zu allen Jahreszeiten aus seinem Fenster hinunter auf die Seine und zu den Häusern am gegenüberliegenden Ufer blickt. Hier werden unzählige Verhöre geführt und viele Täter überführt. Im Winter stochert Maigret in seinem alten Kohleofen, und er tut dies sogar noch, nachdem der Quai längst mit einer Zentralheizung ausgestattet ist, denn man hat ihm den Ofen auf seinen besonderen Wunsch hin gelassen.

Immer wieder, wenn die Ermittlungen sich nächtelang hinziehen, lässt Maigret Bier und belegte Brote aus der Brasserie Dauphine holen, die von Monsieur Paul betrieben wird. Hinter dem Präsidium befindet sich der Place Dauphine, auf der Spitze der Seineinsel gelegen, und dort gibt es eine Brasserie Paul. Es handelt sich um ein schickes Restaurant, in dem man gut essen kann. Der Place Dauphine ist überhaupt ein edles Pflaster, angeblich wohnt Simone Signoret hier. Der Platz lohnt immer einen Besuch und es gibt sogar ein kleines Hotel, in dem man übernachten kann.

siehe auch: “Maigret, die Tänzerin und die Gräfin”.

 

Krimi und Surrealismus

Donnerstag, 18. März 2010 von Ulli

Überlegungen zu Fred Vargas „Der vierzehnte Stein“.

Hinter dem Pseudonym Fred Vargas verbirgt sich die französische Historikerin und Archäologin Frédérique Audoin-Rouzeau, die Tochter von Philippe Audoin, der seinerzeit ein Mitglied der Pariser Surreallisten war. Es mag mit dieser Autobiographie zusammenhängen, dass sie eine wesentliche Erneuerung in das Krimigenre einführte.

Vargas hat den ziemlich sonderbaren Kommissar Adamsberg erfunden, einen beinahe autistisch wirkenden, vor sich hin träumenden Mann, der seine Fälle nicht mit Entschluss­freudig­keit, Rationalität und Logik, sondern mittels seiner passiven und intuitiven Kräfte löst. Auch im “Vierzehnten Stein” geht es zunächst um die Befindlichkeiten des Kommissars: Er spürt ein körperliches Unwohlsein, eine tiefe Irritation seines Daseins. Nach und nach findet er heraus, was ihn so aus dem Gleis gebracht hat: Es ist beispielsweise ein Bild eines aus den Meeresfluten auftauchenden und mit einem Dreizack bewaffneten Neptuns. Allerlei merkwürdige Zeichen verweisen auf einen Kriminalfall, der ebenso monströs wie konstruiert ist.

In dem Dorf in den Pyrenäen, in dem Adamsberg aufwuchs, lebte der Richter Fulgence, ein düsterer, böser Mann, den immer seine zwei großen, an Höllenhunde erinnernde Doggen begleiteten. Eines Tages nun war Adamsbergs Bruder Raphael mit seiner Freundin Lise im Wald unterwegs. Raphael fiel in Ohnmacht, und als er erwachte, lag Lise tot neben ihm: Erstochen mit einem Dreizack, mit einer gewaltigen Mistgabel, wie sie in Fulgences Schuppen stand. Raphael aber hatte keinerlei Erinnerung an die vergangenen Stunden. Doch alle Indizien deuteten darauf hin, dass er selbst seine Freundin in einem Anfall von Gewalttätigkeit umgebracht hatte, er glaubt es beinahe selbst. Nur Adamsberg hatte den Richter mit seinem Dreizack fliehen sehen. Er verhilft seinem Bruder zur Flucht nach Amerika, denn er erkennt: Fulgence ist ein Monster, dem man so bald nichts wird nachweisen können.

Im weiteren entdeckt der Kommissar, dass im Lauf der Jahre in vielen Regionen Frankreichs Dutzende Morde nach dem identischen Strickmuster geschehen sind: Immer wird das Opfer mit einem Dreizack getötet, immer wird der scheinbare Täter bewusstlos neben der Leiche gefunden und kann sich an nichts erinnern, immer war der Richter Fulgence nicht weit. Doch Adamsberg konnte dem Richter niemals etwas beweisen. Und dann stirbt Fulgence an Altersschwäche und lange Jahre geschieht nichts Böses. Doch nun, anscheinend aus dem Grab heraus, hat er wieder zugeschlagen: Im Elsass wird ein junges Mädchen mit einem Dreizack getötet und ein Landstreicher mit alkohol­bedingtem Filmriss liegt daneben.

Doch es kommt noch sonderbarer und noch konstruierter: Adamsberg reist mit seinen Kollegen nach Kanada, wo sie von der dortigen Polizei in den allerrationalsten Ermittlungs­techniken geschult werden. Aber auch hier hat er sonderbare Erlebnisse: Bei einem Ausflug besucht er einen See, in dessen Tiefen ein Fisch aus der Urzeit lebt – ein Hinweis auf ein lange verdrängtes Trauma. Bei einem Vivaldikonzert gibt es Hinweise auf den Dreizack. Und er lernte die junge Noella kennen, die immer am Flussufer sitzt. Eines Abends nun betrinkt Adamsberg sich aus Liebeskummer sinnlos. Auf dem Heimweg läuft er am Fluss mit dem Kopf gegen einen Ast und verliert das Bewusstsein. Erst Stunden später kommt er blutbeschmiert wieder zu sich und erfährt später: Noella wurde in der gleichen Nacht mit einem Dreizack ermordet. Alle Indizien deuten darauf hin, dass der Kommissar selbst der Mörder ist…

Diese Geschichte ist nicht nur extrem spannend, so dass man kaum mit dem Lesen aufhören kann, sondern ebenso absolut bizarr und völlig konstruiert. Aber das macht nichts. Man denke einfach an John Lennons berühmten Satz: Nothing is real, der eine Wegmarke der Popkultur bezeichnet. Tatsächlich waren Freuds Psychoanalyse und seine damit einhergehende Entdeckung des Unbewussten eine der bedeutendsten Erkenntnisse des 20.Jahrhunderts. Hatte man bislang den Menschen primär als rational denkendes Wesen (im Sinne von Descartes berühmtem »Ich denke, also bin ich«) aufgefasst, so begriff Freud, dass das bewusste Ich umgeben ist von einem Ozean von Irrationalität, heiße es nun Über-Ich, Es, oder wie auch immer. Auf die moderne Kunst hatten Freuds Entdeckungen gewaltige Auswirkungen. Gerade der Surrealismus ist ohne sie überhaupt nicht vorstellbar. Man denke nur an Dalis berühmte Gemälde.

Fred Vargas beherrscht die »Mechanik« des Krimis, von dem sie in einem an das Buch angefügten Interview spricht, ganz ausgezeichnet. Aber bei Vargas führt diese Mechanik nicht zu einem Uhrwerk des Rationalen (wie in seiner extremsten Form etwa bei Sherlock Holmes), sondern in eine an Dalis Uhren erinnernde Mechanik des Surrealen. Damit eröffnet sie dem Krimigenre einen Horizont zur klassischen Moderne. »Der vierzehnte Stein« ist ein traumhaft gut geschriebener Roman, in dem Adamsberg, ein »Träumer, der ins Schwarze trifft« (S.308), mit der Hellsichtigkeit und der Blindheit eines Schlafwandlers durch einen Albtraum von Gewalt und Hilflosigkeit schreitet. Vargas Krimi erinnert an Bilder von René Magritte: Eine Frau, die sich in einen Marmortorso verwandelt, ein Schloss, das sich in einem nächtlichen See spiegelt, ein Reiterin im Wald, die nicht zwischen, sondern in den Baumstämmen zu sehen ist. Viel zu viele Krimis sind mit den (längst überholten) literarischen Mitteln des 19. Jahrhunderts geschrieben und das wird irgendwann langweilig und führt zu einer Litanei des Immergleichen. Vargas Wendung zum Surrealismus dagegen hat dem Krimi neue Perspektiven geöffnet.

Lake Michigan

Dienstag, 09. März 2010 von Ulli

Eine Fahrt durch die South Side von Chicago. Farbige Jugendliche sitzen auf Veranden vor den Häusern, man meint Szenen aus in einem Hip-Hop-Video zu sehen. Bei anderen Häusern sind die Fenster zugenagelt oder sie sind ausgebrannt. Es stehen ausgebrannte Autos am Straßenrand. Industriebrachen. Aldi betreibt Discounter. Dann wird die Gegend noch mehr heruntergekommen und verslumt, die Werbung über den Läden und Kneipen ist in spanischer Sprache geschrieben, es sieht aus wie in der Dritten Welt. Wir überqueren den Calumet-River und fahren nach Indiana und weiter nach Michigan. Wir kommen in das ländliche Amerika.

Wir besuchen das Städtchen Holland, und tatsächlich erinnert die Küste des Michigansees an die der niederländischen Nordsee. In Holland, Michigan, gibt es eine Mühle, die auf dem Gelände eines Freizeitparks steht. In einem anderen Freizeitpark hat man nachgebaut, wie man sich ein niederländisches Dorf und das Leben der ersten Siedler im 18.Jahrhundert vorstellt. Eine Art selbstgemachtes Disneyland. Wir erfahren, dass viele Siedler bereits in ihrem ersten Winter gestorben sind. Wir wollen noch einen Leuchtturm ansehen, ein Wahrzeichen der Gegend, das in allen Reiseführern erwähnt wird. Aber hier ist alles private property, Privatbesitz, wir parken am Straßenrand und passieren eine Schranke und einen freundlichen schwarzen Wachmann. Dann marschieren wir endlos auf einem schmalen Fußweg zwischen den weißen Strandvillen, bis wir endlich den Leuchtturm erreichen. Man kann sich nicht mal ein Eis kaufen. Am Abend fahren wir in einen schönen Ort mit Namen New Haven.

“Lunar Park”

Mittwoch, 03. März 2010 von Ulli

Brett Easton Ellis zählt zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart. In der Kälte seiner Intelligenz und seines Spotts spiegelt sich die Kälte unserer heutigen deregulierten kapitalistischen Gesellschaften. “Lunar Park”, sein jüngster Roman, ist eine grandiose Satire auf das Glitzerleben auf der Gewinnerseite des amerikanischen Traums. Erst durch Verzerrung tritt die Nachtseite ins Licht. Meine Rezension von “Lunar Park” findet sich hier.

 

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